Dubois profitierte vom Gutachten eines Genfer Psychiaters

Ausschlaggebend für den Entscheid, Claude Dubois vom Gefängnis zurück in den Hausarrest zu entlassen, war ein kürzlich erstelltes psychiatrisches Gutachten. Es war bereits das dritte – und bei weitem das mildeste.

Hier sass Dubois ein: Hochsicherheitstrakt des Gefängnisses Bochuz. (Archivbild)

Hier sass Dubois ein: Hochsicherheitstrakt des Gefängnisses Bochuz. (Archivbild) Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Am 18. Februar 2013 attestiert der Genfer Psychiater Gérard Niveau Claude Dubois in einem Gutachten eine dissoziale Persönlichkeitsstörung mit psychopathischen Zügen. Trotzdem hält Niveau die Gefahr eines Rückfalls für gering. Was ihn zu dieser Einschätzung bringt, ist nicht bekannt. Gestützt darauf heisst der Strafvollzugsrichter am 26. März einen Rekurs des 36-jährigen Claude Dubois gut. Mit diesem hat der Mörder erreicht, dass er aus dem Hausarrest nicht wieder ins Gefängnis zurückversetzt wird. Die Rückversetzung war im November 2012 angeordnet worden, nachdem er Morddrohungen gegen zwei Kollegen ausgestossen sowie in einem Blog pornografische Aussagen gepostet hatte – und damit gegen die Bewährungsauflagen des Hausarrests verstossen hat.

Die Folgen des richterlichen Entscheids vom März 2013 sind bekannt: Am letzten Mittwoch findet die Polizei die 19-jährige Marie in einem Waldstück bei Châtonnaye FR – tot. Und man fragt sich: Wie konnte sich der Psychiater nur so täuschen? Das von Niveau erstellte Gutachten über Claude Dubois ist umso erstaunlicher, als zwei frühere Gutachten aus den Jahren 1998 und 2008 ein viel düstereres Bild vom Mörder zeichneten.

«Wie schlafen Sie?» – «Liegend»

1998 vergewaltigt Dubois seine Ex-Freundin und bringt sie mit fünf Schüssen um. Danach setzt er sich ins Auto und fährt durch die Gegend, wie es im 2000 gefällten Urteil heisst, das dem TA in Auszügen vorliegt. Auf einem Rastplatz isst er etwas und legt sich eine Stunde schlafen. Seine Kaltblütigkeit kommt einige Zeit später noch einmal auf zynische Weise zum Ausdruck. Der ihn untersuchende Lausanner Psychiater Jacques Gasser fragt ihn: «Wie schlafen Sie?» Dubois antwortet laut der Zeitung «Le Temps»: «Im Liegen.»

Das von Gasser Ende 1998 erstellte Gutachten attestiert Dubois denn auch eine «eisige Gemütskälte» sowie «fehlende Empathie» gegenüber dem Opfer und dessen Familie. Der Täter empfinde keinerlei Reue, hinterfrage seine Tat nicht, sei «herrisch» und «pervers-narzisstisch» veranlagt. Es sei zwar wenig wahrscheinlich, dass Dubois erneut in eine Situation komme, in der er sich mit seiner Ex-Freundin befunden habe. Doch aufgrund seiner «schweren Persönlichkeitsstörung» könne ein Rückfall nicht ausgeschlossen werden.

Das Strafgericht des Bezirks Pays-d’Enhaut schreibt im Urteil des Jahres 2000, eine lebenslängliche Freiheitsstrafe erscheine als angemessene Strafe. Aber das jugendliche Alter des Täters und ein schwacher Hoffnungsschimmer stimmten es milder: 20 Jahre. Den Richtern ist nicht entgangen, dass eine Rückfallgefahr wegen der schweren Persönlichkeitsstörung nicht ausgeschlossen werden kann. Eine therapeutische Massnahme während des Strafvollzugs wird aber trotzdem nicht angeordnet. Ob sich der Gutachter zu deren Notwendigkeit geäussert hatte, ist nicht bekannt.

