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Die Royals und die Kardashian-Falle

Meghan und ihr Mann geben die königlichen Titel auf. Gelingt der harte Schnitt? Und muss sich die britische Monarchie verändern?

Sie wollen dann mal weg: Prinz Harry und seine Frau Meghan.
Sie wollen dann mal weg: Prinz Harry und seine Frau Meghan.
Keystone

Als Charles offiziell Prince von Wales und damit britischer Thronfolger wurde, sahen 500 Millionen Fernsehzuschauer einen blassen 20-Jährigen vor der Königin knien. In Caernarfon Castle setzte sie ihm am 1. Juli 1969 die Krone auf, die in schmalem Design mit reduziertem Diamantenbesatz modern in der Form sein sollte, aber traditionell in der Aussage: Hier kommt ein starker König. Dass dem zumindest physisch nicht so war, offenbart das bestgehütete Geheimnis der Krone: Der Erdball in der Mitte war ein lackierter Tischtennisball. Der Goldschmied befand, so heisst es, dass echtes Gold sie zu schwer machen würde für den schmächtigen Prinzen.

Niemand sollte davon erfahren, zu sehr hätte solche Gewöhnlichkeit dem Königshaus geschadet, fast 50 Jahre danach hat doch einer geplaudert. Ist ja auch lustig, ein Tischtennisball in der Krone. Andererseits: Was für eine menschliche Geste, die da durch das steife Ritual scheint!

Es ist nicht alles Gold, was glänzt, auch nicht bei den Royals, das könnte die Episode lehren. Doch von Schein und Sein war damals bei der BBC-Übertragung nicht die Rede, sondern von einem «modernen Prinzen», der den «Pfad der Geschichte» betritt.

«Ich bin dann mal weg» – ein Affront

Nun schicken sich sein Sohn Harry und dessen Frau Meghan an, auch eine «progressive Rolle» einzunehmen, wie sie über Instagram mitteilten. Das erstaunte alle bis auf ihre PR-Berater und Freund Elton John, vollumfänglich wusste sonst keiner davon. Nach einem Krisentreffen am Montag vergangener Woche deutete die Königin an, dass sie dem Wunsch des Herzogs und der Herzogin von Sussex entsprechen wird, am Samstag teilte der Buckingham-Palast dann mit, wie genau das vonstatten gehen soll. Von diesem Frühjahr an sollen Harry und Meghan keine offiziellen Aufgaben für das Königshaus mehr übernehmen, auch soll es keine öffentlichen Zuwendungen für die beiden mehr geben. Die 2,4 Millionen Pfund aus Staatsgeldern, mit denen ihr Heim Frogmore Cottage in Windsor renoviert worden war, will das Paar nach Palastangaben zurückzahlen. Und vor allem: Sie dürfen sich nicht mehr ‹Königliche Hoheit› nennen.

Für Elizabeth II. waren die vergangenen Tage enorm schmerzlich. Man darf nicht vergessen, dass sie sich von Gott berufen fühlt, die Krone «bis zum letzten Atemzug» zu tragen, was sie seit 66 Jahren macht. Man sucht sich einen Job bei Königs eben nicht aus, man bekommt ihn qua Geburt. Das ist das Privileg – und die Bürde. Als Königliche Hoheit «Ich bin dann mal weg» auf Instagram zu posten, ist ein absoluter Affront.

Vielleicht war die Mitteilung die Folge von Selbstüberschätzung, Kopflosigkeit oder ein Hilferuf zweier Menschen mit einem Baby, die sich von der Tradition vereinnahmt fühlen und von der Presse verfolgt. Diplomatisch war es jedenfalls nicht.

In der Wirtschaft gibt es die Theorie der Disruption. Die beschreibt den Prozess, bei dem traditionelle Verfahren oder Technologien komplett infrage gestellt und durch radikal Neues ersetzt werden. In den vergangenen Tagen war viel von einer Krise der Monarchie die Rede, was übertourt ist, die britische Monarchie ist mehr als 1000 Jahre alt. Es erschüttert sie nicht, wenn mal ein britischer Prinz mehr Zeit in Kanada verbringen will, dessen Oberhaupt ohnehin die Queen ist. Wie des ganzen Commonwealth mit seinen 52 weiteren Ländern. Sie repräsentiert ein Drittel der Menschheit.

