Schwerreiche Inder feiern Mega-Party in St. Moritz

Eine millionenteure indische Pre-Wedding-Party ist für den Skiort unbezahlbare Werbung. Doch nicht alle sind in Feierlaune.

Als ob ein Raumschiff am St. Moritzersee gelandet wäre: Die Dimensionen der 2000 Quadratmeter grossen Eventhalle sind selbst für den Nobelkurort neu. Foto: Valeriano Di Domenico

Als ob ein Raumschiff am St. Moritzersee gelandet wäre: Die Dimensionen der 2000 Quadratmeter grossen Eventhalle sind selbst für den Nobelkurort neu. Foto: Valeriano Di Domenico

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Das Ding steht direkt vor Daniela. 60 Meter lang, 30 Meter breit und 18 Meter hoch. Die Eventhalle, Herzstück einer extravaganten indischen Party, nimmt dem Apartmenthaus «Chesa Daniela A» in St. Moritz-Bad die Sicht auf See und Skyline von St. Moritz. Urs Jordi ist der Verwalter der Chesa mit 50 Einheiten und besitzt selbst eine der Ferienwohnungen. Er sagt: «Dieses Ding konnten wir nicht einfach so hinnehmen.»

Was Jordi damit genau meint, hatten die Organisatoren letzte Woche vom Bezirksgericht Maloja erfahren müssen. Vertreten durch einen lokalen Anwalt, wurde die Beschwerde der Anwohner gutgeheissen und ein superprovisorischer Baustopp für das Zelt ausgesprochen. Die Feier von Akash Ambani und Shloka Mehta, beide aus schwerreichen indischen Familien, schien in diesem Moment in Gefahr zu sein.

Für den Standort St. Moritz wäre das der Super-GAU gewesen. Denn das Fest hat für den Bündner Nobelort eine unbezahlbare Aussenwirkung. Seit Wochen berichten die indischen Medien aufgeregt über die geplanten Festlichkeiten in der fernen Schweiz. Tourismusdirektor Gerhard Walter spricht von einer ungeheuren Werbewirkung in Indien.

Das wissen alle, auch Verwalter Jordi, der sagt: «Wir waren nie grundsätzlich gegen dieses Fest und hatten nie die Absicht, dieses zu verhindern. Aber wir wollen eben auch ernst genommen werden.» So hatten sich bereits am Tag darauf die Kläger und die Organisatoren auf einen aussergerichtlichen Vergleich geeinigt. Dass dabei Geld geflossen ist, ist anzunehmen. Bestätigen will das aber niemand, die Parteien haben eine Stillhalteklausel unterzeichnet. Andrea-Franco Stöhr, der Anwalt der Kläger, sagt nur, dass man sich im Rahmen dieses Vergleiches gütlich geeinigt habe.

Event für 850 Gäste

Eine indische Party also. Der Sohn des reichsten Inders, Akash Ambani, und die Tochter des grössten indischen Diamantenunternehmers, Shloka Mehta, laden zu ihrer zweitägigen Pre-Wedding-Party ins Engadin ein. 850 Gäste werden erwartet. Das Brautpaar kennt sich seit Schulzeiten, in den Schweizer Bergen waren sie oft gemeinsam in den Ferien, vor einem Jahr machte er ihr in Goa einen Antrag. Richtig geheiratet wird Anfang März in Mumbai. In St. Moritz wollen sie ihren Gästen dieses Wochenende ein «Winter-Wonderland» bieten. Weil ihnen das in glitzerndes Weiss gehüllte Engadin offenbar nicht zauberhaft genug ist, haben sie ihr eigenes Märchenland herstellen lassen – von einer britischen Eventagentur, die auch für das englische Königshaus tätig ist. Kosten können nur geschätzt werden, sie dürften im zweistelligen Millionenbereich liegen.

Die gigantische Dimension der Eventhalle am Ufer des St. Moritzersees ist auch für den weltweit bekannten Nobelkurort neu. Vom gefrorenen See und von den Terrassen des Fünfsternhotels Badrutt’s Palace aus betrachtet, wirkt sie mit ihrem halbrunden, durchsichtigen Eingangsbereich wie ein Raumschiff aus einer fernen Galaxie, das ausgerechnet in den Alpen notlanden musste.

Die Gäste sollen nicht frieren

Die fast 2000 Quadratmeter grosse Halle wurde von den Designern zweigeteilt. Vorne ist eine Weihnachts-Chilbi mit spiralförmiger Rutschbahn und Karussell, dahinter befinden sich, durch einen weissen Vorhang getrennt, die Konzertbühne und die Eisbahn. Auf dieser wird am Sonntag eine Peter-Pan-Eisshow gezeigt. Damit die Gäste, die gemäss indischen Medien mit zwei gecharterten Flugzeugen eingeflogen werden, in diesem Wintermärchen niemals frieren, blasen Dutzende Heizkanonen warme Luft in die Halle, wo die Wärme durch gigantische Deckenventilatoren verteilt wird.