Grosser Manipulator

Im Jahr 2008 erhält der Lausanner Psychiater Philippe Delacrausaz den Auftrag für ein zweites Gutachten über Dubois. Der Mörder hatte hinter Gittern eine junge Zahnarzthelferin aus Estavayer-le-Lac geheiratet und um ein Intimzimmer gebeten. Auch die getötete Ex-Freundin war Zahnarzthelferin gewesen. Delacrausaz äussert sich noch kritischer, als es sein Kollege zehn Jahre zuvor getan hatte. Der Häftling habe eine «verzerrte Wahrnehmung» und verfüge über eine «grosse Manipulationsfähigkeit». Er passe sich seinem Gegenüber und dessen Ansichten zwar an und suche stets die Zustimmung. Doch sobald Meinungsverschiedenheiten aufträten, erstarre er, greife zu Verunglimpfungen und reagiere wütend und zornig.

Delacrausaz kommt in seinem Gutachten zum pessimistischen Schluss: Es seien alle ernsthaften Anzeichen vorhanden, die im Zusammenhang mit der Rückfallgefahr für eine Verschlechterung der Prognose sprächen. Es sei wahrscheinlich, dass es eine beachtliche Zeit dauere, bis Dubois sich ändere.

Trotz dieses Gutachtens, das die Waadtländer Behörden in der an die Medien abgegebenen Chronologie der Ereignisse unerwähnt lassen, werden in der Folge die Wiedereingliederungsmassnahmen fortgesetzt. Unklar ist, ob die Behörden auf das alarmierende Gutachten aus dem Jahre 2008 hin mehr unternommen haben als Dubois nur die Benützung des Intimzimmers zu verbieten. Warum hatten sie sich überhaupt veranlasst gesehen, ein solches in Auftrag zu geben? Fürchtete man sich um die Sicherheit der Ehefrau im nicht überwachten Intimzimmer?

Obwohl das Strafgericht im Jahr 2000 keine Massnahme angeordnet hatte, hätten die Behörden prüfen dürfen, ob zu diesem Zeitpunkt die Voraussetzungen für eine nachträgliche stationäre Massnahme gegeben waren. Diese Möglichkeit sieht das Gesetz zwar erst seit dem Jahr 2007 vor. Doch dessen Bestimmungen gelten auch für Fälle, die sich vor 2007 ereignet haben. Eine stationäre Massnahme hätte die Behörden vor allem auch vom Druck des nahenden Endes der 20-jährigen Haftstrafe und der zwingenden Entlassung von Dubois befreit.

Erstellt: 18.05.2013, 09:17 Uhr

Bildstrecke

Der Fall Marie – Entführung einer 19-Jährigen

Der Fall Marie – Entführung einer 19-Jährigen Die Polizei fand Maries Leiche in einem Wald im Kanton Freiburg.

Artikel zum Thema

Brisantes Google-Profil des Mörders Dubois

Hintergrund Unter einem Pseudonym unterhielt der Wiederholungstäter Claude Dubois ein Konto auf Google+. Die Einträge verdeutlichen seine Besessenheit von Marie – und von einem Teddybären. Mehr...

Die Alarmzeichen standen auf Rot

Psychiatrische Gutachten attestierten Claude Dubois schwere Persönlichkeitsstörungen. Er liess sich nie therapieren – und erhielt dennoch erleichterte Haftbedingungen. Die neusten Erkenntnisse im Mordfall Marie. Mehr...

«Sexualverbrecher unter Hausarrest gibt es selten»

Interview Haben die Strafvollzugsbehörden im Fall von Claude Dubois versagt? Strafrechtsprofessor Daniel Jositsch äussert sich zu den Risiken bei der Beurteilung von Straftätern. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Weiterbildung

Lohncheck in Pflegeberufen

Qualifiziertes Pflegepersonal ist rar. Eine Pflegeinitiative setzt sich darum für höhere Löhne ein.

Blogs

Sweet Home Helle Freude!

Mamablog Vom Dammriss meiner Schwiegermutter

Die Welt in Bildern

Grosszügig: Ein Mann in Istanbul füttert Möwen mit Fisch. (22. November 2019)
(Bild: Sedat Suna) Mehr...