1:0 für die Windsors

Aber, und das ist der positive Effekt der royalen Disruption: Der Laden wurde ordentlich durchgeschüttelt und die Queen gezwungen, an einigen Stellschrauben zu drehen. Dass sie es in einem für königliche Verhältnisse enormen Tempo von wenigen Tagen tat, half dem Prozess. Standen die Windsors kurz da als verkrustete Institution, die sich nicht um die traurigen Sussexes kümmert, sprach aus der Erklärung der Queen vom Samstag die Wärme einer Grossmutter in Sorge um die Familie ihres Enkels. Sie betonte, dass ‹Harry, Meghan und Archie für immer sehr geliebte Mitglieder der Familie› blieben. Sie sehe die Schwierigkeiten, auf die das Paar in den vergangenen zwei Jahren gestossen sei, und unterstütze dessen Wunsch nach einem unabhängigeren Leben. Einer Umfrage der Daily Mail zufolge waren bereits kurz nach dem Instagram-Post von Harry und Meghan 72 Prozent der Briten der Meinung, dass die Queen sie ziehen lassen soll. Aus Marketing-Sicht heisst das: 1:0 für die Windsors.

Die Liebesgeschichte von Harry und Meghan im Schnelldurchlauf. Quelle: AP und Reuters

Die Queen hätte sich Harry und Meghan als Vollzeitroyals gewünscht, ist aber empathisch, was ihren Wunsch nach Freiheit angeht. Es war klar, dass die Königin sie nicht mit einem Kübel Schmutz bedenken wird. Genauso klar war aber auch, dass da noch etwas kommt. Um erst einmal die Wogen zu glätten, hat sie – mal wieder – nach dem bewährten Prinzip ihrer Mutter gehandelt. Die sagte einmal: «Diplomatie heisst, den Kuchen so teilen, dass die anderen mit den Krümeln zufrieden sind.» Nach dem schnellen Krisengipfel und den ersten warmen Worten für Harry und Meghan am Montag war das Volk besänftigt, die Queen hatte ihre Rolle als Fürsorgerin erfüllt, die Details haben dann die Fachleute im Buckingham-Palast geklärt.

«Es ist eine schreckliche Niederlage für die Queen.»

Adelsexperte Rolf Seelmann-Eggebert

Mehr Harry und Meghan wagen und die Monarchie so zeitgemässer machen? Absolut. Aber rätselhaft ist, warum das nicht ohne derartiges Gerumpel ging. Beschädigt ist das forsche Paar, aber auch die Königin, sagt der Adelsexperte Rolf Seelmann-Eggebert. «Es ist eine schreckliche Niederlage für die Queen.» Dass Harry hinter ihrem Rücken den Ausstieg plane und selbst kundtue, sei ein protokollarischer Fauxpas ohnegleichen. «Er war Grossmutters Liebling, das ist vorbei.» Eine Königin könne sich solche Alleingänge nicht bieten lassen, das schade der Autorität.

Harry aus der zweiten Garde

Ob die Spielregeln für den Ausstieg milder ausgefallen wären, hätten Harry und Meghan die Königin artig gefragt? Vielleicht hätten alle Seiten das Thema früher angehen sollen, vielleicht schon mit der Hochzeit. Für das britische Königshaus wäre es ein schöner PR-Coup gewesen, William und Kate als händeschüttelnde Fachkräfte für das Innere zu definieren und Harry und Meghan als lächelnde Aussenminister mit Wohnsitz in Nordamerika. Aber der Palast hat die vielen Zeichen, die das Paar seit der Hochzeit im Mai 2018 ausgesendet hat, ignoriert. Die Klagen gegen die Boulevardblätter, die Klagen in der TV-Doku aus Südafrika, dass es so nicht weitergeht. Und das Paar hat keine Exit-Strategie vorgelegt, sondern die Panzerfaust ausgepackt.

Harry ist Sechster in der Thronfolge, zweite Garde, keiner hätte ihm übel genommen, wenn er sich rarer macht. Woanders praktizieren die Geschwister der Thronfolger längst ein Leben abseits des Palasts. Madeleine von Schweden (Platz 7) lebt in Florida und arbeitet dort für die Kinderstiftung ihrer Mutter, Königin Silvia. Märtha Louise von Norwegen (Platz 4) gibt Kurse im Empfangen von Engelsbotschaften und verzichtet seit 2001 auf den Titel «Königliche Hoheit» und die Apanage. Constantijn der Niederlande (Platz 4) arbeitete für die EU-Kommission in Brüssel, heute wirbt er für Start-ups aus seiner Heimat. Alle machen wohldosiert Charity und sonst ihr Ding.

«Für eine moderne Monarchie ist die Reduktion aufs Kernpersonal entscheidend.»

