Ein Dorf schweigt

Neben dem Stöckli des Täter-Ehepaars in Utzigen fand die Polizei eine der Leichen im Mordfall Boppelsen. Besuch im kleinen Berner Bauerndorf.

Auf diesem Bauernhof in Utzigen wurde die Leiche eines 25-Jährigen entdeckt. Foto: Adrian Moser

Auf diesem Bauernhof in Utzigen wurde die Leiche eines 25-Jährigen entdeckt. Foto: Adrian Moser

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

«Ich sage nichts!» Dieser Satz ist in Utzigen BE oft zu hören. Im August 2016 fuhr die Polizei mit einem Bagger auf einen Hof in Utzigen. Was die Polizisten dort fanden, schockierte das Bauerndorf: die Leiche eines 25-Jährigen.

Die mutmasslichen Täter: ein junges Ehepaar aus Utzigen und ein Garagist aus dem Kanton Solothurn. Sie vergruben die Leiche bereits im April direkt neben ihrem Stöckli.

Verhaftet wurden das Ehepaar, heute beide 29 Jahre alt, und der 36-jährige Garagist bereits im Juni 2016. Und zwar wegen eines anderen Tötungsdelikts: Ein 36-Jähriger wurde in der Nähe von Boppelsen ZH tot im Wald gefunden.

Zwei brutale Morde

Doch was passiert mit einem kleinen Berner Bauerndorf nach einem brutalen Doppelmord? Das Dorf schweigt. Kurz nachdem die Polizei im Sommer 2016 mit einem Bagger auf den Hof fuhr, überrannten Journalisten die Nachbarn.

Fotografen standen ungeladen in fremden Küchen, Journalisten entlockten Informationen von den Anwohnern. Ja, das Täterehepaar habe sich abgeschottet, sagten die Nachbarn knapp. Nein, man kannte das Täterehepaar im Dorf nicht gut, war in der Dorfbeiz zu hören.

Die beiden Morde liegen zeitlich nur ein paar Wochen auseinander. Und sie haben vieles gemeinsam: In beiden Tötungsdelikten ging es um Geld und um Fahrzeuge. Beide Opfer starben in Utzigen. Auf brutale Weise. Sie wurden geschlagen und gefesselt. Mit Klebeband wurde ihnen Nase und Mund zusammengeklebt, bis sie erstickten. Die Staatsanwaltschaft Bülach schreibt in der 48-seitigen Anklageschrift, dass die drei Täter «besonders grausam» handelten.

Neben diesem Stöckli in Utzigen im Kanton Bern wurde eine der beiden Leichen vergraben. Foto: Stefan Hohler

In der Utziger Stammbeiz sind die Gespräche längst verhallt. Der Gasthof Zum durstigen Bruder ist mittlerweile geschlossen. Die Bewohner in der Umgebung des Tatorts sind immer noch verärgert. Es wirkt, als hätten die Dorfbewohner ein Schweigegelübde abgelegt.

Mehr als ein paar wenige Wörter stolpern niemandem über die Lippen. «Für mich ist das abgeschlossen», ruft eine Frau aus ihrem Garten, wo sie gerade Mangold erntet. «Geh weg von hier!», ruft ein Bauer aus dem Stall. Ein älterer Mann sagt: «Es belastet mich, ich will nichts sagen.»

Die Motive für die beiden Morde: ein Mercedes, ein nicht fahrfähiger BMW, ein roter Lastwagen, wenige Zehntausend Franken. Und Rache. Die Beschuldigten handelten «aus reinem Egoismus», heisst es in der Anklageschrift.

Im ersten Mordfall im April 2016 wollten die drei mutmasslichen Täter Geld und Marihuana beim Opfer eintreiben. Dafür lockten sie den 25-jährigen Berner in einen Hinterhalt: Der Mann wollte im Stöckli des Ehepaars Utensilien für den Betrieb einer Hanf-Indooranlage abholen.

«Die Leute wollen nicht mehr über den Fall reden. Sie wollen vergessen.»Walter Schilt, Gemeindepräsident (SVP)

Alles kam anders: Der Ehemann zielte mit einer Pistole auf ihn. Das Opfer wurde über mehrere Stunden im Kinderzimmer des Stöcklis festgehalten. Am nächsten Morgen wurde er getötet.

Einer der wenigen Dorfbewohner, der über den Fall redet, ist Walter Schilt (SVP). Er ist Gemeindepräsident von Vechigen und überzeugt, dass der Doppelmord das Bauerndorf erschüttert hat: «Jeden Tag liest man von Mord. Passiert es im eigenen Dorf, ist der Schock gross», sagt er. Die Betroffenheit sei auch bei ihm persönlich gross gewesen.

Anfang Juni 2016 zogen die drei Täter erneut los. Sie trafen einen Bülacher Lastwagenfahrer zu einer Probefahrt eines LKW, den sie ihm angeblich abkaufen wollten.

Utzigen bleibt Utzigen

Dabei überwältigten und fesselten sie den Chauffeur und fuhren zu dem Stöckli in Utzigen. Dort zwang der Hauptbeschuldigte das Opfer, einen Kaufvertrag des LKW zu unterschreiben. Nach der Unterzeichnung tötete der Ehemann das Opfer. So die Version der Staatsanwaltschaft.

Der Gemeindepräsident hörte im Sommer 2016 überall im Dorf die gleichen Fragen: Wie konnte es bloss so weit kommen? Hätte man eingreifen können? Doch die Gespräche in Utzigen seien bereits nach einigen Wochen verstummt. Das Bauerndorf habe sich durch den Doppelmord nicht verändert, sagt Walter Schilt. «Die Leute wollen nicht mehr über den Fall reden. Sie wollen vergessen.»

Vergessen ist aber nicht einfach. Ab Montag stehen die drei mutmasslichen Täter in Bülach vor Gericht.

Erstellt: 09.09.2019, 09:58 Uhr

Artikel zum Thema

Ehefrau glaubt nicht an Mafia-Theorie ihres Mannes

Im Mordfall Boppelsen haben die Ehefrau des Hauptangeklagten und sein Komplize vor Gericht ausgesagt. Dabei kamen weitere Details ans Licht. Wir berichteten live vom zweiten Prozesstag. Mehr...

Mord in Boppelsen: Ein Fall von besonderer Grausamkeit

Drei Personen sollen zwei Männer «langsam und qualvoll erstickt» haben – nun müssen sie sich vor Gericht dafür verantworten. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Werbung

Weiterbildung

Ausbildung & Weiterbildung Finden Sie die passende Weiterbildung Technischer Kaufmann, Deutsch lernen, Coaching Ausbildung, Präsentationstechnik, Persönlichkeitsentwicklung

Die Welt in Bildern

Hier tanzt man zwangsläufig auf mehreren Hochzeiten: Unzählige Brautpaare versammeln sich vor dem Stadthaus von Jiaxing, China. Sie geben sich bei einer Massenheirat das Ja-Wort. (22. September 2019)
Mehr...