Plötzlich verliert der falsche Engel die Nerven

Rapperin Loredana soll mit ihrem Bruder ein Walliser Ehepaar um 700'000 Franken gebracht haben. In einer grotesken Pressekonferenz in Pristina wehrt sie sich.

Ihr Auftritt löst bei Landsleuten Schamgefühle aus: Rapperin Loredana tritt an einer Medienkonferenz in Pristina vor die Öffentlichkeit. Video: Tamedia

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Sie fahren vor wie die Figuren eines billigen Mafiafilms. Vor dem Emerald-Hotel am Rande Pristinas kommt eine Wagenkolonne samt Geländewagen zu stehen, ein bärtiger Typ steigt aus, brüllt die Journalisten an, sie sollen keine Aufnahmen machen. Dann marschiert Loredana Zefi ins Hotel, die Rapperin aus Emmenbrücke. Sie ist ganz in Weiss gekleidet, sie trägt eine Sonnenbrille, schwarz und übergross. Mit dabei sind auch ihre Anwälte und 40 Journalisten. «Warum ist das so spannend?», fragt jemand.

Der Grund für den Trubel ist eine Pressekonferenz mit Loredana, 24 Jahre alt, mit kosovo-albanischen Wurzeln, von Beruf: Rapperin und Influencerin.

Bildstrecke: So präsentiert sich Rapperin Loredana

Es ist das Ende einer Woche, in der Loredana in die Schlagzeilen geriet. Sie soll zusammen mit ihrem Bruder ein Walliser Ehepaar um rund 700'000 Franken erleichtert haben, berichtete «20 Minuten» – es gilt die Unschuldsvermutung. Loredanas Bruder hat die Walliserin auf einer Datingplattform kennen gelernt und von ihr 200'000 Franken bekommen, um eine vermeintliche Nierenoperation seiner Mutter zu finanzieren. Anfang 2018 schaltet sich dann Loredana ein. Sie gibt sich als Anwältin Anna Landmann aus – angeblich die uneheliche Tochter des Zürcher Juristen Valentin Landmann – und soll dem Walliser Ehepaar versprochen haben, ihr Geld für sie zurückzuholen – vorausgesetzt, dass sie ihr weiteres Geld geben. Das Ehepaar tut wie geheissen, sie verschulden sich dabei bei Freunden und Verwandten. Innerhalb weniger Monate soll die vermeintliche Landmann-Tochter die beiden um Hunderttausende von Franken erleichtert haben. Verdacht auf Betrug, lautet nun der Vorwurf.

100 Millionen Mal gesehen

Loredana ist als Jüngstes von zehn Kindern einer albanischen Familie aufgewachsen. Sie taucht vor zwei Jahren zunächst in den sozialen Medien auf als Freundin des kosovarischen Rappers Mozzik, der heute ihr Ehemann ist und an der Pressekonferenz neben ihr sitzt. Danach fängt sie an, eigene Lieder zu veröffentlichen. Mit ihren ersten drei Songs erreicht Loredana fast 100 Millionen Ansichten auf Youtube. In den sozialen Medien folgen ihr Millionen von Menschen.

Jetzt ist sie also in Pristina. Sie plante hier Drehtage für einen Videoclip, nun aber wolle sie über die Sache sprechen, die 2016 ihren Anfang genommen habe, erklärt sie etwas holprig auf Albanisch. Es folgt eine skurrile Show mit wirren Aussagen von Loredana und mit zwei Anwälten, die sich widersprechen. Ein Teil ihrer Familie sei in die Angelegenheit verwickelt, sagt Loredana, sie aber habe erst im Jahr 2018 davon erfahren. Sie habe nur helfen wollen und räumt ein, dass Geld geflossen sei. Doch ohne Gewalt, Betrug oder Drohungen – alles freiwillig.

Video: Instagram-Star Loredana Zefi wurde festgenommen

Es läuft eine Untersuchung wegen Verdachts auf Betrug. Video: Youtube

Ihr Schweizer Anwalt erklärt, seine Klientin sei nicht in U-Haft gewesen. Er bezeichnet die geprellte Walliserin als «Opfer». Sein kosovarischer Anwaltskollege Tomë Gashi versucht, ihn zu korrigieren und spricht von einer «geschädigten Person». Dass Loredana und ihr Bruder das Walliser Ehepaar um 700'000 Franken erleichtert haben sollen, wird von den Anwälten in Abrede gestellt. Diese Summe würde sich nach viel Geld anhören, doch in der reichen Schweiz sei das eine Kleinigkeit. Ausserdem laufe der Betrag laut Akten auf 350'000 Franken.

