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Die Suche nach dem dritten Mann

Je länger Mohammed Merah tot ist, desto mehr Fragezeichen tauchen auf. Wie viele Komplizen hatte der Attentäter? Wer schickte die Videos von den Taten an al-Jazeera? Und arbeitete Merah gar als Spion?

«Man kann die Schreie hören»: Der Attentäter Mohammed Merah in einem undatierten Video.
«Man kann die Schreie hören»: Der Attentäter Mohammed Merah in einem undatierten Video.
Keystone

Die Polizei sucht inzwischen nach einem weiteren Komplizen von Mohammed Merah. Neben dem älteren Bruder des Attentäters von Toulouse soll noch ein weiterer Mann an dem Diebstahl des Motorrollers beteiligt gewesen sein, mit dem Merah von den Tatorten flüchtete. Der dritte Mann war laut Ermittlern womöglich auch an weiteren Vorbereitungen der Anschläge beteiligt, etwa indem er Motorrad-Zubehör gekauft habe.

Bisher beharrten die Ermittler darauf, dass Merah ein Einzeltäter gewesen sei, der aber vielleicht von seinem älteren Bruder Abdelkader unterstützt wurde. Abdelkader sitzt in Untersuchungshaft. Mohammed Merah hatte sich gegenüber der Polizei als Mitglied des Terrornetzwerks al-Qaida bezeichnet. Er sei nach Afghanistan gereist und habe in Pakistan eine Schiessausbildung erhalten. Die Behörden bezweifeln einige dieser Angaben.

War Merah ein Spitzel?

Für Wirbel sorgten in Frankreich Spekulationen, wonach Merah für den Inlandgeheimdienst DCRI als Spitzel tätig war. Der ehemalige Chef der französischen Spianageabwehr hatte sich in einem Interview in diese Richtung geäussert. «Er war dem Geheimdienst nicht nur bekannt, weil er Islamist war», sagte Yves Bonnet gegenüber Ladepeche.fr. «Der Junge hatte offensichtlich Beziehungen zum Dienst. Er hatte einen Kontaktmann. Nennen sie es Ansprechpartner, nennen sie es Verbindungsoffizier – ich weiss nicht genau, wie weit diese Kontakte gehen.»

Der amtierende Chef des Inlandgeheimdienstes dementierte sofort. Merah sei für keinen französischen oder ausländischen Dienst als Agent tätig gewesen, sagte er laut der deutschen «Zeit».

Nicht vom Attentäter abgeschickt

Auch die Videos, mit denen Merah seine Bluttaten dokumentierte, geben Rätsel auf. Technische Analysen hätten ergeben, dass die Sendung nicht vom Attentäter selbst abgeschickt worden sei, teilte eine über den Stand der Ermittlungen informierte Person mit. Angaben darüber, ob Fingerabdrücke, DNA-Spuren oder sonstige Daten sichergestellt werden konnten, machte sie nicht. Die Polizei führte nicht aus, warum sie Merah als Absender des Päckchens ausschliesst.

Auf dem Umschlag der Sendung befinde sich ein Stempel eines Postsortierzentrums in der Region Toulouse vom Mittwoch – dem Tag, an dem am frühen Morgen die Polizei Merah in seiner Wohnung einkreiste. Allerdings sagt dies nichts darüber aus, wo genau die Sendung aufgegeben wurde.

Die Staatsanwaltschaft hatte schon zu einem früheren Zeitpunkt erklärt, der 23-jährige Merah habe all seine sieben Morde gefilmt. Gestern Montag hatte der arabische Nachrichtensender al-Jazeera die mutmasslichen Videoaufnahmen erhalten. Al-Jazeera wird diese aber nicht senden.

«Man kann die Schüsse hören»

Die Aufnahmen wurden auf einem USB-Stick begleitet von einem Brief an das Pariser Büro des Senders geschickt. Sie zeigen die Morde, während Schreie der Opfer und die Stimme des Schützen zu hören sind, wie der Sender mitteilte.

«Man kann die Schüsse im Moment der Morde hören», sagte der Pariser Büroleiter von al-Jazeera, Zied Tarrouche, dem französischen Fernsehsender BFM. «Man kann die Stimme der Person hören, die diese Anschläge begangen hat. Man kann auch die Schreie der Opfer hören, aber die Stimmen wurden verzerrt.» In dem Brief, der in mangelhaftem Französisch und mit Rechtschreib- und Grammatikfehlern verfasst wurde, hiess es, die Morde seien im Namen von al-Qaida verübt worden.

Sarkozy fordert Respekt für die Opfer

Tarrouche erklärte, die Videoaufnahmen schienen aus Sicht des Attentäters entstanden zu sein. Möglicherweise habe die Kamera um seinen Hals gehangen. Die Aufnahmen seien leicht verwackelt, aber von hoher technischer Qualität. Das Video wurde bearbeitet, wie der Büroleiter weiter sagte. Die Bilder würden von religiösen Liedern und Koranversen begleitet.

Der französische Präsident Nicolas Sarkozy appellierte: «Ich forderte die Leiter von allen Fernsehsendern auf, die möglicherweise diese Bilder haben, sie unter keinen Umständen zu senden, aus Respekt vor den Opfern, aus Respekt vor der Republik.» Angehörige der Opfer schlossen sich dieser Forderung an. Es gab keine Hinweise darauf, dass auch anderen Sendern das Video vorlag.

Kein Informationswert

Tarrouche sagte, der Staatsanwalt habe zugesichert, er werde den Sender nicht daran hindern, seine journalistische Arbeit zu tun. «Wir sind kein sensationsgieriger Sender», sagte der Büroleiter. «Wir senden keine Bilder, ohne das Risiko und die Folgen abzuwägen.» Wenige Stunden später entschied die Leitung des Senders, das Video nicht zu zeigen.

«In Übereinstimmung mit den ethischen Richtlinien von al-Jazeera und angesichts der Tatsache, dass das Video keine nicht ohnehin schon öffentlich bekannten Informationen enthält», werde es nicht ausgestrahlt, teilte der Sender mit. Weiter hiess es, al-Jazeera habe viele Anfragen von Medien erhalten, die Einblick in das Video gewünscht hätten, hiess es. Sie würden alle abgelehnt.

Vater will den Staat verklagen

Merahs in Algerien lebender Vater kündigte an, er werde wegen des Todes seines Sohns juristisch gegen den französischen Staat vorgehen. Sarkozy gab sich empört über die Ankündigung. «Mit Entrüstung habe ich erfahren, dass der Vater des Mörders von sieben Personen - darunter drei Soldaten und drei Kinder - wegen des Todes seines Sohns Klage gegen Frankreich einreichen will.»

Unterdessen teilte ein Bruder Merahs, Abdelghani Merah, einem Vertreter der französischen islamischen Gemeinde mit, dass der Tote in Algerien beigesetzt werden soll. Er komme damit einem Wunsch seiner Mutter nach, sagte Abdallah Zekri, Vertreter der Grossen Pariser Moschee in Toulouse.

sda/dapd/AFP/ami/rbi/mrs

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