Wo Autofahren nur für Reiche ist

Kaum eine Stadt hat prozentual so wenige Autos wie Singapur. Als Vorbild taugt es trotzdem nicht. Der Preis dafür ist zu hoch.

«Privates Autofahren kann nicht die Mobilitätslösung für Städte des 21. Jahrhunderts sein», begründetet ein früherer Verkehrsminister die Politik Singapurs. Foto: Mikel Bilbao (VW Pics, UIG, Getty Images)

«Privates Autofahren kann nicht die Mobilitätslösung für Städte des 21. Jahrhunderts sein», begründetet ein früherer Verkehrsminister die Politik Singapurs. Foto: Mikel Bilbao (VW Pics, UIG, Getty Images)

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Wo werden im 21. Jahrhundert linksgrüne Träume wahr gemacht? Nein, nicht im kommunistischen Kuba, sondern in Singapur, einer hyperkapitalistischen Diktatur. Ausgerechnet.

Im asiatischen Stadtstaat dürfen Einwohner ab sofort keine Autos mehr kaufen. Die Regierung hat es verboten. Und alle müssen gehorchen.

Neu ist diese Autofeindlichkeit nicht. Seit 2015 hat Singapur das Wachstum der Zahl der Autos auf 0,25 Prozent pro Jahr beschränkt. Zudem braucht man viel Geld, um ein Auto zu besitzen. Für die nötige Bewilligung verrechnet der Staat mehrere Zehntausend Franken, wegen hoher Steuern kosten die Fahrzeuge bis zu viermal mehr als in Europa. Das senkt die Quote der Autobesitzer. Derzeit haben 11 Prozent der etwa 5,6 Millionen Singapurer ein Auto. Nur Reiche können sich ein solches leisten.

Zum Vergleich: In der Schweiz besitzen über 54 Prozent aller Einwohner ein Auto, der Anteil steigt seit Jahrzehnten.

In Singapur etwa beanspruchen Strassen 12 Prozent des knappen Bodens.

«Privates Autofahren kann nicht die Mobilitätslösung für Städte des 21. Jahrhunderts sein», begründete ein früherer Verkehrsminister in Singapur diese Politik. Er hat recht: Autos brauchen zu viel Platz, in Singapur etwa beanspruchen Strassen 12 Prozent des knappen Bodens. Einen Grossteil der Zeit stehen Autos ungebraucht am Strassenrand. Ihre Stossstangen töten Fussgänger, ihr Lärm stört Anwohner, ihre Abgase verdrecken die Luft, Stau vernichtet Unmengen von produktiver Zeit.

Die Anti-Auto-Politik funktioniert. In einem internationalen Stau-Ranking liegt Singapur auf Platz 55, weit hinter vergleichbaren asiatischen Metropolen. Trotz ständigem Wachstum ist die Stadt nicht im Verkehrschaos versunken.

Doch selbst eine Pseudodemokratie kann es sich nicht leisten, den Bürgern die Mobilität zu verbieten. Deshalb baut Singapur den öffentlichen Verkehr in Hochgeschwindigkeit aus. In den letzten sechs Jahren hat die Regierung das Zugnetz um fast ein Drittel verlängert, weitere 20 Milliarden Franken will sie in den öffentlichen Verkehr stecken. Der Handel mit den Bewohnerinnen lautet: Ihr kriegt Busse bis zur Haustür, dafür müsst ihr aufs eigene Auto verzichten.

Im Reich der Fantastischen

Das alles klingt einleuchtend. Doch richtige Demokratien funktionieren anders. Im linksgrünen Zürich zum Beispiel bremsen Beschwerden, wenn die Stadt an lauten Durchgangsstrassen das Tempo von 50 auf 30 drosseln will. Um jeden Parkplatz wird lange gestritten. Debatten über Strassengebühren in der Innenstadt bewegen sich seit Jahrzehnten im Reich des Fantastischen.

In Zürich – und der restlichen Schweiz – wird nicht kühl berechnet, welches Verkehrsmittel die meisten Menschen transportiert, ohne zu viel Raum zu beanspruchen. Hier wird das Auto zum Refugium bürgerlicher Freiheit erhoben. Und die Anwesenheit von Autos in der Innenstadt gilt als Überlebensbedingung des lokalen Gewerbes.

Auch Politologen loben Singapur

Als linksgrüne Städterin könnte man verzweifeln an dieser Motorfixierung und darüber die Singapurer Technokratie zum Vorbild erklären. Abwegig ist das nicht. Auch Politologen wie etwa Parag Khanna verteidigen das Modell einer «bürgerfreundlichen Diktatur». Eine solche Regierung, sagt Khanna, sei ein unideologischer Expertenrat, sie entscheide, was vernünftig sei und den meisten Leuten helfe – egal, ob die Lösung als links oder rechts gilt. Zu viel Opposition ist aus dieser Sicht schädlich, sie bremst die Wirksamkeit des Staates. Und diese sei genauso wichtig wie die persönliche Freiheit.

Auch westliche Unternehmer erliegen der autoritären Versuchung, wenn sie vom unternehmerfreundlichen Klima in China schwärmen.

Solche Verklärungen sind riskant. Man findet eine Diktatur so lange gut, wie sie einem nützt. Darauf verlassen sollte man sich aber nicht. Irgendwann richtet sich auch der wohlmeinendste Diktator gegen die eigenen Interessen.

Ausserdem ist Freiheit kein akademischer, abstrakter Wert. Freiheit prägt den Alltag, sie garantiert für die Existenz kritischer Medien und Kulturhäuser. Sie ermöglicht Demonstrationen auf der Strasse, Widersprüche im öffentlichen Raum, besetze Häuser. Das alles fehlt in Singapur. Dafür hat es weniger Autos.

Erstellt: 06.02.2018, 20:02 Uhr

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