Interview: «Wir messen den Permafrost auch ob Andermatt und am Matterhorn»

Was trug zum Felssturz im Bergell bei? Und wo wird der schwindende Permafrost zum Problem? Dazu WSL-Forscherin Marcia Phillips.

Gewaltige Felsmassen donnerten vom Piz Cengalo ins Tal. (Video: Tamedia-Webvideo/Leserreporter)

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Spielte der auftauende Permafrost, also das Eis im Fels eine Rolle beim Bergsturz am Piz Cengalo?
Bei grossen Ereignisssen spielt der auftauende Permafrost generell eine kleine Rolle. Viel wichtiger ist unter anderem die Struktur des Felses und die Entgletscherung am Fuss des Berges. Auch der Gletscher am Cengalo ist stark abgeschmolzen und dadurch verlor der Fels eine Stütze und wurde instabiler. Diese Konstellation ist grundsätzlich eine Gefahr im Gebirge. Das ist eines der Ergebnisse unserer Forschungen. Ich kann mir vorstellen, dass am Piz Cengalo ähnliche Mechanismen wirken wie am Piz Kesch. Hinter dem Felssturz-Ereignis am Kesch 2014 steht eine mehrere tausend Jahre lange Entwicklung, die durch vorstossende und abschmelzende Gletscher geprägt war.

Das heisst, der Absturz ist kein typisches Sommerereignis?
Grosse Felsstürze können das ganze Jahr passieren. Der letzte Bergsturz am Piz Cengalo war im Dezember 2011. Da fielen 1,5 Millionen Kubikmeter Gestein hinunter. Das aktuelle Ereignis ist bedeutend grösser.

Ist zu erwarten, dass das gesamte Bergmassiv in den nächsten Jahren noch instabiler wird?
Das kann man noch nicht sagen. Wir werden nächste Wochen erste Messungen machen, um die Situation abschätzen zu können. Meistens kommt nicht alles auf einmal runter, sondern es ist mit weiteren kleineren Stürzen zu rechnen.

Video: Bild der Zerstörung

Eine Drohne hat das Ausmass der Zerstörung in Bondo gefilmt.

Es sind also die schmelzenden Gletscher, die in Zukunft zu mehr Bergstürzen und Murgängen führen?
Unter anderem. Zum Beispiel wie am Piz Kesch im Engadin. Die gesamte Nordwand ist heute entgletschert. Und das war einer der Hauptfaktoren, die zum Bergsturz 2014 führten. Auch die grossen Felsbewegungen im Gebiet Moosfluh an der Flanke zum Aletschgletscher ist auf den Gletscherrückgang zurückzuführen.

Wie gross ist denn die Gefahr des tauenden Permafrost im Fels?
Auftauender Permafrost wird erst zum Problem, wenn die Felsstruktur nicht massiv genug ist. In unseren Messnetzen stellen wir fest, dass die Temperaturen im Permafrost steigen. Die Auswirkungen sind jedoch unterschiedlich. Im Fels der Ostflanke des Jungfraujoch auf gut 3600 Meter Höhe sind die Temperaturen deutlich gestiegen, sind aber immer noch so tief, dass der Fels stabil bleibt. Permafrost wirkt stabilisierend bis zu einer Temperatur von ungefähr minus 1,5 Grad. Oberhalb dieses Wertes ist das Eis mit dem Fels nicht mehr gut gekittet und die Stabilisierung geht verloren. Bröckelnde Felsen durch auftauenden Permafrost sind vor allem eine Gefahr für Bergsteiger und Wanderer im Hochgebirge. Gut zu wissen ist, dass die wärmeren Südhänge stabiler sind, da dort weniger Permafrost vorhanden ist.

Video: So sieht es in Bondo heute aus

Geröll und Schlamm überdecken grosse Flächen des Dorfes im Bergell. (Keystone-SDA)

Kann man die Gefahrenzonen in der Schweiz ausmachen?
Das kann man bisher nicht. Es gibt wohl eine Permafrosthinweiskarte, aber die zeigt nur, wo vermutlich Permafrost vorkommt. Wir arbeiten im Moment daran, eine Permafrostkarte zu machen, auf der man die Untergrund-Temperaturen abbildet. Wichtig ist aber, dass wir eine Karte haben, die man stetig anpassen kann. Denn die Temperaturen verändern sich. Eine zuverlässige Fels-Stabilitäts-Karte herzustellen, wäre sehr schwierig.

In welchen Gebieten messen Sie?
Da wäre der Schafberg ob Pontresina oder der Gemsstock ob Andermatt. Wir messen am Kärpf in Glarus, am Matterhorn und am Jungfraujoch. Grundsätzlich sind viele der instabilen Standorte im Hochgebirge, in den meisten Fällen hat es dort keine Infrastruktur.

Wie gefährdet sind Bergbahnen, die in Permafrostgebieten gebaut wurden?
Es gibt viele Bergbahnen in solchen Zonen. Sie werden vom Bundesamt für Verkehr genau überwacht, weil ein grosses Schadenspotenzial vorhanden ist.

Bildstrecke: Bergsturz im Bergell

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.08.2017, 21:03 Uhr

Marcia Phillips, Permafrostforscherin beim Institut für Schnee- und Lawinenforschung SLF in Davos

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