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Wie in einem Gräuelvideo des IS

Ihr Ehemann band sie ans Auto und schleifte sie durch die Stadt. Ein Jahr später sitzt er im Gefängnis, Kader K. kämpft mit ihren Albträumen.

Ihr Vorname bedeutet Schicksal: Kader K. wurde Opfer ihres gewalttätigen Ehemannes. Foto: Katrin Kutter
Ihr Vorname bedeutet Schicksal: Kader K. wurde Opfer ihres gewalttätigen Ehemannes. Foto: Katrin Kutter

Sie steht am Tatort und muss kurz lachen. Es ist ja alles unglaublich. Die Schläge auf den Kopf, die Stiche ins Herz, das Seil um den Hals, die Horrorfahrt über Stein und Asphalt, als sie an der Abschleppkupplung hing. Trotzdem kann sie jetzt wieder durch die Stadt laufen und von dem Wahnsinn erzählen, während der Mann, der sie töten wollte, im Gefängnis sitzt.

Hameln im deutschen Bundesland Niedersachsen, Kaiserstrasse, hier lag sie damals halb zertrümmert auf dem Trottoir. «So viel Glück», sagt Kader K., kalte Luft rötet ihre Wangen. «Das kann nicht wahr sein, oder? Wenn das ein Film wäre, würde man sagen, ach komm, hör auf, wer hat denn das gedreht? Jetzt überlebt sie auch noch. Zu viel Fantasie.» Ihre dunklen Augen glänzen im Laternenlicht, dezent umrahmt von Wimperntusche. 15 Monate zuvor war sie an dieser Stelle klinisch tot. Kader K. ist 29 Jahre alt, Kurdin und Deutsche, eine kleine, lebendige Frau. Ihr Vorname bedeutet Schicksal. «Seh ich jetzt besser aus als im Gericht?», fragt sie.

Kopfschmerzen, Narben

Sie verbirgt ihre Narben an diesem Winterabend unter einem schwarz-weiss gestreiften Pullover, einer blauen Hose und einem Daunenmantel mit Fellkapuze. Die Haare verschwinden unter einer grauen Wollmütze. Weil sie gläubige Muslimin ist und die Haare nicht zeigen will? «Nein, weil er mir meinen Kopf zerschmettert hat und die Haare nicht mehr wachsen, sieht schlimm aus», sagt sie, der Termin in der Hautklinik ist im Mai. Die Mütze muss weich sein, wegen der Kopfschmerzen.

Niemand, der sie nicht kennt, würde sie auf den ersten Blick für ein Opfer wahnwitziger Gewalt ­halten. Aber jeder in der Stadt hat von ihrer ­Geschichte gehört. Der Fall Kader K. ist einer der Kriminalfälle, die man nicht vergisst. Der dreifache Mordversuch begann zwei Strassenecken weiter, Kader K. läuft den Weg ohne Eile ab. Es ist ein gewöhnlicher Werktag im Süden der Stadt, in der Nähe des Bahnhofs von Hameln, jenseits der schönen Altstadt, sie wohnt noch immer in dieser Gegend. Kurz vor 18 Uhr, die Strassen sind schwach beleuchtet, wie an jenem Sonntag im Herbst.

«Jetzt wird sie von mir gepfändet»

Kader K. stoppt zwischen halbhohen Häuser­blöcken in der Königstrasse, an einem mit weissem Zickzack markiertem Parkverbot. Da ging es los. Am 20. November 2016 sollte Nurettin B., ihr früherer Mann, den gemeinsamen Sohn Cudi nach Hause zur Mutter bringen, die beiden waren getrennt und zerstritten. Sein Gehalt als Polsterer sollte gepfändet werden, weil er keinen Unterhalt zahlen wollte. «Jetzt wird sie von mir gepfändet» – Ermittler fanden diese Notiz später.

Nurettin B. beschimpfte Kader K. und schlug sie nieder. Er stach mit einem Küchenmesser auf sie ein. Die Klinge, laut Anklage 12,4 lang und 4 Zentimeter breit, drang tief in ihre linke Flanke ein und in ihre Brust. Nurettin B. stach mit solcher Wucht zu, dass der Griff des Messers abbrach. Dann nahm er eine Axt und schlug mit der stumpfen Seite auf sie ein, ihr Schädelknochen splitterte. Schliesslich legte er ihr einen Seil um den Hals, band den Strick an seinen VW-Passat und gab Gas. Im Kindersitz auf der Rückbank sass der kleine Cudi, drei Jahre alt.

