Die Bettwanzen-Schnüffler

Die Spürhunde von Shirin Scheidegger suchen nicht nach Sprengstoff oder Drogen, sondern nach Parasiten.

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Shirin Scheidegger ist Basler Polizistin, Ragin ist ein Spürhund. Die beiden suchen jedoch weder Sprengstoff noch Drogen. Ragin ist Scheideggers privater Hund. In ihrer Freizeit geht sie mit ihm auf Jagd nach Bettwanzen. Eine Dienstleistung, die ­momentan sehr gefragt ist.

Freudig aufgeregt, aber brav lässt sich der anderthalbjährige Ragin von Shirin Scheidegger sein Halsband anlegen. Es ist für ihn das Signal, dass nun die Arbeit beginnt. Der Border Terrier soll den Aufenthaltsbereich eines Altersheimes absuchen. Schnüffelnd geht er durch den Raum. Shirin Scheidegger zeigt ihm mit einem Stab, auf dem ein roter Gummiball steckt, immer wieder Orte an, an denen er auch noch riechen soll. Für ihre Hunde sei das Ganze ein Spiel, sagt Scheidegger.

Den Geruch in der Nase

Plötzlich beginnt Ragin etwas schneller zu atmen und zu schnüffeln. Sein Muskeltonus ­erhöht sich: «Er hat den Geruch bereits in der Nase», sagt Scheid­egger. Einige Bewohnerinnen des Altersheims beobachten das Treiben belustigt. «Jetzt hat er sie gefunden!», ruft eine. Tatsächlich hält Ragin seine Nase an den Vorhang und bewegt sich nicht mehr. Es ist das Zeichen, dass er dort eine lebende Bettwanze ­gerochen hat. Ragin wirft einen erwartungsvollen Blick zu Shirin Scheidegger, die ihn lobt und ihm eine Belohnung gibt.

Sie wusste bereits, dass im Vorhang eine Wanze ist. Sie hatte sie zuvor, gefangen in einem Röhrchen, im Vorhang versteckt. Die Suche im Seniorenzentrum Gritt in Niederdorf ist ein Training. «Ich muss immer wieder überprüfen, ob meine Hunde nicht mehr oder weniger Bettwanzen anzeigen, als tatsächlich vorhanden sind. Bei einem Einsatz kann ich nicht kontrollieren, ob sie regungslos verharren, weil sie tatsächlich eine Wanze gefunden haben, oder nur, weil sie auf eine Belohnung hoffen.» Auch für das Altersheim hat das Training einen Vorteil: «Die Bewohner finden es toll, wenn etwas läuft. Bisher hatten wir noch keine Bettwanzen, doch sie könnten auch bei uns zum Thema werden. Denn die Bewohner dürfen ihre eigenen Möbel mitbringen. So werden immer wieder Räume von den Hunden kontrolliert», sagt Brigitte Frederiks, Mitglied der Zentrumsleitung.

Intensives Training

Die Erfolgsquote eines gut ausgebildeten Wanzenspürhundes liege bei 95 Prozent. «Die Hunde müssen beispielsweise auch einen Unterschied zwischen toten und lebendigen Wanzen machen können. Das ist wichtig für die Nachkontrolle. Tote Wanzen dürfen sie nicht anzeigen», sagt Scheidegger. Der Border Terrier Callirus Ragin vom Schmittweiher, die Chihuahua-Dame Ferun und der Belgische Schäferhund Odins Askan von Sempach Station wurden nach einem Training, das sieben Monate bis ein Jahr dauerte, diesen April von der Bed Bug Foundation Europa alle als Wanzenspürhunde zertifiziert. Zur Familie gehört ein weiterer Belgischer Schäferhund, ein ehemaliger Polizeidiensthund, der jedoch keine Wanzen sucht.

Neben ihrem Teilzeitpensum als Polizistin hat sich Shirin Scheidegger als Hobby zur Hundetrainerin ausbilden lassen. In einer «Schnüffelgruppe» lehrt sie Hunde und ihre Besitzer das Aufspüren von zivilen Gegenständen wie Schlüsseln, Portemonnaies oder Feuerzeugen. «Das Training ist im Prinzip identisch mit jenem von Diensthunden. Allerdings können wir die Hunde nicht nach Drogen oder Sprengstoff suchen lassen, denn unsere Kunden dürfen diese ja nicht besitzen», sagt Shirin Scheidegger schmunzelnd.

Es war eine Kundin dieser Schnüffelgruppe, die Scheidegger auf die Idee brachte, ihr Wissen und Können bei Bettwanzen einzusetzen. Seither hat sie einiges gesehen. «Ich war schon in einer Wohnung, die voll von Wanzen war. Dort hingen sie sogar an den Wänden.» Der Bewohner habe keine Reaktion auf Wanzenstiche gezeigt und sie deshalb nicht bemerkt. Erst als seine neue Freundin völlig zerstochen worden sei, sei man – nach anfänglichem Verdacht auf ­Nesselfieber – auf die Parasiten ­gekommen.

Trotz der seit den 90er-Jahren stetig ansteigenden Verbreitung dieser Insekten hört man selten bis nie etwas von befallenen ­Privatwohnungen. Das wundert Shirin Scheidegger nicht: «Das Ganze hat einen Ekelfaktor. Es ist ein Tabu, über das man nicht spricht. Die Leute haben Angst, als unsauber und Überträger von Bettwanzen zu gelten.» Da sich Bettwanzen ausschliesslich von Blut ernähren, hat ein Befall nichts mit mangelnder Hygiene zu tun. Es kann jeden treffen. Vor allem Menschen, die viel reisen.

Info: www.spuerhund.ch

Erstellt: 07.08.2019, 20:48 Uhr

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