Tödlicher Ansturm auf den Mount Everest

Elf Menschen verloren in wenigen Tagen am höchsten Berg der Welt ihr Leben. Das hat auch mit dem Gedränge am Gipfel zu tun.

Gedränge auf dem Dach der Welt: Der Massenandrang führt auch zu grossen Gefahren. (Video: Reuters)

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Die Zahl lässt aufhorchen, selbst für Menschen, die nichts mit dem Bergsteigen am Hut haben. Allein in den letzten Tagen starben am Mount Everest elf Personen. Jüngstes Opfer am mit 8848 Metern höchsten Berg der Welt war ein 62-jähriger Amerikaner, der den Abstieg nicht überlebte.

Zum Vergleich: In der Klettersaison 2018 waren fünf Bergsteiger ums Leben gekommen. Weitere zehn Kletterer verloren ihr Leben am Lhotse, dem Annapurna und anderen 8000er-Bergen im Himalaja, wie die Zeitung «The Himalayan Times» unter Berufung auf nepalesische Regierungsbeamte berichtete.

Die Ursachen für die vielen Toten am Berg ist Gegenstand von Diskussionen, in zahlreichen Medien ist vom Begriff «Todesserie am Mount Everest» zu lesen. Erfahrene Alpinisten und Bergsteiger weisen darauf hin, dass es kein Spaziergang ist, das Dach der Erde zu erklimmen. Die Bezwingung des Berges ist nach wie vor eine grosse Gefahr, obwohl sie nicht mehr so anspruchsvoll ist wie in den Anfängen. So stehen an den schwierigsten Stellen Seile zur Verfügung, dazu kommen Sauerstoffflaschen und eine moderne Ausrüstung, die den Aufstieg für die Kletterer erleichtern. Von den modernsten Hilfsmitteln konnten Edmund Hillary und Tenzing Norgay, die am 29. Mai 1953 den Gipfel erstmals erklommen, nicht profitieren. Umso höher ist ihre Leistung einzustufen.

Bilder: Das Phänomen Mount Everest

Die Gefahren am Berg sind primär natürlicher Art: So kann das Wetter sehr schnell umschlagen, und es ist bitterkalt. Meist beschränken sich die Gelegenheiten, bei denen die Wetterbedingungen günstig genug für einen Gipfelsturm sind, zwischen Mitte und Ende Mai auf zwei bis drei pro Saison.

Lange Warteschlangen

Und da wäre die Höhenlage, die nicht zuletzt für ungeübte Bergsteiger für Sauerstoffmangel sorgen kann. Symptome sind häufig Schwindelgefühl, Kopfschmerzen und eine geringere Leistungsfähigkeit. Das Herantasten an die Höhe kann man zwar trainieren. Aber das ist noch keine Garantie, dass der Körper in der Folge in einer Höhenlage wie im Himalaja nicht versagen wird. Wer diese Symptome unterschätzt und weiter aufsteigt, spielt mit dem Leben. Das Risiko klettert also stets mit, das sollte sich jeder bewusst sein, der sich an die Expedition wagt.

Der Mount Everest ist längst ein Mythos, der Hunderte von Bergsteigern in jeder Saison anlockt. Wegen der kurzen Wetterfenster bilden sich oft regelrechte Warteschlangen, um die letzten Meter des Bergs in Angriff zu nehmen. Das Video (siehe oben) beweist, was für ein Gedränge auf engstem Raum herrscht. Experten meinen, dass die diesjährigen Todesfälle mit diesem Andrang zusammenhängen. Die Wartezeiten schlagen sich auf die Gesundheit nieder, es besteht stets auch die Gefahr von Unterkühlung.