Während die Ärzte im Spital um das Leben von Kader K. kämpften, schrieben die Zeitungen schon über den «Blutschleifer von Hameln». Auch internationale Medien, NBC, BBC und die «Times». Als im Mai 2017 in Hannover der Prozess gegen Nurettin B. begann, drängten sich die Reporter. «Meine Mandantin hat überlebt, aber was für ein Leben ist das?», fragte einer der Anwälte von Kader K.

Was für ein Leben also ist das?

Kader K. redet, raucht, schimpft und lacht. Sie sucht ohne Zögern auch die Orte auf, an denen sie binnen weniger Minuten dreimal hätte sterben können. «Es ist ein Wunder, dass ich lebe», sagt sie und deutet hinüber auf die andere Strassenseite.

Nurettin B. steuerte den Wagen aus der Königstrasse rechts in die Prinzenstrasse, zwei enge Wohnstrassen. Über Kopfsteinpflaster schleifte er die ohnehin schon schwer verletzte Kader K. hinter sich her. Passanten dachten, sie sei eine Puppe. Es war wie in diesen Gräuelvideos der Terrormiliz IS, auch wenn es keine Anzeichen dafür gibt, dass Nurettin B. mit dem sogenannten Islamischen Staat sympathisiert. Die Blutspur zog sich gut 200 Meter lang durch Hameln. Kader K. klemmte die Hände ­zwischen Nacken und Seil, um nicht erwürgt zu werden, ihr Genick hätte bei jeder Erschütterung brechen können. «Mit 80 Stundenkilometern, das übersteht kein Mann», sagt sie. Sie schlurft über das Kopfsteinpflaster, mitten auf der leeren Strasse.

14 Jahre Gefängnis

An der Abzweigung zur Kaiserstrasse biegt ­Nurettin B. mit hoher Geschwindigkeit links ab, da löst sich der Strang vom Heck. Kader K. wird gegen eine kniehohe Mauer aus gelben Ziegeln geschleudert, mit einem Gitterzaun obendrauf, zwischen den Lokalen Goldhähnchen Grill und Berlin Döner, gegenüber vom Kosmetiksalon Visage und dem Friseur Beauty Cut. «Ich bin hier dagegengeknallt und liegen geblieben», sagt sie, «komisch, oder?» Nurettin B. fuhr mit Sohn Cudi im Fond weiter. Er merkte erst nicht, dass er sein Opfer verloren hatte. Minuten später parkte der 39-Jährige vor der Polizei­inspektion Hameln-Pyrmont und stellte sich. Cudi kam vorübergehend in ein Kinderheim. Nur sechs Monate später wurde Nurettin B. zu 14 Jahren Gefängnis verurteilt.

Kader K. wurde zweimal wiederbelebt, im Notarztwagen und im Schockraum einer Klinik in Hameln. Schädel-Hirn-Trauma, Hirnblutung, durchstochener Herzbeutel und Herzmuskel. Ein Chirurg rettete sie mit seiner ersten Herz-OP über die ersten Stunden hinweg. In der Nacht wurde sie dann mit einem Helikopter nach Hannover geflogen, auf der Intensivstation der Medizinischen Hochschule hing sie mit kahl rasiertem Kopf an Schläuchen. Der Bruder sass mit der Mutter an ihrem Bett und las ihr aus dem Koran vor. Als sie nach Tagen aus dem künstlichen Koma erwachte, war sie berühmt.

Der Traum, einen Monat davor

«Wahrscheinlich hab ich den Nahtod erlebt, ich erinnere mich nicht», sagt Kader K. Sie würde gern wissen, was der Nahtod mit einem anstellt. Auf der Reha hat sie von anderen Traumapatienten gehört, dass Hypnose helfen könnte. Ihre eigene Erinnerung an den 20. November 2016 ist weg, ausgelöscht. Was sie von jenen Stunden weiss, das weiss sie von anderen. Aber sie erinnert sich an diesen Traum, einen Monat davor.

Sie träumte, dass sie von einem Hügel auf einen anderen sprang, dass sie in die Luft gezogen wurde, obwohl sie Höhenangst hat, dass es immer heller wurde. Lieber Gott, bring mich zurück, dachte sie, Allahu akbar, Gott ist gross. Plötzlich war sie wieder am Boden. Sie las, dass man nach islamischer Interpretation bald sterbe, wenn man im Traum nicht zurückgeholt werde. Und dass Gott einen heile, wenn er einen doch zurückhole, dass er einen dann stärker mache. «Passt doch, oder?», sagt sie, die Überlebende.

Seit der Attacke hat Kader K. oft Albträume, sofern sie überhaupt schläft. «Ist normal», sagt sie, «man kann nicht selbst entscheiden, was man träumt.» Sie spricht nach 18 Jahren in Hameln geschliffenes Deutsch mit kaum merkbarem Akzent. Ihre Muttersprache ist Kurdisch, sie kann auch Türkisch, hat halbwegs Englisch gelernt, liest den Koran auf Arabisch. Selten erwischt sie ein falsches deutsches Wort oder fragt, wie man etwas richtig sagt. Als sie an der Fischtheke Kartoffelecken zum Seehecht bestellt, vertauscht sie die Silben, Eckenkartoffeln. Ihr Kopf kam ihr nach den Qualen und Operationen vor wie ein Fremdkörper, als ob Hals und Rumpf nicht mehr verbunden wären.

Die Sage des Rattenfängers

Kader K. wurde in der Türkei geboren, als Tochter kurdischer Eltern, 1988. In den Neunzigerjahren gab es im Südosten des Landes schwere Auseinandersetzungen zwischen der türkischen Armee und der kurdischen PKK. Kader K. flüchtete mit zwölf Jahren mit Geschwistern und einer Schwägerin über das Mittelmeer und über Griechenland zu Verwandten nach Deutschland, nach Hameln, eine Stadt wie aus dem Märchenbuch. Sie spaziert vorbei an der Statue des Rattenfängers und am Rattenfängerhaus in der Fussgängerzone im alten Zentrum. Sie hatte als Kind von der Sage gehört, aber nicht geahnt, dass es diese Stadt tatsächlich gibt und sie hier landen würde. Die Eltern blieben zunächst zurück in der Türkei. Die Mutter kam erst vor fünf Jahren nach, der Vater 2017. Beide besitzen nur eine Duldung in Deutschland. Kader K. wohnte jahrelang bei der Schwägerin und ihrem Schwager. Erst war sie gut in der Schule, dann wurde sie immer schlechter. Sie sagt, das Leben ohne ihre Eltern habe sie traurig gemacht. Sie verkaufte dann Schuhe in einem Einkaufszentrum, durch das sie nun flaniert. Bei einer Kurdendemo lernte sie Nurettin B. kennen.

Sie war damals schon eine kurdische Aktivistin. Über die Kurden redet sie gern und viel, aber auch über den Islam, den so viele Menschen so falsch verstehen würden. 2013 heiratete sie Nurettin B. nach islamischem Recht. Sie sagt, sie habe Mitleid mit ihm gehabt, weil seine Mutter gestorben und seine erste Ehe gescheitert war. «Ich war so dumm, obwohl ich eigentlich nicht dumm bin.» Sie bekamen einen Sohn und nannten in Cudi, nach einem Berg in der osttürkischen Provinz Sirnak.

Sie fühlte sich bald wie eine Sklavin, Freunde durften sie nicht mehr anrufen und besuchen. «Wenn er sagte: Sitz, musste ich sitzen, wie ein Roboter», sagt sie, «ich war eingesperrt, dabei bin ich ein Mensch, der seine Freiheit liebt.» Mit dem Sohn zog sie zur Mutter. Nurettin B. beleidigte sie, drohte ihr, sie schildert all das sehr detailliert. Sie ging dann zur Polizei, die Beamten forderten Nurettin B. zur Mässigung auf, das Jugendamt hielt trotz der Drohungen am gemeinsamen Sorgerecht fest. Es folgt die Chronik einer angekündigten Tragödie.

Ich habe gewonnen, ich lebe

Kader K. tippt auf ihrem Handy. Eine Whatsapp-Nachricht vom 22. Oktober 2016, wenige Wochen vor der Tat. Empfänger ist Nurettin B., den sie nur noch «Täter» nennt und auf dem Mobiltelefon als «Täter – Mörder» eingespeichert hat. Sie werde ihrer Anwältin von den neuen Morddrohungen erzählen, schrieb sie, und wenn ihr etwas zustossen sollte, «dann wissen die ganzen Menschen, dass du es warst. Und der Staat und die Polizei mich nicht beschützen konnten. Ich habe gar keine Angst, vor dir schon gar nicht.» Manchmal wird sie gefragt, wieso sie nicht weglief, als er sie angriff. Ganz einfach: «Ich bin Mutter, ich wollte mein Kind abholen.» Cudi sass im Auto. Nachbarinnen berichteten ihr, dass sie um das Auto herumgerannt sei, ehe sie zu Boden ging, und um Hilfe schrie, die Zeuginnen riefen auch die Polizei. Sie ärgert sich, dass sie sich kaum wehren konnte und nur er Waffen dabeihatte, der Täter, aber dann denkt sie wieder an ihren waffenlosen Sieg. «Er hatte alles, ich hatte nichts. Ich hab den Kampf gewonnen, ich lebe», sie sagt das immer wieder. «Er sitzt im Käfig, obwohl er alles versucht hat, um mein Leben zu zerstören.»

So wollte sie das auch vor dem Landgericht Hannover sagen, aber es gab keine richtige Gelegenheit, sie fand die Worte nicht. Sie beantwortete als Nebenklägerin und Zeugin mit schwacher Stimme die Fragen des Richters, die Haare unter einem Kopftuch verborgen, neben sich Anwalt und Psychologin. Nurettin B. sass kerzengerade in Saal 127, liess sein Geständnis verlesen und brachte schliesslich eine Entschuldigung hervor, die ihr verlogen vorkam. Sie sah ihn nicht an. «Der Typ bereut nichts», glaubt sie. Entgeistert lauschte sie dem Urteilsspruch der Strafkammer, 14 Jahre für Nurettin B. statt lebenslänglich, wie die Staatsanwaltschaft verlangt hatte. «Ich dachte, die wollen mich verarschen», sagt sie heute über das Urteil.

Sie war aufgeregt, wütend, enttäuscht. Sie wollte eine Zigarette rauchen, unbedingt eine Zigarette, aber es war Ramadan, deshalb trug sie auch keinen Lippenstift. Es gehe nicht um Rache, es gehe um das Gesetz, referierte der Richter. «Es sollte um Gerechtigkeit gehen», sagt Kader K. nun im Lokal, sie wäre im Gericht am liebsten aufgesprungen vor Zorn. «Wenn ich gewusst hätte, dass er nur 14 Jahre kriegt, ich hätte meine Meinung gesagt.» Vielleicht hätte sie sich lieber selbst vertreten sollen, sagt sie, «ich hätte alles plattgemacht». Ihr Traumberuf ist Juristin, für ein Studium fehlt aber der geeignete Schulabschluss. Sie fühlt sich von Justiz und Behörden nicht ernst genommen, nur den Ärzten würde sie eine Auszeichnung wünschen. Noch immer gilt sie als arbeitsunfähig, sie lebt von Sozialhilfe und hat ihre Wohnung mit Unterstützung von Spendern eingerichtet. Ihr Sohn Cudi wohnt bei ihr und ihrer Mutter. Immer wieder sagt er: «Mama, er hat dir aua gemacht.»

Sie will das Täterauto versteigern

Nurettin B. soll Kader K. und Cudi sein Haus übereignen, mit einem Wert von umgerechnet knapp 160'000 Franken plus Zinsen. Ihren Goldschmuck von der Hochzeit, die sogenannte Morgengabe, muss er auch zurückgeben. Nurettin B. aber hat sich im Gefängnis um eine Revision bemüht – das Gericht wies den Antrag ab. Bekommen hat sie bislang das Tatfahrzeug, den schwarzen Passat CC, Marktwert circa 14'000 Franken. Kader K. will das Auto versteigern lassen und wartet auf Facebook auf Gebote. Sie möchte mit dem Erlös ein Waisenhaus im kurdischen Norden Syriens ausstatten. Wieso sie das Auto, mit dem sie durch Hameln geschleift wurde, nicht verschrotten lässt, bekommt sie zu hören, das wolle doch kein Mensch mehr fahren.

Sie sitzt jetzt im Raucherzimmer eines Cafés und löffelt im Eisbecher, das Eis ist schon geschmolzen. Es gab in Hameln eine Demo für sie und eine Mahnwache mit Bürgermeister und Landrat, aber sie wünscht sich «riesengrosse Demos, ich will Millionen Menschen», für Frauen und Kinder. Sie will Politik machen. Sie war im Fernsehen, sie hat im Radio geredet. Man kennt sie. Sie spricht laut, andere Gäste tuscheln. Am Nebentisch erhebt sich eine Frau mit ihrer Tochter, sie sagt: «Entschuldigung, dass wir stören. Es tut uns sehr leid, was Ihnen passiert ist. Alles Gute. Schön, dass Sie das überlebt haben.» Ständig wird sie irgendwo angesprochen. «Hallo, bist du Kader?», sagt eine Passantin, als sie wieder auf der Kaiserstrasse steht, wo sie 2016 fast tot war. Sie wohne nebenan und habe den schrecklichen Abend erlebt, sagt die Frau, und: «Ich denk jeden Morgen an dich.» Dann umarmen sich die beiden, und Kader K. sagt: «Danke schön. Kuck mal, genau das ist das, das gibt mir Hoffnung. Dass man weiterleben muss, weil es gute Menschen gibt.»

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