Nur das Beste für die Gäste: In den letzten Tagen glich der Platz noch einer Grossbaustelle, an diesem Wochenende werden 850 Gäste zur Pre-Wedding-Party erwartet. Foto: Valeriano Di Domenico

Betreten dürfen diese Halle nur geladene Gäste. Einheimische, andere Wintergäste und selbst die Medien müssen draussen bleiben. Das gilt auch für die anderen Eventlocations: die Zelte auf dem See, die Tennishalle und der Garten des Badrutt’s Palace. Eigentlich wollten die Veranstalter und die Gemeindeverwaltung von St. Moritz auch jede Öffentlichkeit und jede Berichterstattung vermeiden. Doch der Plan, eine Feier mit 850 Gästen und 500 eigens anreisenden Bediensteten ohne Ankündigung, ohne Information und vor allem ohne Aufsehen veranstalten zu lassen, ging nicht auf. Als Anfang Februar die ersten Lastwagen kamen und auf der Zirkuswiese beim See die Stahlträger der Eventhalle in die Höhe wuchsen, berichtete die «Engadiner Post» und kritisierte die Kommunikationspolitik der Gemeinde.

Genf ging leer aus

Das hatte einerseits Protestmails und kritische Kommentare in sozialen Medien zur Folge, andererseits aber auch bittere Beschwerden vom früheren Kurdirektor und vom ehemaligen Gemeindepräsidenten, die der Lokalzeitung sinngemäss Verrat vorwarfen. Beide werten das Fest als Erfolg für die lokale Tourismusarbeit, die sich beim Buhlen um die potente Partygemeinschaft gegen starke Konkurrenz aus London und Genf durchgesetzt hat.

Das indische Brautpaar mit den Eltern Ambani. Foto: LightRocket, Getty Images

Die Debatte veranlasste Gemeinde, Tourismusverband und Badrutt’s Pa­lace in letzter Sekunde doch noch zu einer offensiveren Informationspolitik. So engagierten die Veranstalter der Party einen eigenen Mediensprecher in St. Moritz, Christian Gartmann. Der weiss, wie man in der Krise kommuniziert. Er war es auch, der vor die Kameras gerufen wurde, als vorletzten Sommer ein Bergsturz bei Bondo niederging. Nun lud der mit den lokalen Gepflogenheiten vertraute PR-Profi wenige Tage vor Beginn des Festes zu einem Pressebriefing ins Badrutt’s ein. Das Motto: «St. Moritz begrüsst Indien». Das sei eine Änderung der bisherigen Politik, «zu nüüt gar nüüt zu sagen», sagt Gemeindepräsident Christian Jott Jenny.

Von der Terrasse des 5-Stern-Hauses hat man einen wunderbaren Blick über den gefrorenen See bis zur indischen Eventhalle am anderen Ufer. Auf dem Eis fand am Wochenende zuvor das legendäre Pferderennen «White Turf» statt, mit über 10'000 Besuchern. Mit Glamour kennt sich St. Moritz aus. Hier feierten der Schah von Persien, Alfred Hitchcock und Gunther Sachs. «Jetzt sind es halt die Inder», sagt Tourismuschef Gerhard Walter.

«St. Moritz ist der höchstgelegene Spielplatz Europas. Und alle sollen mitspielen können.»Christian Jott Jenny, Gemeindepräsident St. Moritz

Wenig Verständnis zeigt Jenny für Wohnungseigentümer, die zwei Wochen pro Jahr in St. Moritz sind und dann ihren Protestbrief «aus Südamerika schicken». Jenny, der Künstler aus dem Unterland, der seit Anfang Jahr das St. Moritzer Politestablishment aufmischt, deutet an, dass das Genehmigungsverfahren für die Eventhalle nicht nach seinem Geschmack gelaufen sei und die Gemeinde überdies ständig mit Änderungswünschen konfrontiert wurde. Letztendlich sei aber alles «sehr sauber» abgewickelt worden. In Sachen Kommunikation sei allerdings nicht alles optimal gelaufen, gibt er zu. Nun sei der Zug aber abgefahren und bewege sich «im Supertempo».

