Doppelte Dressur

Am 1. Januar endet die nationale Pflicht für Hundekurse. Ein Nachruf auf lehrreiche Stunden.

Das muss gelehrt werden: Hund springt durch Reifen. Foto: billydl photography (Getty)

Das muss gelehrt werden: Hund springt durch Reifen. Foto: billydl photography (Getty)

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Wir hätten uns gleich einen Wolf kaufen sollen und keinen Hund. Der Wolf ist ganz natürlich, keine Überzüchtung, schon gar keine Qualzucht, und vor allem: Er hat nie einen Welpen- oder Junghundekurs nötig gehabt: volle Freiheit!

Wir haben uns dann doch für einen Hund entschieden. Schliesslich stammt er vom Wolf ab, ist ein direkter Nachfahre, das steht in jedem Hundeerziehungsbuch. Vergessen Sie nicht: Der Hund ist ein Raubtier, er braucht einen Leitwolf, und das sind Sie. Passen Sie auf, sonst wird er es und tyrannisiert Ihre Familie.

Das fängt ganz harmlos an, er springt aufs Sofa, zieht Sie beim Spazieren durch die Gegend, springt bei der Begrüssung hoch. Das ist bereits der Leitwolf, versteckt hinter Welpenherzigkeit.

Aus dem Jöh der Besucher wird bald ein «Mein Gott, der könnte mich umwerfen oder beissen».

Natürlich ist der Hund nicht nur ein Wolf, seit zehntausend Jahren dient er dem Menschen als treuester Begleiter. Darum geben wir ihm nicht nur rohes Fleisch, wir kaufen das Fertig­futter in grossen Säcken, das ist viel praktischer. Es sind ungefähr 100 Sorten zu haben, für den kleinen, für den grossen, für den dicken, den dünnen und für den psychisch auffälligen Hund.

Übrigens gibt es Hunde, die sind wölfischer als der Wolf, von Menschen gezüchtet, ganz auf Aggressivität gesetzt, absolut erfolgreich, wenn Herrchen oder Frauchen das Tier entsprechend konditionieren, richtige Kampfhunde.

Die gehn voll auf den Mann und lassen auch nicht locker, wenn neben ihren Ohren ein Schuss abgefeuert wird: absolut kriegstauglich. Und derentwegen wurden die Hundekurse eingeführt. Also im Grunde war es nicht die Schuld dieser Hunde, nein, die verantwortungslosen Herrchen waren schuld, vielleicht waren sie die wahren Wölfe. Wie heisst es doch so schön: Homo homini lupus (der Mensch ist für den Menschen ein Wolf). Es könnte auch für Hunde gelten: Homo cani lupus (der Mensch ist dem Hund ein Wolf).

Dann gab es eine wochenlange Kampagne über Pitbulls, Rottweiler und Dobermänner.

Da muss etwas getan werden, und die Politiker und Politikerinnen handelten sofort. Welpenkurse für alle, und zwar flächendeckend.

Über Demütigung zum Erfolg

Wir stapfen bei Regen im sumpfigen Gelände mit grünen Stiefeln im schmatzenden Erdreich herum, lauschen den Belehrungen der Hundetrainerinnen. Machen das Gelernte mit dem widerspenstigen kleinen Zögling nach, blamieren uns, wenn er ausschert, wenn er bellt wie verrückt und einfach nicht tun will, was wir ihm zeigen.

Wir kommen ins Schwitzen, reden viel zu viel, grollen der eigenen Frau, die ständig dreinredet und kritisiert: Ich habs ja immer gesagt, aber du weisst es besser.

Wir bringen den Kleinen ganz durcheinander, reissen ihn an der Leine. Das geht aber gar nicht, mahnt die Trainerin und macht es mit unserem Hund vor. Der folgt ihr willig, das muss eine Hundeflüsterin sein. Der Regen weicht unsere Windjacken auf, das Wasser läuft ins Genick: Siehst du, sagt die Trainerin, er kann es ja.

Wir werden das zu Hause so lange probieren, bis es funktioniert, rufen wir ganz untertänig.

Aber nicht zu viel, sonst überfordert ihr den Hund! Ein Welpe braucht vor allem Ruhe!

Oder wir stehen an einem Sonntag in der sengenden Sonne, alle anderen sind in der Badi, wir mühen uns ab mit unserem störrischen Vieh, mit diesem hechelnden Monster, verzweifeln fast, wenn er den Weibchen die ganze Zeit aufhockt, wenn er das auch bei deren Frauchen macht. Einige lachen, andere sind indigniert und schütteln die Köpfe: Das müsst ihr ihm frühzeitigabgewöhnen, am besten lasst ihr ihn kastrieren.

Ja, die verschiedensten Leute mit den verschiedensten Hunden kommen zusammen.

Alle halten sie ihren Liebling für etwas ganz Besonderes, alle mühen sich redlich ab.

Und siehe da: Unter kundiger Leitung entwickeln wir eine gute Beziehung zum Hund und vermeiden die schlimmsten Fehler. Wir sind nicht allein mit unseren Nöten und Sorgen, wir werden im Laufe des Kurses eine Gemeinschaft!

Keiner kann sagen, er habe nicht gehört und erlebt, wie man mit seinem herzigen, vom Wolf abstammenden Vierbeiner umgehen muss.

Jetzt, wo wir Hundebesitzer und -besitzerinnen alle glücklich und zufrieden sind, sollen die Kurse wieder abgeschafft werden: Warten wir nur, bis ein Kampfhund einen Politiker oder gar eine Journalistin anbellt oder aufschreckt.

Erstellt: 29.11.2016, 22:37 Uhr

Jürg Acklin. Der 71-Jährige ist Autor und Psychoanalytiker. Er hat eine acht Monate alte Kontinental-Bulldogge.

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