Ein Inder, der an Erschöpfung starb, soll Beobachtern zufolge mehr als zwölf Stunden im Stau gestanden haben. «Zu den häufigsten Todesursachen gehören Abstürze, Erfrierungen, Erschöpfung, Höhenkrankheit und Lawinen. Die meisten Menschen kommen oberhalb von 8000 Metern während des Abstiegs ums Leben. In der sogenannten Todeszone ab 7500 Metern, in welcher der Mensch aufgrund des Sauerstoffmangels auf Dauer nicht überleben kann, sterben viele an der Höhenkrankheit», schreibt die NZZ, die die Anzahl tödlich verunglückter Bergsteiger am Everest auf total rund 300 Menschen beziffert. Dazu gehören auch 16 Sherpas, die 2014 nach einer Lawine starben, als sie Seile montierten, um den Touristen den Aufstieg zu erleichtern.

Die Sache mit der Eitelkeit

Längst ist die Besteigung des Everest zu einem Massenphänomen verkommen. Extrembergsteiger Reinhold Messner, der zusammen mit Peter Habeler am 8. Mai 1978 den Gipfel erklommen hatte, erklärte einst im deutschen Magazin «Stern»: «Den Everest, wie Hillary ihn bestiegen hat, gibt es heute nicht mehr. Es ist der gleiche Berg, aber der Berg wird in Seile und Ketten gelegt.» Was die Motivation betrifft, das Abenteuer einzugehen, meinte Messner lakonisch: «Die Menschen suchen alle den Fluchtpunkt ihrer persönlichen Eitelkeiten, der Everest ist die beste Möglichkeit dafür. Ich nehme mich da nicht aus.»

Messner bezeichnete die Entwicklung rund um den Everest als nicht umkehrbar, alleine schon der Einnahmen wegen. Nepal verlangt für die Genehmigung, den Gipfel zu erklimmen, rund 10’000 Franken. Dazu kommen noch Kosten für Unterkunft, Verpflegung und die ortskundigen Führer, was einige Tausend Dollar ausmacht. Wer es exklusiv mag, muss bis zu 100’000 Franken hinblättern. Diese Kosten schrecken offenbar viele Wagemutige nicht vom Abenteuer ab.

Der Müll als grosses Problem

Der Weg zum höchsten Berg der Welt ist mit Leichen gepflastert. «Da bisher nur ein Drittel der Toten geborgen wurde, liegen noch immer bis zu 200 Tote entlang der Aufstiegsrouten auf dem Mount Everest – oft eingeschneit oder in Gletschern und Eisfeldern liegend. Einige der sichtbaren Toten dienen sogar als Wegzeichen und signalisieren den Bergsteigern etwa, dass sie den Gipfel bald erreicht haben», weiss die NZZ. Die Klimaerwärmung sorgt dafür, dass in Bälde mehr und mehr Leichen zum Vorschein kommen.

Der Massenandrang hat auch Folgen für die Natur. Umweltschützer machen sich zu Recht Sorgen um die Sauberkeit der Region. Der Abfallberg ist wegen der zahlreichen Besucher zu einem Problem geworden. Dazu zählen nicht nur zurückgebliebene Utensilien der Alpinisten, sondern auch Fäkalien. Eine trainierte Gruppe von Freiwilligen sammelte in 14 Tagen 3000 Kilogramm Abfall ein, wie der US-TV-Sender CNN meldete. Jedes Jahr sind es Tonnen von Müll, die unvorsichtige Bergsteiger am Everest hinterlassen.

Was die menschlichen Bedürfnisse betrifft, so warnte bereits 2015 der Nepalesische Bergsteigerverband vor gesundheitlichen Risiken. Ohne entsprechende Infrastruktur könnten sich Krankheiten schneller verbreiten, so der Verband. Mittlerweile gibt es mobile Toilettenhäuschen in den Camps.

Eine Kaution für den Abfall

Die Behörden haben die Zeichen der Zeit erkannt und versuchen mit Massnahmen, dem Müll einigermassen Herr zu werden. So führte China vor fünf Jahren eine Kaution ein, die nur zurückerstattet wird, wenn man mit einer gewissen Anzahl Kilogramm Abfall zurückkehrt. Auch Nepal verlangt ein Pfand von mehreren Tausend Dollar für den Dreck.

Das Phänomen Mount Everest ist faszinierend, es fordert aber seinen Tribut – und das gnadenlos.

Erstellt: 28.05.2019, 16:25 Uhr

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