Der Horror-Zahnarzt von Château-Chinon

Ein niederländischer Arzt quälte in Frankreich jahrelang seine Patienten.

Mark Van N. wird als begnadeter Manipulator beschrieben. Foto: Keystone

Mark Van N. wird als begnadeter Manipulator beschrieben. Foto: Keystone

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In Frankreich nennen sie ihn nur schlicht den «Zahnarzt des Horrors» oder den «Metzger von Château-Chinon». Was er seinen Patienten angetan hat, ist tatsächlich grauenvoll: Ohne Vorwarnung und Absprache hat er ihnen Zähne gezogen, oft unnötigerweise, manchmal bis zu acht auf einen Schlag, um ihnen dann auf den noch offenen Wunden ein Gebiss anzupassen. Anderen hat er Wurzeln gezogen und dabei «ganze Fleischfetzen rausgerissen», wie ein Patient vor Gericht aussagte. Er hat Kiefer durchbohrt, die sich später entzündet haben. Die Aussagen seiner ehemaligen Patienten vor dem Strafgericht in Nevers, wo sich der 51-Jährige Zahnarzt seit Anfang März verantworten muss, klingen wie Szenen aus einem Horrorfilm. Mehr als 100 von ihnen haben gegen den Mediziner aus den Niederlanden wegen Verstümmelung, Körperverletzung und Betruges geklagt.

«Ist er ein Verrückter, ein Quacksalber oder ein Betrüger?», fragte der Anwalt der Kläger zu Beginn des Prozesses. Inzwischen scheint die Antwort klar: Alles trifft auf ihn zu. Habgier, Kälte und Sadismus seien seine Motive gewesen. Das ist zumindest der Schluss, den die Staatsanwältin Lucile Jaillon-Bru nach nur fünf statt der ursprünglich angesetzten 21 Prozesstage gezogen hat. Es habe sich nicht um «Behandlungen, sondern um absichtliche Verstümmelungen gehandelt, ausgeführt in der Absicht, Rechnungen zu erstellen», schloss die Staatsanwältin. In einem vierstündigen Plädoyer forderte sie acht Jahre Gefängnis und Berufsverbot für den Angeklagten. Das Urteil wird am 26. April verkündet.

Eine klägliche Erscheinung

Jacobus Van N., genannt Mark Van N., sass die meiste Zeit apathisch auf der Anklagebank. Der 51-Jährige, der von bulliger Statur ist, wirkte wie in sich zusammengefallen, das Gesicht geschwollen. Seine klägliche Erscheinung hatte nicht mehr viel mit dem «stattlichen und schönen Mann» zu tun, den seine Patienten bei seiner Niederlassung beschrieben hatten. Doch wer Reue oder Entschuldigungen von ihm erwartet hatte, wurde enttäuscht. Der Niederländer zeigte keinerlei Mitleid für seine Opfer. «Kein Kommentar» antwortete er auf die meisten Anschuldigungen. Nur am zweiten Prozesstag lies er zu seiner Entschuldigung wissen: «Ich war seelisch in einer Situation, dass die Menschen um mich herum mich nicht interessierten.» Später fügte er hinzu: «Wenn ich mich entschuldigen würde, würde ich lügen.» Für Nicole Martin, Vorsitzende der Opfervereinigung, waren diese Worte eine «wahre Ohrfeige»: «Er hat keinerlei menschliche Züge», sagte die Rentnerin.

Ein psychologischer Gutachter hatte ihn als Persönlichkeit mit starker «narzisstischer Störung» beschrieben. Hauptproblem des Angeklagten: «mangelndes Mitgefühl». Ein anderer Gutachter unterstrich den «grausamen und perversen Aspekt» seiner Persönlichkeit. So passte er beispielsweise einer Rentnerin künstliche Zähne an, ohne die Vernarbung abzuwarten. Nicht nur, dass der künstliche Zahnersatz über ihre Mittel ging. «Er wusste zweifellos, dass dies Schmerzen bereiten würde und weigerte sich in der Folge, diese zu erleichtern», heisst es in dem Gutachten. Van N. gestand im Vorfeld des Prozesses, Probleme mit seiner sexuellen Identität und Selbstmordgedanken zu haben. Er beschrieb sich selbst als Borderline.