Alexander von Schönburg

Das Volk sieht ihnen ihre Schrullen nach, es gibt ja noch andere Thronfolger. Für Alexander von Schönburg ist das die Zukunft der Monarchie. Er gehört zum Hochadel der Schönburg-Glauchaus, seine Frau ist Prinzessin von Hessen, Prinz Philip, der Gatte der Queen, ist ihr Grossonkel. «Für eine moderne Monarchie ist die Reduktion aufs Kernpersonal entscheidend», sagt Schönburg, der in der Bild-Chefredaktion sitzt. So gesehen sei der Schritt Harrys und Meghans zu begrüssen, und sowieso im Sinne von Charles, der das Königshaus verschlanken will.

Beim slimming down gehe es weniger darum, beim Volk Akzeptanz einzuwerben, weil weniger Royals bei ihm auf der Payroll stünden. In Zeiten, in denen die grossen Institutionen ihre Glaubwürdigkeit hart erarbeiten müssten, gehe es um Kontrolle. «Man ist sonst haftbar für alles, was die Verwandtschaft macht.» Siehe Prinz Andrew, der im Verdacht steht, Minderjährige missbraucht zu haben und dem Königshaus mit einem Interview im Buckingham-Palast einen Bärendienst erwiesen hat. Das spanische Modell, sagt Schönburg, das sich auf König Felipe, seine Frau Letizia und deren älteste Tochter konzentriert, sei Vorbild.

Von der Insel aus werden die Königshäuser der Niederlande und der Skandinavier wegen ihrer Volksnähe als «Radfahrermonarchien» belächelt. König Willem-Alexander der Niederlande fährt Fiets wie schon Oma Juliana. Die dänische Königin Margrethe empfängt die Geburtstagswünsche ihres Volks im Morgenrock. Bei den Untertanen kommt das gut an. Von der Queen kann man sich so etwas nicht vorstellen. Privat soll sie zwar sehr handfest sein, als aber ihr einstiger Sprecher Charles Anson verriet, dass sie nach Grillpartys mit der Familie selbst abwäscht, war sie not amused. Nichts soll den Glanz der Krone schmälern, kein Tischtennisball, keine Spülbürste.

Es gibt keine Schwäche, nur das Protokoll

Wie volksnah darf ein Königshaus sein, ohne den Nimbus des Erhabenen zu verlieren? Wie distanziert muss es bleiben, um in Zeiten gesellschaftlicher Umbrüche eine verlässliche Konstante fürs Volk zu sein? Das sind die zentralen Fragen, die sich moderne Monarchien stellen müssen.

Die britische Königin gilt als meistrespektierte Frau der Welt. Selbst Donald Trump, der nie Bittsteller ist, bettelte um einen Termin mit ihr. Das hat mit dem alten Empire zu tun, mit der besonderen Glanzentfaltung des mehr als tausend Jahre alten Königreichs – und auch damit, dass sogar Republikaner wissen, was sie an der Krone haben. Ihr Glanz scheint nicht nur auf die Universitäten, Colleges und Kultureinrichtungen des Landes. Britische Wirtschaftsgutachter haben 2017 ausgerechnet, dass die Queen und ihre Familie die Briten zwar umgerechnet 343 Millionen Euro im Jahr kosten, aber 2,1 Milliarden zur Wirtschaft beitragen.

Den grössten Respekt nötigt die Queen aber Untertanen wie Interessierten mit ihrem Arbeitsethos ab. Es gibt keine Schwäche, nur das Protokoll. In der dritten Staffel von «The Crown» sagt Olivia Colman, die Darstellerin der Queen: «Wir haben alle Opfer gebracht und unsere persönlichen Freiheiten geopfert. Das ist keine Frage der Wahl, sondern schlicht eine der Pflicht.» Das ist Fiktion, aber trotzdem spricht daraus viel Wahrheit, werden die Serienmacher doch von David Rankin-Hunt beraten, der 33 Jahre lang für die Königin gearbeitet hat. Womöglich ist es im britischen Königshaus schwerer, sich von dieser Pflicht zu befreien, als in den Nachbarmonarchien. Vor Jahren sagte Harry dem US-Magazin Newsweek: «Ist da irgendeiner in der königlichen Familie, der König oder Königin sein will? Ich glaube nicht.» Aber alle wüssten um ihre Pflichten.

Das Problem mit der Volksnähe

Die junge Generation in den Königshäusern ist erst die zweite, die überhaupt bürgerlich heiratet. Vorher galt strikt, nur unter Gleichen zu heiraten. Sonja von Norwegen und Silvia von Schweden zählten zu den Ersten, die als Bürgerliche in ein europäisches Königshaus heirateten – und es durften. Zeit ihres Lebens verzieh Margaret ihrer Schwester, Königin Elizabeth, nicht, dass die sich aus Staatsräson in den Fünfzigern gegen eine Ehe mit dem Piloten Peter Townsend stellte. Bürgerlich und geschieden, das war für Krone und Kirche, deren Oberhaupt die Königin ist, zu viel.

