Der Meisterdieb mit den Schraubenziehern

150 Einbrüche soll ein 44 Jahre alter Montenegriner in der Schweiz seit 2014 verübt haben – wohl ein Rekord. Jetzt kommt er vor Gericht.

Dragan D. benutzte jeweils nur zwei Schraubenzieher, um in die Häuser zu gelangen. Symbolbild: imago, Panthermedia

Dragan D. benutzte jeweils nur zwei Schraubenzieher, um in die Häuser zu gelangen. Symbolbild: imago, Panthermedia

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Für seine Einbruchstouren brauchte Dragan D. nur zwei Schraubenzieher. Damit wuchtete er Balkontüren oder Fenster von Ein- und Mehrfamilienhäusern auf. Was Dragan D. an Bargeld, Schmuck und anderen leicht zu transportierenden Wertsachen fand, stopfte er in einen kleinen Rucksack. Der Mann kam meist in der Dämmerung oder nachts, war schnell wieder weg – und er führte die Ermittler jahrelang an der Nase herum.

Dragan D. ist 44 Jahre alt, verheiratet, stammt aus Montenegro. Er hatte weder in seinem Heimatland noch in der Schweiz eine Arbeit – zumindest keine legale. Denn seit 2014 kam der Mann meist jedes Jahr im Winter für mehrere ­Wochen in die Schweiz. Insgesamt 150 Einbrüche und Einbruchsversuche werden ihm zur Last gelegt – oft stieg er an einem Tag gleich mehrmals in Häuser ein.

Auf frischer Tat ertappt

Das ist ziemlich sicher ein ­Rekord. In der Schweiz ist kein ­vergleichbarer Fall bekannt, zumal Dragan D. ohne Komplizen oder Gehilfen arbeitete. Die Familie, bei welcher der Montenegriner im Sankt-Gallischen jeweils wohnte, will nichts von seinen nächtlichen Ausflügen gewusst haben.

Der Meisterdieb beging die Delikte in den Kantonen St. Gallen, Thurgau, Zürich, Schaffhausen, Neuenburg und Appenzell Aus­serrhoden. Am stärksten betroffen waren der Grossraum Wil SG ­sowie der Hinter- und Mittelthurgau. Seine Rekordserie endete erst, als ihn die Polizei im Dezember 2018 auf frischer Tat ertappte.

Der Einbrecher nahm den Nachnamen seiner Frau an

Mitte Februar kommt es am Kreisgericht See-Gaster in Uznach SG zum Prozess. Verantworten muss sich Dragan D. unter anderem wegen gewerbsmässigen Diebstahls, mehrfacher Sachbeschädigung ­sowie mehrfachen Hausfriedensbruchs. Die Staatsanwaltschaft verlangt eine Freiheitsstrafe von fünf Jahren. Zudem soll er für zehn Jahre des Landes verwiesen werden. Für den Mann gilt die Unschuldsvermutung. Sein amtlicher Verteidiger wollte sich nicht äussern.

Die Anklageschrift, die der SonntagsZeitung vorliegt, zeigt, wie gerissen Dragan D. vorging. Selbst eine erste Strafe konnte ihn nicht bremsen. Denn bereits im Oktober 2016 hatte ihn die Staatsanwaltschaft Winterthur wegen Einbrüchen zu einer bedingten Freiheitsstrafe verurteilt mit einer Probezeit von zwei Jahren.

Exakt das Ende der Probezeit wartete Dragan D. nach der Verurteilung ab, um dann im Oktober 2018 erneut in die Schweiz ein­zureisen – und wieder zuzu­schlagen. Davor hatte er den Nachnamen seiner Frau übernommen, seine neuen Papiere vom montenegrinischen Staat erhielt er im September 2018, also just vor ­seiner erneuten Einreise in die Schweiz. Das ist darum relevant, weil gegen ­Dragan D. noch eine Einreise­sperre bis 2020 verhängt war. Wäre er damals in der Schweiz kontrolliert worden, wäre er mit seiner neuen Identität unter Umständen gar nicht aufgeflogen.

Zahl der Einbrüche in der Schweiz deutlich gesunken

Umso bemerkenswerter ist der Fall von Dragan D. auch, weil ­Kriminaltourismus immer seltener wird. Die Zahl der Einbrüche in der Schweiz ist deutlich zurückgegangen. 2009 gab es laut Bundesamt für Statistik weit über 50'000 Einbrüche, 2018 waren es nur noch rund 30'000. Auch die Ausbeute wird für die Ganoven immer schlechter. Zahlen der Mobiliar jedenfalls zeigen: 2013 vergütete die Versicherung Schäden von 10'300 Einbrüchen – mit total 48 Millionen Franken. 2018 gab es 6300 Schäden mit einer Gesamtsumme von 17 Millionen Franken. Die Entschädigung pro Einbruch, also der entwendete Hausrat inklusive der Reparaturkosten, sank von rund 4700 auf 2700 Franken.

Dragan D. mag ein Auslauf­modell sein – er ist allerdings ein ­erfolgreiches. Mit seinen Ein­brüchen finanzierte er sich seinen Lebensunterhalt. Insgesamt er­beutete er Wertgegenstände und Bargeld im Wert von mehr als einer halben Million Franken. In der ­Anklageschrift heisst es, er habe mit dem Vorsatz gehandelt, «einen namhaf­ten Beitrag an seinen Lebensunterhalt zu verdienen».

Von der Beute ist allerdings nichts mehr übrig. Den Schmuck verscherbelte Dragan D. laut eigenen Aussagen teilweise massiv unter Wert. Das Geld setzte er ein, um seine Schulden zu tilgen. Oder er verjubelte es mit Glücksspielen. Als ihn die Polizei am 3. Dezember 2018 schnappte, fand sie bei ihm nur ­gerade 300 Franken Bargeld. Und zwei Schraubenzieher.



Dieser Text stammt aus der aktuellen Ausgabe. Jetzt alle Artikel im E-Paper der SonntagsZeitung lesen: App für iOSApp für AndroidWeb-App

Erstellt: 18.01.2020, 22:21 Uhr

Artikel zum Thema

«Profi-Einbrecher sagen sich: Das hat gut funktioniert»

In welchem Stadtkreis schlagen die Einbrecher als Nächstes zu? Wie ein Computerprogramm die Stadtpolizei Zürich unterstützt. Mehr...

Helfer bei Autounfall in Zürich entpuppt sich als Autodieb

Nachdem eine ältere Frau mit ihrem Auto verunfallte, eilte ein Mann zu Hilfe. Dieser hatte aber keine hehren Absichten. Mehr...

Einbruch mit Todesfolge

Münchenstein Im März wurde bei einem Einbruch in ein Einfamilienhaus der Hausbewohner schwer verletzt. Das Opfer ist im Spital seinen Verletzungen erlegen. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Service

Ihre Kulturkarte

Abonnieren Sie den Carte Blanche-Newsletter und verpassen Sie kein Angebot.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Buntes Treiben: Mit dem Schmutzigen Donnerstag hat auch die Luzerner Fasnacht begonnen. Am Fritschi-Umzug defilieren die prächtig kostümierten Gruppen und Guggen durch die Altstadt. (20. Februar 2020)
(Bild: Ronald Patrick/Getty Images) Mehr...