Einst wie ein Messias begrüsst

Dabei war der niederländische Zahnarzt wie der Messias begrüsst worden, als er sich 2008 in dem kleinen Städtchen Château-Chinon niedergelassen hatte. Die Region Morvan im Burgund leidet wie so viele ländliche Gegenden in Frankreich unter akutem Ärztemangel, weshalb ein Headhunter beauftragt worden war, um einen Zahnarzt zu finden. Bis zu 26 Patienten empfing er Tag für Tag in seiner Praxis. Er rechnete Behandlungen ab, die er nicht gemacht hatte - oder behandelte nur, um abzurechnen. Van N. lebte in dieser Zeit auf sehr grossem Fuss, fuhr Luxusautos, die er geleast hatte, wohnte in einer auf Kredit gekauften Villa, umgab sich mit attraktiven Frauen, darunter zwei ehemalige Prostituierte. Zur Praxiseröffnung hatte er einen Empfang gegeben und Lokalpolitiker eingeladen. Erst nach vier Jahren, als sich die Klagen der Patienten häuften und auch die Sozialversicherung stutzig wurde, schloss er seine Praxis unter dem Vorwand, er habe sich den Arm verletzt. Als Ende 2013 ein Ermittlungsverfahren gegen ihn eröffnet wurde, flüchtete er nach Kanada. Bei seiner Verhaftung 2014 versuchte er, sich das Leben zu nehmen und wurde blutüberströmt aus seinem verschlossenen Badezimmer geholt. Darauf behauptete er, seine Frau 2006 umgebracht zu haben und wurde in die Niederlanden ausgeliefert.

Auch in Frankreich war gegen ihn im Rahmen eines Mordes ermittelt worden. Dort war ein Rentner durch Kopfschuss ermordet worden. Dessen Lebensgefährtin war eine Niederländerin, die mehrere Jahre in seiner Praxis gearbeitet hatte und 8000 Euro Schulden von ihm gefordert hatte. Van N. konnte in diesem Mordfall nichts nachgewiesen werden.

«Ein hervorragender Manipulator»

Bleibt die Frage, wie der Horror-Zahnarzt vier Jahre lang seine Patienten ungestört quälen konnte, ohne dass es Protest von Patienten gegeben hat? «Weil er ein hervorragender Manipulator war», sagt Nicole Martin von der Opfervereinigung. «Er war nett, ja liebenswürdig. Aber nur, um seine Beute anzuziehen.» Er habe auch Angst gemacht, gestand die Rentnerin. «Man kam nicht los von ihm. Sein Statur, sein Blick, fesselte einen. Wenn man auf seinem Zahnarztstuhl lag, fühlte man sich wie eine kleine Ameise in den Händen eines Muskelprotzes, der einen dominierte.» Zu symbolischen Geldstrafen von 700 Euro für 16 Patienten wurde Van N. verurteilt. Ob seine Patienten finanzielle Entschädigung erhalten werden, ist noch offen. 1,3 Millionen Euro Schulden soll der Horror-Zahnarzt haben. Seine Versicherung hatte ihm den Vertrag aufgekündigt. Von den 100 Klägern sind 53 als Opfer anerkannt, bei 20 weiteren plädiert die Staatsanwältin sogar auf vorsätzliche Körperverletzung. Immerhin das haben seine Patienten erreicht: «Wir sind jetzt als Opfer anerkannt und gelten nicht mehr als die Märchenerzähler aus dem Morvan», sagte Martin erleichtert nach dem letzten Verhandlungstag.

Erstellt: 17.03.2016, 22:32 Uhr

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