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«Drei der Toten sind meine Nachbarn»

Im spanischen Lorca verbrachten Zehntausende die Nacht im Freien. Einen Tag nach dem Erdbeben ist die Zerstörung erst so richtig sichtbar. Nun haben die Aufräumarbeiten begonnen.

Einen Tag nach dem Erdbeben in Spanien ist das Ausmass der Naturkatastrophe deutlich geworden: In der am schwersten betroffenen Stadt Lorca im Südosten des Landes wurden hunderte Gebäude schwer beschädigt, Autos wurden von herabfallenden Trümmerteilen zerdrückt. Die Regierung in der Region Murcia erklärte unterdessen, es habe neun Todesopfer gegeben. Am Mittwoch war noch von zehn Getöteten die Rede gewesen.

Unter den Toten war nach Behördenangaben ein Kind. 30 Menschen wurden in Krankenhäusern behandelt, drei von ihnen waren in kritischem Zustand. Weitere 260 Menschen wurden kurz nach dem Erdbeben wegen leichterer Verletzungen oder eines Schocks behandelt. Vermisst wurde niemand.

Zehntausende Menschen verbrachten die Nacht aus Furcht vor Nachbeben im Freien. Sie suchten in Pappkartons Schutz, schliefen in ihren Autos oder legten sich einfach mit Decken auf den Boden. Am Donnerstagmorgen gaben Freiwillige in fünf Notunterkünften in Lorca heisse Getränke aus.

Fassaden und Balkone abgebrochen

Bei Tagesanbruch kehrten viele Menschen in der 85'000-Einwohner-Stadt in ihre Häuser zurück, um sich mit dem Nötigsten zu versorgen. Andere liefen durch die Strassen und machten Fotos von den Zerstörungen. Nur wenige Gebäude wurden zerstört, allerdings wurden hunderte beschädigt: Fassaden und Balkone stürzten in die Tiefe, Treppenhäuser brachen zusammen.

«Die gesamte Fassade und die Treppen zu meiner Wohnung sind zerstört», sagte Tomas Hinojo aus Lorca. «Am Schlimmsten war es genau dort, wo ich wohne. Drei der Todesopfer sind meine Nachbarn.»

Von der Fassade einer Kirche brachen grosse Teile ab und stürzten in die Tiefe, als gerade ein Reporter des spanischen Fernsehens Liveaufnahmen machte. Auch eine grosse Glocke fiel hinab und schlug neben dem Journalisten auf.

Ministerpräsident José Luis Rodriguez Zapatero unterbrach seinen Wahlkampf für die bevorstehenden Regional- und Kommunalwahlen, um die Rettungsarbeiten zu koordinieren. In einer Rede vor dem Kongress sprach der Regierungschef den Opfern sein Mitgefühl aus. Er erklärte, 800 Soldaten seien nach Lorca geschickt worden, um bei den Aufräumarbeiten zu helfen. Dies werde jedoch einige Zeit dauern. «Wir haben viel Arbeit vor uns», sagte Zapatero. «Die Aufgabe ist sehr, sehr gross.»

Einwohner fliehen

Derweil sind aus Angst vor Nachbeben Tausende Menschen aus Lorca geflohen. Weitere Erschütterungen, so ihre Befürchtung, könnten noch mehr Gebäude zum Einsturz bringen.

Ein beständiger, stadtauswärts fliessender Strom von Autos verwandelte den Ort mittlerweile in eine Geisterstadt. Geschäfte, Restaurants und Schulen blieben geschlossen. Nur Sirenen von Polizeifahrzeugen und Krankenwagen erfüllten zusammen mit Lärm der Hubschrauber die Luft. Ganz wenige Menschen liefen am Nachmittag noch durch die Stadt. Die meisten von denen, die blieben, sind arme Einwanderer aus Lateinamerika.

Beben ereignete sich in geringer Tiefe

Die Region Murcia war am Mittwochabend von zwei Erdstössen der Stärke 4,4 und 5,2 erschüttert worden. Experten erklärten, die Erdbeben seien zwar relativ schwach gewesen, hätten sich aber sehr nahe an der Oberfläche ereignet. Daher hätten sie solch verheerende Auswirkungen gehabt. «Die Erdbeben in dieser Region der Iberischen Halbinsel sind meist nahe an der Oberfläche», sagte der Seismologe Maria José Jimenez. «Sie ereignen sich in den ersten paar Kilometern der Erdkruste und richten daher mehr Schäden an.»

Ein Mitarbeiter des Geologischen Instituts in Murcia, Aragon Ruedo, erklärte, der Boden in der Region sei sehr locker und sandig. Daher könnte er die Energie eines Erdbebens nicht so gut absorbieren wie ein fester Untergrund.

Seit den 60er Jahren gelten in Spanien Vorschriften für erdbebensicheres Bauen. In gefährdeten Gebieten wie in Murcia sind sie strenger als in anderen Regionen. Die Vorgaben wurden 2002 das letzte Mal aktualisiert. Die Behörden wollen nun prüfen, ob auch bei den beschädigten Gebäuden die Bauvorschriften eingehalten wurden.

Es war das folgenschwerste Erdbeben in Spanien seit 1956. Damals kamen im Raum Granada zwölf Menschen ums Leben, rund 70 wurden verletzt.

dapd/kpn

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