Um Selbstverwirklichung, also das, was Harry und Meghan wollen, ging es bei Königs nie. Edward VIII. musste den Thron räumen, um die geschiedene Amerikanerin Wallis Simpson heiraten zu dürfen. Diana war erst glücklich, als sie den Palastmauern entkommen war und draussen die «Königin der Herzen» sein durfte.

Heute schätzt das Volk es, Bürgerliche auf den royalen Balkons zu sichten. Hollywood war lange die Traumfabrik, nun sind es die Königshäuser. Auch ein Mittelschichtsmädchen kann Prinzessin werden (Kate), eine schwarze Frau aus den USA (Meghan), eine geschiedene TV-Journalistin (Letizia in Spanien), eine alleinerziehende Mutter (Mette-Marit in Norwegen).

Aber natürlich ist der Druck immens, vor allem, wenn man ihn nicht von klein auf kennt. Wie es ist, wenn jeder Schritt von Höflingen und Paparazzi begleitet wird, kann man nicht ermessen, wenn man nicht in so ein System hineingeboren wird, das moralische Erhabenheit bei Dauerbeobachtung einfordert. Der Herzogin von Cambridge gelingt das gut, Kate hat sich eine derart glatte Fassade zurechtgelegt, dass selbst der Boulevard die Lust verloren hat, ihr noch etwas anzudichten. Man muss eine Rolle spielen in einer Monarchie, und dass sich ausgerechnet eine Schauspielerin wie Meghan so schwer damit tut, spricht Bände.

Ab nach Swindon ins Reihenhaus?

Dass manche die Nerven verlieren und sich aus der Dauerschleife von Repräsentation, Lächeln und Staatsräson befreien wollen, ist verständlich. Den Preis für das andere Leben müssen die Aussteiger allerdings selbst zahlen. Alexander von Schönburg ist skeptisch, was den Ausstieg aus dem Königshaus betrifft. Es sei nicht möglich, das neue Leben im Privaten vom alten in der Öffentlichkeit zu trennen. «Auch wenn sie sich vom Königshaus lösen wollten, von der Hollywood-High-Society werden sie nicht wegen ihrer Begabungen umgarnt, sondern weil ihnen, mit oder ohne Titel, der Nimbus des Königlichen anhaftet.» Worauf auch das Paar spekuliere, glaubt Schönburg. Wer sich einen Markennamen «Sussex Royal» zulege, kalkuliere die königliche Note mit ein. «Wenn Harry und Meghan wirklich progressiv sein wollen, würden sie in ein Reihenhaus in Swindon ziehen, Archie würde irgendwann eine öffentliche Schule besuchen und Harry mit dem Bus zur Arbeit fahren.»

Aber ist es wirklich das, was das Volk will? Dass Royals so sind wie es selbst? Der viktorianische Essayist Walter Bagehot vertrat in seinen Schriften die Ansicht, dass nicht «das Licht des Gewöhnlichen in jede Ecke des Palastes» fallen dürfe. Sobald man im Königshaus herumzuschnüffeln beginne, könne man ihm keine Ehrerbietung entgegenbringen, postulierte er. Das wirkt erstaunlich zeitgemäss, ist gerade doch einiges ans Tageslicht gekommen, das man nicht direkt mit einem moralisch erhabenen Verhalten verbindet. Etwa, dass William seinen Bruder Harry mobben soll oder Meghan mit ihrer Freundin Oprah Winfrey über ein Ich-sage-alles-Interview in deren TV-Show verhandelt, für das einige Millionen Dollar fliessen sollen.

Harry äussert sich zu Beziehung mit Bruder William. Quelle: CNN

Natürlich ist es bemerkenswert, wenn es der Ausstieg Harrys und Meghans in vielen Ländern vor die Iran-Berichterstattung in den Abendnachrichten schafft. Wenn jede Windung des Streits frisch reportiert Gesprächsstoff in Kantinen und an Bushaltestellen ist. Es geht da aber nicht um Empathie, sondern einfach um die gute Story. Die Royals als Soapstars. Nach ein paar Tagen soll aber bitte auch wieder Ruhe sein und das Märchen von den Prinzessinnen und Prinzen in ihren goldenen Kutschen mit ihren wohlgeratenen Kindern weitergehen. Wenn sich Royals von den Kardashians nur noch durch Krönchen und Orden unterscheiden, werden sie uninteressant. Den Alltag mit einer nervigen Schwiegermutter und einem verkniffenen Bruder hat man schliesslich selber zu Hause.

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