Der MacGyver der Medizin

Henry Heimlich, 96-jähriger Erfinder des Heimlich-Griffs, rettet eine Pensionärin vor dem Erstickungstod.

Erfinder des lebensrettenden Klammergriffs: Henry Heimlich. Foto: Al Behrman (Keystone)

Erfinder des lebensrettenden Klammergriffs: Henry Heimlich. Foto: Al Behrman (Keystone)

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Am vergangenen Montag verschluckte sich die 87-jährige Patty Ris an einem Stück Hamburger. Sie rang um Luft, drohte zu ersticken. Doch mit ihr im Speisesaal des christlichen Altersheims in Cincinnati, Ohio, sass Henry Heimlich, 96 Jahre alt. Er stand auf, fasste die Dame von hinten um den Leib, drückte zu – und das Stück Fleisch sprang ihr aus dem Rachen. Heimlich, Arzt im Ruhestand, hatte seinen eigenen Heimlich-Griff angewendet. Zum ersten Mal im Leben.

Dies zumindest behauptete das Altersheim, das den Vorfall sofort öffentlich machte, der Presse praktische Video-Interviews mit Dr. Heimlich, der geretteten Frau sowie einem Serviceangestellten des Speisesaals zur Verfügung stellte. «Es ist, als ob mein lebenslanges Schaffen bestätigt würde», sagte Heimlich darin. Und ja, er habe den Griff oft erklärt, aber bis jetzt nie selber eingesetzt, bestätigte er der «New York Times». Damit widerspricht der nette, betagte Mann zwar einem Bericht der BBC von 2003, in dem er bereits einen eigenen Einsatz erwähnt. Aber wer will jetzt kleinlich sein: Leben retten mit 96 ist grossartig, und mit der eigenen Methode: famos.

Antibiotika mit Rasierschaum

Indirekt hat Henry Heimlich schon Hunderttausende gerettet. Prominente wie Cher, Ronald Reagan oder Elizabeth Taylor, aber vor allem ganz gewöhnliche Männer, Frauen, Kinder. Ihre Dankesbriefe bewahrt der Arzt in Sammelalben auf. Wo immer er auftrat, erzählten ihm die Menschen von Dramen mit Happy End: «Sie sagen mir: Du hast mein Kind gerettet», so Heimlich einmal.

Henry Heimlich, geboren 1920 im Ostküstenstaat Delaware, beschrieb seinen Griff erstmals 1974 in einem Aufsatz. Zwei Jahre zuvor hatte er gelesen, dass Tausende Amerikaner jedes Jahr durch Ersticken sterben – er wollte etwas tun dagegen. Erste Versuche machte er mit Beagle-Hunden und Fleischbrocken.

Sein Griff ist simpel: Die eine Hand macht eine Faust, die andere umfasst sie unterm Brustkorb des Erstickenden. Dann wird nach oben gedrückt, gegen das Zwerchfell, bis der Fremdkörper austritt. Es funktioniert. Der Heimlich-Griff wird heute weltweit angewandt.

Berichterstattung über die Heldentat auf einem Youtube-Kanal. Video: New York Daily News (Youtube)

Für Henry Heimlich aber ist der Griff nur eine seiner vielen Leistungen. In seiner 2014 erschienenen Autobiografie («Heimlichs Manöver») beschreibt er, wie er während des Zweiten Weltkriegs als Feldarzt in China eine Methode zur Behandlung von bakteriellen Augenentzündungen ersann; er mischte pulverisierte Antibiotika mit Rasierschaum. Später erfand er ein Ventil, das bei brustverletzten Patienten ein Kollabieren der Lunge verhindert – im Vietnamkrieg kam es auf beiden Seiten zum Einsatz. Ein wohlwollender Rezensent nennt Heimlich einen «medizinischen MacGyver», nach dem erfinderischen Helden der 80er-Jahre-Fernsehserie.

Natürlich gab es auch Kontroversen. Kuriose Versuche, HIV-Patienten mit Malaria zu behandeln. Einen zornigen Sohn, der den Vater als Hochstapler bezeichnete. Doch das ändert nicht, dass der Heimlich-Griff funktioniert. Am Tag nach ihrer Rettung, erzählt Heimlich im Video, habe sich die Dame im Speisesaal direkt neben ihn gesetzt. Sicher ist sicher.

Erstellt: 31.05.2016, 18:12 Uhr

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