Anwalt Gashi ist jetzt in seinem Element. Er verhöhnt die Journalisten, korrigiert ihre Fragen, weist sie brüsk zurück. Die Rapperin hat sich zurückgelehnt und lacht immer wieder. Die wichtigsten Fragen aber, die beantwortet sie nicht. Ist Loredanas Bruder strafrechtlich aufgefallen? Keine Antwort. Warum gab sie sich bei den Opfern als Anwältin Anna Landmann aus? Keine Antwort. Hat sie einen Schweizer Pass und gab es Probleme bei der Einbürgerung? «Das ist doch meine Privatsache», sagt Loredana und grinst. Nach dem Bekanntwerden des Walliser Falls haben sich weitere Personen gemeldet, die offenbar von Loredana betrogen wurden. «Wo waren sie vorher?», fragt sie. Sie ist überzeugt, dass der Skandal ihrer Karriere nicht schaden wird.

Wenn Loredana nicht gerade Menschen um ihr Geld bringt, dann singt sie darüber. «Ich nehm dir all dein Cash weg», rappt sie in ihren Tracks, die 1,5 Millionen Menschen auf Spotify verfolgen. Oder: «Sonnenbrille schützt meine Identität.» Ihre Texte holen sie in diesen Tagen ein, sie scheint so «bad», wie es sich für dieses Musikgenre gehört. Loredana protzt in ihren Videos nach bester Gangsterrapper-Manier: Luxuskarren, schwere Goldketten, Markenkleider mit überdimensionierten Logos und ein dickes Bündel 100-Franken-Noten in der Hand, das sie nonchalant auf den Boden regnen lässt.

Loredana verliert die Nerven

Es ist ein höchst verrückter Fall, weil darin Welten aufeinanderprallen, wie sie nicht weiter voneinander entfernt liegen könnten. Und trotzdem stehen beide für die Schweiz des 21. Jahrhunderts: hier das Ehepaar aus dem Wallis, sie Kellnerin, er Lastwagenchauffeur, gutgläubig und scheinbar auch vermögend genug, um einer Internetbekanntschaft Hunderttausende von Franken in bar auszuhändigen. Da die Rapperin kosovarischer Herkunft, ein Internetstar und, falls die Vorwürfe zutreffen, offensichtlich ein waschechtes Gangstergirl.

Als solches möchte sie aber nicht wahrgenommen werden. Auf die Frage, ob sie mit ihrem Verhalten auch das Image der Kosovo-Albaner in der Schweiz beschmutzt habe, verliert sie die Nerven. Sie steht auf, beklagt sich, sie sei in der Schweiz zu wenig gewürdigt worden. Ihr Ehemann fordert sie auf, sich wieder hinzusetzen.

Im Hotel Emerald finden in der Regel Anlässe zum Aufbau des Rechtsstaats oder zu Genderfragen statt. Im Sommer erobern viele Albaner aus der Schweiz das Hotel und feiern märchenhafte Hochzeitsfeste, die manchmal im finanziellen Ruin enden. Gestern Freitag aber schaut vermutlich ganz Kosovo zu, wie ein narzisstisch veranlagtes Mädchen über ihre heilige Familie spricht: «Wenn es um meine Familie geht, kenne ich nichts.»

Loredana an der Pressekonferenz, ganz in Weiss und mit Sonnenbrille. Foto: Keystone

So heilig ist die Familie nicht, wie man in Pristina erfährt. Der Zefi-Clan stammt aus der Stadt Ferizaj im Süden Kosovos. Am Familientisch wird zwar oft die Bibel zitiert – ein Onkel Loredanas ist einer der höchsten Würdenträger der katholischen Kirche Kosovos. Doch es heisst auch, dass andere Angehörige der Zefi-Familie im Drogengeschäft mitmischen.

Die Betrugsvorwürfe gegen Loredana lösen bei vielen Kosovaren Schamgefühle aus. Das ist in diesem Land immer so, wenn Diaspora-Albaner als Gesetzesbrecher, Betrüger oder Drogenhändler entlarvt werden.

Inzwischen hat sich Loredana in Rage geredet. Ihr Anwalt sagt, dass man einen Weg finden werde, um das Geld zurückzuzahlen, und ein kosovarischer Rapper meldet sich zu Wort: «Jeder ist unschuldig, solange nicht das Gegenteil bewiesen ist.» Er klatscht – und Loredana jubelt.

Erstellt: 11.05.2019, 07:10 Uhr

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