Der Swissair-Crash und das MH-370-Rätsel

Ein Halifax-Ermittler liefert plausible Erklärungen für den Absturz der Malaysia-Airlines-Maschine im März 2014. Es bleiben aber Fragen offen.

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Das Verschwinden von Flug MH 370 vor über vier Jahren gehört zu den grössten Rätseln der Luftfahrtgeschichte. Das Rätselraten um die Boeing-Maschine der Malaysia Airlines mit 239 Menschen an Bord hat etliche Theorien hervorgebracht: technische Probleme, Terroranschlag, Entführung, menschliches Versagen, Cyber-Hijacking, gezielter Absturz durch den Piloten. Manche Theorien sind plausibel, andere erscheinen absurd. Die These vom Selbstmord-Piloten gehört zu den beliebtesten Theorien. Sie wird seit einiger Zeit immer wieder vorgebracht. Ein prominenter Vertreter der Selbstmord-Theorie ist der kanadische Experte Larry Vance.

Der 69-jährige Fachmann hat mehr als 200 Un­ter­su­chun­gen zu Vor- und Un­fäl­len in der Luft­fahrt ver­ant­wor­tet. Als stell­ver­tre­ten­der Er­mitt­lungs­lei­ter klärte er auch den Absturz der Swissair-Maschine am 2. September 1998 bei Halifax auf. Beim schwersten Unglück in der Geschichte der Swissair waren 229 Menschen ums Leben gekommen.

Was Van­ce bei den Ermittlungen zum Swis­sair-Crash lern­te, half ihm bei der Rekonstruk­ti­on des Flugs MH 370, wie der «Spiegel» in seiner neuesten Printausgabe berichtet. Die Maschine der Malaysia Airlines war nach dem Start in Kuala Lumpur auf dem Weg nach Peking mitten in der Nacht plötzlich vom Radar verschwunden.

Nach kontrollierter Wasserlandung untergegangen

Ausgehend vom relativ guten Zustand der wenigen Wrackteile, die nach und nach aus dem Indischen Ozean gefischt wurden, darunter eine fast 2,5 Me­ter lan­ge und 1,5 Me­ter brei­te Flügel­klap­pe, schliesst Vance aus, dass die Boeing 777 der Malaysia Airlines ungesteuert mit grossem Tempo ins Meer stürzte. Bei einem wuchtigen Aufprall auf dem Meer, wie es beim Swissair-Crash geschehen war, wäre die Maschine in Millionen Teile zersplittert, die auch noch länger auf dem Wasser getrieben wären.

Vance kommt zu dem Schluss, dass der Pilot die Boeing einigermassen kontrolliert, fast wie bei einer normalen Landung, aufs Wasser setzte und untergehen liess. Wenn dem so wäre, läge die Boeing vermutlich noch relativ ganz irgendwo auf dem Meeresboden. Die gross angelegte Suche nach dem Wrack wurde Anfang 2017 eingestellt. Bald will ein privates Suchteam aus den USA das Ergebnis einer eigenen Suche bekannt geben.

Vance, der seine Theorie kürzlich im australischen TV präsentierte, ist überzeugt, dass der Pilot, nachdem er die Kommunikations- und Ortungssysteme ausgeschaltet hatte, das Flugzeug absichtlich zum Absturz gebracht hat – und damit Selbstmord und 238-fachen Mord verübte. Das erinnert an den Germanwings-Absturz 2015 in Frankreich.

Unklar ist beim Flug MH 370, warum der Rest der Besatzung und die Passagiere stundenlang still geblieben sein sollen. Vance vermutet, dass die Passagiere bald nach dem Start starben, weil ihnen der Pilot den Sauerstoff abgeschnitten hatte. Das Cockpit wird gesondert versorgt. Unklar ist auch, wie sich der Pilot seines Co-Piloten entledigte, falls es sich tatsächlich um einen erweiterten Selbstmord gehandelt haben soll.

Australischer Chef-Ermittler widerspricht

Der Leiter der australischen Ermittlungskommission, Peter Foley von der australischen Flugsicherheitsbehörde ATSB, hat anlässlich der heutigen Anhörung des Senats eine Selbsttötung des Piloten ausgeschlossen. Er bekräftigte die offizielle These von einem Absturz, bei dem der Pilot bewusstlos gewesen sein muss. «Das Flugzeug stieg wahrscheinlich in unkontrollierter Art ab», sagte Foley. Er wies die Annahme zurück, dass der Pilot mit Absicht einen Luftdruckabfall in der Kabine hervorgerufen haben könnte, um die anderen 238 Insassen ausser Gefecht zu setzen. Nach Meinung von Foley wäre der Pilot auch mit einer Sauerstoff-Notversorgung wegen des schnellen Druckverlusts allenfalls wenige Minuten bei Bewusstsein geblieben. «Wir haben ziemlich viele Beweise, dass am Schluss niemand mehr die Kontrolle hatte.»

Die australischen Ermittler ge­hen da­von aus, dass MH 370 in der Endphase vor dem Absturz füh­rer­los flog, etwa nach ei­nem Feu­er an Bord, nur ge­steu­ert vom Autopilo­ten, bis nach über sie­ben Stunden das Ke­ro­sin ver­braucht war und die Maschine aus gro­sser Höhe auf das Meer knall­te. «Die Be­leg­e gegen diese These sind überwältigend», sagt Van­ce. «Schon die gro­ssen Trüm­mer be­wei­sen: So kann es auf gar kei­nen Fall ge­we­sen sein.» Klären lassen sich viele Fragen erst, wenn das Wrack auch gefunden wird.

«Good Night, Ma­lay­sian Three Se­ven Zero»

Seine Erkenntnisse erläutert Vance in einem Buch, das diese Woche in den USA erscheint. Es heisst «MH 370 – Mystery Solved» («MH 370 – Rätsel gelöst»). Dabei befasst er sich auch mit anderen gängigen Theorien, wie etwa einem Feuer im Cockpit, brennenden Lithium-Ionen-Batterien im Frachtraum oder einem militärischen Angriff. Vance äussert sich allerdings nicht zur zentralen Frage, warum der Pilot Selbstmord begangen haben soll – und wenn ja, warum er zuvor noch sieben Stunden übers Meer flog. Der Kanadier meint, für die Klärung des Motivs seien andere zuständig.

Für die Theorie des erweiterten Piloten-Selbstmords gibt es ein gewichtiges Indiz. So ist bekannt, dass der Pilot der Unglücksmaschine eine Strecke auf seinem Flugsimulator gespeichert hatte, die in eine ähnliche Richtung führte wie vermutlich der mysteriöse Flug MH 370 – weit in den südlichen Indischen Ozean. Bekannt sind auch die letzten aufgezeichneten Worte des Piloten: «Good Night, Ma­lay­sian Three Se­ven Zero».

Es gibt allerdings auch Indizien, die gegen die Selbstmord-Theorie sprechen. So sollen die Lebensumstände des Piloten Zaharie Ahmad Shah (53) und seines Co-Piloten Fariq Abdul Hamid (27) genau untersucht worden sein. Gemäss offizieller Darstellung der Ermittler gibt es weder Hinweise auf Gefährdung noch auf einen Abschiedsbrief. (vin/sda)

Erstellt: 22.05.2018, 18:06 Uhr

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