Zum Hauptinhalt springen

Der Fall Oscar Pistorius ist erneut vor Gericht

Notwehr oder Vorsatz? Wie es dazu kam, dass Oscar Pistorius seine Freundin Reeva Steenkamp erschossen hat, ist immer noch nicht klar.

Ein «gefallener Held»: Pistorius bei der ersten Urteilsverkündung 2015. Foto: Siphiwe Sibeko (Reuters)
Ein «gefallener Held»: Pistorius bei der ersten Urteilsverkündung 2015. Foto: Siphiwe Sibeko (Reuters)

Ein Mann rennt eine Strasse entlang. Schneller und immer schneller. Unterhalb der Knie fehlen seine Beine. Er rennt auf eigens angefertigten Karbon-Prothesen. Mehrere Goldmedaillen hat Oscar Pistorius damit bei den Paralympics gewonnen, als erster beidseitig beinamputierter Sprinter nahm er 2012 auch an den Olympischen Spielen teil. «Ich gebe nicht auf, bis ich habe was ich will», sagt der Schauspieler, der den Südafrikaner mimt.

In der nächsten Szene sieht man ihn mit einer Frau im Bett, «du bist mein persönlicher Engel» raunt er ihr zu. Schnitt. Jetzt hat er plötzlich eine Pistole in der Hand. «Raus aus meinem Haus», schreit er panisch. Er schiesst. «Basierend auf der wahren Geschichte», heisst es in dem Trailer. Doch was ist die wahre Geschichte? Darüber streitet Südafrika seit Jahren. Zum dritten Mal muss sich von diesem Freitag an ein Gericht mit dem Fall Pistorius befassen.

Geht es nach den Machern von «Oscar Pistorius: Blade Runner Killer», der am 11. November erstmals im amerikanischen Fernsehen gezeigt werden soll, ist klar, was der Ausnahmesportler wirklich ist: ein kaltblütiger Killer. Sein Bruder bezeichnet den Film dagegen als«grobe Verzerrung». Was genau zwischen Pistorius und seiner Freundin Reeva Steenkamp passiert ist, darüber sind sich auch die Juristen bis heute nicht einig. Klar ist nur: Er hat das Model am Valentinstag 2013 durch die geschlossene Badezimmertür erschossen. Aus welchen Motiven heraus er es tat, ist bis heute umstritten.

Trailer von «Oscar Pistorius: Blade Runner Killer» (englisch). Quelle: Youtube

Vor Gericht gab er an, sie für einen Einbrecher gehalten zu haben. Er sei nachts durch die Geräusche im Badezimmer in Panik geraten und habe vier Schüsse abgegeben, ohne zu bemerken, dass seine Freundin gar nicht neben ihm lag. Sein Verteidiger schilderte die Situation so: «Es ist drei Uhr morgens, es ist dunkel, er ist auf seinen Stümpfen. Sein Gleichgewicht ist ernsthaft beeinträchtigt, er wäre nicht in der Lage, sich zu verteidigen.» Anders als in Deutschland gibt es im südafrikanischen Recht nicht die Unterscheidung zwischen Mord und Totschlag. Allerdings wird nach der Art des Vorsatzes unterschieden. Die zentrale Frage lautete: Wollte der Athlet seine Freundin beziehungsweise einen Eindringling töten oder handelte er in Notwehr?

Richterin Thokozile Masipa verurteilte Pistorius im Oktober 2014 wegen fahrlässiger Tötung zu nur fünf Jahren Haft. Viele Juristen reagierten damals überrascht. «Wer in einen engen Korridor auf Hüft- oder Brusthöhe schiesst und weiss, dass sich hinter der Tür ein Mensch befindet, dem ist bewusst, dass der Tod eines Menschen nicht nur möglich, sondern sogar wahrscheinlich ist», sagte etwa Heiko Braun der «Süddeutschen Zeitung». Der Deutsche ist Rechtsanwalt in Johannesburg. Bereits nach einem Jahr wurde Pistorius aus dem Gefängnis in den Hausarrest entlassen – in die Villa seines wohlhabenden Onkels. Dort durfte er allerdings nicht bleiben.

«Er ist ein gefallener Held»

Bereits im Dezember 2015 wandelte ein Berufungsgericht das Urteil in «murder» um – ein Straftatbestand, der etwa dem deutschen Totschlag entspricht. Richterin Masipa musste deshalb ein neues Strafmass festlegen. Doch sie blieb mit sechs Jahren erneut deutlich unter der gesetzlich festgelegten Mindeststrafe von 15 Jahren. «Er ist ein gefallener Held, er hat seine Karriere verloren, er ist finanziell ruiniert», sagte sie bei der Urteilsverkündung im Juli 2016. Er sei Ersttäter und habe Reue gezeigt, nun müsse er eine Chance haben, sich zu rehabilitieren.

Die Staatsanwaltschaft fand das Urteil «schockierend milde» und legte Revision ein. Auch viele Südafrikaner waren empört, dass das neue Strafmass nur ein Jahr über dem alten liegt. Vielen galt das als Zeichen, dass wohlhabende Weisse vor Gericht noch immer anders behandelt werden als Schwarze. Eine prominente Frauenorganisation kritisierte zudem, es sende ein fatales Signal der Nachsicht gegenüber häuslicher Gewalt. Die schwarze Richterin Masipa wies das zurück: «Unsere Gerichte dienen dem Gesetz, nicht der öffentlichen Meinung.»

Pistorius leidet unter Depressionen

Nun also wird der Fall zum dritten Mal verhandelt. Pistorius selbst, der derzeit in Pretoria im Gefängnis sitzt, wird an diesem Freitag nicht vor Gericht erwartet. Dass das jahrelange Hin und Her dem heute 30-Jährigen zusetzt, war aber bereits bei den vorangegangenen Anhörungen zu sehen, die Millionen Zuschauer live im Fernsehen verfolgt hatten. Immer wieder verlor der einstige Nationalheld die Fassung. Ein von der Verteidigung bestellter psychologischer Gutachter erklärte 2016, er leide unter schweren Depressionen und posttraumatischem Stress.

Der Prozess könnte nun endlich der letzte Akt in dem jahrelangen Justizdrama sein. Zumindest ist es das letzte Mal, dass sich ein Gericht mit dem Strafmass befassen wird – die Rechtsmittel sind ausgeschöpft. Der Streit um die Wahrheit wird aber wohl weiter die Justiz beschäftigen. Pistorius' Familie hat angekündigt, gegen die Ausstrahlung von «Oscar Pistorius: Blade Runner Killer» vorzugehen. Und auch die Eltern von Steenkamp, die vom deutschen Model Toni Garrn gespielt wird, sind wütend über den Film, weil er aus der Perspektive des Opfers und dessen Mutter erzählt wird. Zumindest der Eindruck, die Familie befürworte den Film, sei schlicht «nicht wahr».

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch