In Schockstarre gebombt

Die Attentate in Sri Lanka waren offenbar sorgfältig vorbereitet und koordiniert. Die Regierung wirkt angesichts der Situation ohnmächtig.

Eine Serie von Terroranschlägen forderte in Sri Lanka mindestens 290 Tote und 450 Verletzte. (Video: Reuters/AFP/ Storyful)

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In die Trauer und den Schmerz auf Sri Lanka mischt sich die Angst vor immer neuen Attacken. Auf die sechs Terrorangriffe in Kirchen und Hotels waren am Nachmittag bereits zwei weitere Explosionen gefolgt, angesichts der verheerenden Serie mit mindestens 290 Toten und 450 Verletzten wirkten der Staat und seine Wächter ohnmächtig. Die Regierung verurteilte die «feigen Attacken», ohne den Bürgern erklären zu können, wer hier nun auf breiter Front attackiert. Der Staat machte zunächst nicht den Eindruck, als habe er die gefährliche Lage unter Kontrolle. Später verhängte er eine landesweite Ausgangsperre.

Während Ärzte in den Hospitälern um das Leben der Schwerverletzten kämpfen, geht das Rätseln um die Täter und Drahtzieher des Oster-Terrors weiter. Bis zum Abend hatte sich niemand zu den Angriffen bekannt, die Polizei rief dazu auf, sich mit Mutmassungen zurückzuhalten, soziale Medien wurden blockiert, um die Verbreitung von Gerüchten und möglichen Hassbotschaften einzudämmen.

Christliche Minderheit im Visier

Die unbekannten Täter haben Sri Lanka in eine Schockstarre gebombt. Nur eines war nach den ersten Stunden klar und wurde vom Staat bestätigt: Diese Angriffe waren sorgfältig vorbereitet und koordiniert, sie zielten darauf, so viele Opfer wie möglich zu treffen. Es war ein Schlag, dessen mörderisches Ausmass hier wohl niemand vermutete, auch wenn diesem Land blutiger Terror keineswegs fremd ist. Jahrzehnte lang war Sri Lanka zerrissen durch den Konflikt zwischen der Mehrheit der Singhalesen und der tamilischen Minderheit. Eine äusserst brutale Rebellengruppe, die tamilischen Tiger, kämpfte um einen eigenen Staat im Nordosten der Insel, die Separatisten wurden ebenso gnadenlos von der sri-lankischen Armee bekämpft. Schliesslich gelang es staatlichen Truppen unter dem Oberbefehl des nationalistischen Staatschefs Rajapaksa, die Aufständischen in einer Grossoffensive zu besiegen.

Die singhalesischen Nationalisten feierten Mahinda Rajapaksa als siegriechen Helden, schwere Vorwürfe von Kriegsverbrechen beider Seiten wurden niemals aufgearbeitet, Pläne für ein internationales Tribunal versandeten. Nationalistische singhalesische Zirkel sehen die Sieger von 2009 als Helden und wollen nicht, dass sie wegen mutmasslicher Kriegsgräuel vor Gericht gestellt werden. Initiativen für eine Aussöhnung zwischen den ethnischen Gruppen kamen im vergangenen Jahrzehnt nur schleppend voran.

Der Konflikt zwischen Tamilen und Singhalesen ist überlagert von anderen Spannungen, etwa zwischen buddhistischen Hardlinern und der muslimischen Minderheit im Land. Warum die Angreifer koordiniert nun auf die christliche Minderheit zielten und dazu auch noch Luxushotels mit vielen Ausländern ins Visier genommen haben, konnte der Staat bislang nicht aufklären. In indischen Medien zirkulierte der Hinweis auf einen angeblichen sri-lankischen Polizeibericht, der sich auf «einen ausländischen Geheimdienst» berief und schon vor zehn Tagen vor einer Gruppe namens «National Thowheeth Jama'ath» (NTJ) warnte: Sie soll Selbstmordanschläge auf Kirchen und auch auf die indische Botschaft in Colombo geplant haben. NTJ wird demnach als radikale muslimische Gruppe in Sri Lanka eingestuft, die im vergangenen Jahr bereits auf buddhistische Statuen und Symbole gezielt habe, wie die Nachrichtenagentur AFP berichtete.

Auch Ausländer unter den Toten

Sri Lanka äusserte sich zunächst nicht zu möglichen Drahtziehern, bestätigte allerdings die Festnahme von 13 Verdächtigen. Verteidigungsminister Ruwan Wijewardene erklärte, dass die Täter zu einer Gruppe gehörten, er nannte sie «religiöse Extremisten». Mehrere der Anschläge seien von Selbstmordattentätern ausgeführt worden, weitere Details gab die Regierung nicht bekannt. Telekommunikationsminister Harin Fernando spekulierte auf Twitter darüber, dass der Geheimdienst des Landes vorgewarnt gewesen sein könnte. US-Aussenminister Mike Pompeo machte «radikale Terroristen» für die Taten verantwortlich, ohne Näheres über deren Hintergrund bekannt zu geben.

Die meisten Opfer sind Bürger von Sri Lanka, unter den Toten befinden sich allerdings auch über 30 Ausländer, die USA sprachen von mehreren amerikanischen Opfern, drei Dänen, fünf Briten, ein Portugiese, ein Niederländer und zwei Türken wurden ebenfalls getötet, wie die Regierungen der Opfer bestätigten.

Schweizer sind nach bisherigem Kenntnisstand nicht unter den Opfern, hiess es vom EDA. Das Aussendepartement passte aber am Sonntag die Reisehinweise für das Land an.

Erstellt: 22.04.2019, 06:23 Uhr

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