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Die Alarmzeichen standen auf Rot

Psychiatrische Gutachten attestierten Claude Dubois schwere Persönlichkeitsstörungen. Er liess sich nie therapieren – und erhielt dennoch erleichterte Haftbedingungen. Die neusten Erkenntnisse im Mordfall Marie.

Der Mörder kommt beim Waadtländer Kantonsgericht an. (27. September 2018)
Der Mörder kommt beim Waadtländer Kantonsgericht an. (27. September 2018)
Laurent Gilliéron, Keystone
Bleibt lebenslang hinter Gittern: Der Angeklagte im Fall Marie, Claude D., neben Verteidigerin Yael Hayat. (7. März 2016)
Bleibt lebenslang hinter Gittern: Der Angeklagte im Fall Marie, Claude D., neben Verteidigerin Yael Hayat. (7. März 2016)
Frederic Bott, Keystone
Ist nicht mehr am Leben: Die entführte 19-jährige Marie.
Ist nicht mehr am Leben: Die entführte 19-jährige Marie.
Polizei VD
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Gestern am frühen Morgen wurde die Leiche der 19-jährigen Marie in einem Waldstück unweit von Payerne VD gefunden. Doch auch am zweiten Tag nach der Gewissheit über den Tod der jungen Frau bleiben viele Fragen offen. Zum Beispiel jene nach der Verantwortung: Wer hatte veranlasst, dass der gefährliche Sexualstraftäter nach einem Unterbruch am 14. Januar 2013 erneut in Hausarrest gehen konnte? Die Waadtländer Justiz kündigte gestern an einer Medienkonferenz an, eine extern geleitete Administrativuntersuchung zum Tötungsdelikt einzuleiten.

Den Entscheid, dass Dubois nach seiner erneuten Inhaftierung im November 2012 als einziger Sexualstraftäter in der Waadt zum zweiten Mal unter Hausarrest stehen durfte, fällte ein einzelner Strafvollzugsrichter. Auch Dubois' Rekurs gegen den Abbruch des Hausarrests hat er zugelassen. Der Häftling erhielt daraufhin aufschiebende Wirkung – ein Zustand, der es ihm ermöglichte, unter erleichterten Haftbedingungen rückfällig zu werden.

Systemreform gefordert

Christophe Piguet, Präsident der Waadtländischen Anwaltskammer, spricht sich angesichts dieser weitreichenden Entscheidungskompetenz eines einzelnen Richters für eine Reform des Systems aus: So müsse es beispielsweise für die Staatsanwaltschaft, die Bewährungshilfe und die Strafvollzugsbehörde möglich sein, ebenfalls Rekurs einzureichen, wie er gegenüber «24 heures» ausführt. Im geltenden Recht ist dies nur dem Häftling vorbehalten.

Die Lockerung der Haftbedingungen erstaunen umso mehr, als insgesamt drei erstellte Gutachten Dubois ein düsteres Bild von dessen Persönlichkeit zeichneten: Er sei ein «perverser Narzisst», zeige keine Reue oder Empathie gegenüber der Opferfamilie und sei gefühlskalt, konstatierten die Psychiater. Und besonders brisant: Ein Rückfall könne nicht ausgeschlossen werden. Das steht im Gutachten aus dem Jahr 2000, das der Zeitung «Le matin» vorliegt.

Gutachten: Geringe Rückfallgefahr

Dass er keine Reue zeigte, verdeutlicht auch die Aussage eines ehemaligen Zellengenossen, wonach Dubois seinen Computer mit Fotos der Leiche seiner Ex-Freundin tapeziert habe. Diese habe er auch seinen Mithäftlingen gezeigt, wie «24 heures» berichtet.

Zu einem relativierenden Befund kommt jedoch gemäss «Le matin» eine psychiatrische Expertise nach dem Entscheid zum zweiten Hausarrest im Januar 2013: Dubois habe zwar eine dissoziale Persönlichkeitsstörung mit psychopathischen Zügen – bei ihm bestehe jedoch nur eine geringe Rückfallgefahr. Die Kommission, welche die Gefährlichkeit des Häftlings evaluierte, teilte diese Meinung nicht: Er sei gefährlicher, als er scheine, hielt sie demnach fest. Mangels Alternativen entschied man sich dennoch für die gelockerten Haftbedingungen.

Sein Vater störte sich an der Aggressivität

Bereits vor seiner ersten Tat 1998 fiel Dubois durch sein gewalttätiges Verhalten auf: Er war gemäss «24 heures» eifersüchtig und besitzergreifend. Seiner damaligen Freundin wurde das nach über einem Jahr des Zusammenlebens zu viel: Sie trennte sich von ihm. Daraufhin spionierte er sie aus, belästigte, bedrohte und nötigte sie. Sein Vater liess ihn gemäss «Le matin» Ende 1997 in die Psychiatrie einweisen. Dort begutachteten ihn mehrere Ärzte. Nach nur einer Nacht verliess er sie jedoch wieder – ohne dass seine pathologische Störung bemerkt worden wäre. Kurze Zeit später sollte er seine Ex-Freundin töten.

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