Der Jahrhundertfälscher malt nun in Meggen

Wolfgang Beltracchi gilt als der gerissenste und talentierteste Kunstfälscher der Nachkriegszeit. Seit einigen Monaten wohnt er mit seiner Frau im Kanton Luzern – wo er gerne Interviews gibt.

Wohnen mit Blick auf den Vierwaldstättersee: Die Beltracchis. Bild: Franziska Rothenbühler

Wohnen mit Blick auf den Vierwaldstättersee: Die Beltracchis. Bild: Franziska Rothenbühler

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Reiche, prominente Ausländer zieht es in die Schweiz, viele davon lassen sich an den Gestaden des Zürich-, Zuger- oder Vierwaldstättersees nieder. Einen bekannten Neuzuzug konnte dieses Jahr auch die Luzerner Steueroase Meggen verbuchen. Doch während die meisten Neuzuzüger möglichst kein grosses Tamtam um ihren neuen Steuersitz machen wollen, scheint Wolfgang Beltracchi geradezu die Öffentlichkeit zu suchen. Heute erschien ein ganzseitiges Interview in der «Luzerner Zeitung» und deren regionalen Split-Ausgaben, einen Monat zuvor war die «Bilanz» mit fünf Seiten dran. Seine Aussagen strotzen vor Selbstbewusstsein: «Das kann kein anderer» oder «Ich bin einfach der Beste».

Beltracchi, der ursprünglich Fischer hiess, wurde 2010 weltweit bekannt, als er als Kunstfälscher aufflog. Bis dahin waren seine Werke nur unter den Namen wie Max Ernst, Max Pechstein, Fernand Léger, André Derain und Heinrich Campendonk bekannt. Während fast 40 Jahren malte er über 300 Bilder grosser Meister, seine Frau Helene war für den Verkauf zuständig, und der Grossvater musste als fiktiver Sammler herhalten.

Bilder: Die Werke des Meisterfälschers

Auf die Schliche kam man ihm, als durch chemische Analyse bei einem seiner gefälschten Werke – «Rotes Bild mit Pferden» – modernes Titanweiss nachgewiesen werden konnte. Sein Pech: Diese Farbe existierte zu der angegebenen Entstehungszeit der Bilder von Heinrich Campendonk (1889–1957) noch nicht. Beltracchis Malerei mündete in einen der grössten Kunstfälscherprozesse seit dem Zweiten Weltkrieg, 2011 wurde er zu sechs Jahren Haft im offenen Vollzug verurteilt, seine Ehefrau zu vier. Am 9. Januar 2015 wurde Wolfgang Beltracchi aus der Haft entlassen und die Reststrafe zur Bewährung ausgesetzt.

Bilder für Art on Ice und Vorträge in Luzern

Und nun malt Beltracchi – unter seinem richtigen Namen – am Vierwaldstättersee. Als Atelier nutzt er einen ehemaligen Jugendstil-Tanzsaal beim Gasthof Kreuz. Dort arbeitet er gerade an 23 Bildern «mit der Handschrift grosser Künstler aus 2000 Jahren europäischer Kunstgeschichte» («Bilanz») für die Wanderausstellung «Kairos, der richtige Moment». Daneben malt er Bildprojektionen für Art on Ice im Hallenstadion Zürich, ist Botschafter von Ford Schweiz und hält Vorträge an der Kunsthochschule in Luzern. Und «wenn ich zum Bäcker gehe, will immer irgendwer ein Autogramm. Grossartig!»

«Wenn ich zum Bäcker gehe, will immer irgendwer ein Autogramm.»Wolfgang Beltracchi

Laut der «Schweiz am Wochenende» wohnen die Beltracchis in einer Luxuswohnung ganz in der Nähe der Villa, die einst dem verstorbenen Rohstoffhändler Marc Rich gehörte. In die Schweiz sei man gezogen, weil «das Land ist für uns die einzig wirkliche Demokratie, die es noch gibt in Europa.» Die Situation in Frankreich, wo das Ehepaar seine Kinder grossgezogen hatte, gefiel ihnen wegen des Aufstiegs der Rechtspartei Front National schon länger nicht mehr. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.12.2017, 14:51 Uhr

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