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«Die giftigen Gase sind die grösste Gefahr»

200 Kumpel sind in der türkischen Unfallgrube noch eingeschlossen. Wie können sie überleben? Was können Retter tun? Dazu Bergbau-Experte Günther Apel.

Empört die türkische Öffentlichkeit: Das Bild des Regierungsberaters Yusuf Yerkel, das ihn bei einem Angriff auf einen Demonstranten in Soma zeigt. (Bild: Twitter/Ilhan Tanir)
Empört die türkische Öffentlichkeit: Das Bild des Regierungsberaters Yusuf Yerkel, das ihn bei einem Angriff auf einen Demonstranten in Soma zeigt. (Bild: Twitter/Ilhan Tanir)
Keystone
Die Wut treibt die Menschen auf die Strasse: Demonstranten in Istanbul werden von der Polizei mit Wasserwerfern zurückgedrängt. (14. Mai 2014)
Die Wut treibt die Menschen auf die Strasse: Demonstranten in Istanbul werden von der Polizei mit Wasserwerfern zurückgedrängt. (14. Mai 2014)
Reuters
In zwei Luftblasen überlebten zahlreiche Mineure. (13. Mai 2014)
In zwei Luftblasen überlebten zahlreiche Mineure. (13. Mai 2014)
Keystone
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Bei einem Bergbau-Unglück in der Westtürkei wurden 200 Minenarbeiter getötet, etwa 300 sind verschüttet. Wie gross sind die Chancen, sie lebend zu finden? Das hängt davon ab, ob sie Luft zum Atmen haben. Sofern sie sich an einem Ort mit genügend Sauerstoff befinden und das durch den Brand freigesetzte Kohlenmonoxid noch nicht zu ihnen vorgedrungen ist, können sie Stunden oder Tage ausharren. Sobald sie aber Rauchgase einatmen, bleibt ihnen nicht mehr viel Zeit. Das ist die grösste Gefahr jetzt: Die giftigen Gase, die durch das mehrstöckige Grubengebäude schleichen und die Luft verpesten. Zumal der Brand offenbar noch in Gange ist.

Was können die Retter für die Eingeschlossenen tun? Wie laufen die Rettungsarbeiten ab? Einerseits blasen sie Atemluft in die Tunnel. Andererseits schickt man jetzt Rettungskräfte mit Atemgeräten in die Gänge, die versuchen, zu den Kumpels vorzudringen. Offenbar haben sich zwei Luftblasen unter Tag gebildet, zu einer sollen die Retter bereits Zugang haben. Das Grubengebäude ist zum Glück nicht eingestürzt, das hätte die Arbeiten erheblich erschwert. So können die Retter mithilfe von Atemmasken und flammhemmenden Kleidern über alternative Wege auch in die Nähe der Bereiche gelangen, in denen der Brand noch tobt, und versuchen ihn zu löschen.

Laut den türkischen Behörden wurde die Grube zuletzt am 17. März auf Sicherheitsmängel untersucht, es habe keine Beanstandungen gegeben. War das Unglück trotzdem absehbar? Das ist schwer zu sagen. Das Feuer ist offenbar nach der Explosion eines Transformators ausgebrochen, so ein Ereignis lässt sich nicht voraussagen. Es muss auch nicht heissen, dass die ganze Grube unsicher ist. Es ist allerdings bekannt, dass viele türkische Bergwerke noch mit sehr alter Gewinnungs- und Sicherheitstechnologie arbeiten – sie sind in etwa auf demselben Stand wie jene in Deutschland in den 60ern und 70ern.

Was heisst das genau? Wie muss man sich die Arbeit in einem türkischen Kohlebergwerk vorstellen? Die Gewinnungssysteme sind oft nur teilmechanisiert, viel wird noch von Hand gemacht. Die körperlichen Belastungen für die türkischen Minenarbeiter sind gross. Es ist ein gefährlicher Job, vor allem wenn man keine entsprechende Ausbildung hat. In punkto Sicherheit sind die Standards eher tief, gerade im Bereich der Brandfrüherkennung. Es gäbe hier zuverlässige Systeme, die zum Beispiel den Kohlenmonoxidgehalt in der Luft messen und sofort Alarm auslösen, wenn dieser ansteigt. Ich glaube aber nicht, dass das betroffene Bergwerk über solche Systeme verfügt.

Seit 1941 starben in türkischen Kohleminen 3000 Menschen – eine enorme Zahl. Laut Analysten sind die Sicherheitsvorkehrungen in türkischen Minen schlechter als in den meisten industrialisierten Nationen. Das stimmt. Im weltweiten Vergleich bewegt sich der türkische Bergbau punkto Sicherheit maximal im Mittelfeld, vor Schwellen- und Entwicklungsländern, aber hinter Bergbaunationen wie Russland oder China. Dort wurde in den letzten Jahren viel für die Sicherheit getan. Die Mine wird dann zu einem gefährlichen Ort, wenn die Betreiber nicht genug Geld in die Förder- und Sicherheitstechnik stecken. In Deutschland ein Kohlebergwerk zu betreiben, ist zum Beispiel sehr teuer, die eingesetzte Technik kostet viel. Dafür ist die Arbeit unter Tage sicherer als auf einer Hochhausbaustelle.

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