Party des Jahres

Es ist noch nicht lange her, dass sich der indische Jetset bei einer Hochzeit getroffen hat: Erst im Dezember vermählte sich die Zwillingsschwester des Bräutigams, Isha Ambani, mit dem Sohn eines schwerreichen Immobilienmoguls, Anand Piramal. Die Verlobung wurde in Como zelebriert, die Hochzeit in der Heimat. Und wie immer, wenn der Ambani-Clan feiert, war alles eine Nummer grösser. 100 Millionen Dollar sollte sich Vater Ambani das mehrtägige Spektakel haben kosten lassen, Superstar Beyoncé gab ein Privatkonzert in einem ehemaligen Maharadschapalast, die früheren US-Aussenminister Hillary Clinton und John F. Kerry wurden auf der Tanzfläche gesichtet.

Vor dem Fest in der westindischen Stadt Udaipur verköstigten die Brautleute 5100 bedürftige Menschen, wie dies früher bei royalen Vermählungen üblich war. Für die indische Hautevolee war es die Party des Jahres; so opulent, dass sie als Vorbild für Mottopartys dient. Kein Wunder, dass die Erwartungen an den nächsten Festakt mit dem Ambani-Clan jetzt besonders hoch liegen. Nur schon die Einladung: Statt einer Karte wurde eine schuhschachtelgrosse Box verschickt, aus der sanfte Musik erklang, sobald man sie öffnete – zu sehen in Videos, die indische Medien begeistert teilten.

Geschäftspraktiken nicht unumstritten

Eine Hochzeit bedeutet in Indien nicht die Verbindung zweier Einzelpersonen, sondern ganzer Familien. Da reicht Liebe allein in den seltensten Fällen. Bei Akash Ambani (27) und seiner Zukünftigen Shloka Mehta (28), beide an angelsächsischen Elite-Universitäten ausgebildet, stimmt auch der väterliche Kontostand. Ihre Familien sind vertraut miteinander, man kennt sich. Shloka Mehta ist die jüngste Tochter des wichtigsten indischen Diamantenunternehmers. Im Gegensatz zu ihr muss man ihren Verlobten in Indien niemandem mehr vorstellen. Akash ist der älteste Sohn von Mukesh Ambani, dem reichsten Mann des Landes (geschätztes Vermögen: 49 Milliarden Dollar), der mit einer Petrochemiefirma reich wurde. Der Sohn stieg über das Mobiltelefoniegeschäft ins väterliche Business ein.

Die Ambanis wohnen in einem 27-stöckigen Wolkenkratzer (Kosten: bis zu 1 Milliarde) in Mumbai, es gibt Fotos von Familienmitgliedern mit Prinz Charles, Barack Obama und dem indischen Premier Modi. Was das Brautpaar ebenfalls gemeinsam hat: dass die Geschäftspraktiken ihrer Familien nicht unumstritten sind. Der Name von Shloka Mehtas Vater, Russell Mehta, taucht gemäss indischen Medien in Enthüllungsdokumenten wie den Panama Papers auf. Gegen Mukesh Ambani wurden Vorwürfe laut, dass er Profite in so komplizierten Firmenkonstruktionen verstecke, die nicht einmal die indischen Aufsichtsbehörden verstehen.

Kricket auf dem See

Christian Jott Jenny kennt die Vorwürfe gegen die indischen Gäste. Kommentieren will er sie nicht. «Wir sind keine Moralinstanz», sagt der Gemeindepräsident von St. Moritz. Die indischen Medien interessieren sich derzeit sowieso für ganz andere Aspekte. Zum Beispiel: welcher Bollywoodstar an der Ambani-Party gesichtet wird. Klingende Namen werden herumgereicht, Regisseur Karan Johar soll eingeladen sein, Schauspieler Ranbir Kapoor ebenfalls, vielleicht die frühere Miss World, Priyanka Chopra. Angeblich soll die britische Rockband Coldplay auftreten.

Tourismuschef Walter spricht von «Bollywood und Hollywood», die sich in St. Moritz ein Stelldichein geben werden. Doch die Gästeliste bleibt geheim. Diskretion! Nur so viel: Eigene Köche für indisches Essen wurden eingeflogen, auf dem See ist ein Kricketspiel geplant. Bedeckt halten sich die Gemeindevertreter auch bei den Zahlen. Es gibt keine. Nicht über die Kosten des Festes und nicht zur erwarteten Wertschöpfung für die Betriebe in St. Moritz. Was sicher ist: Im Hotel Kulm sind über die Hälfte der Zimmer durch die Partygäste belegt, in Badrutt’s Palace sind es alle Zimmer. Die Hoteliervereinigung betont, dass die Wertschöpfung «riesig» sein werde. Für diese ausgabefreudigen Gäste ist darum kein Aufwand zu gross.

In den vergangenen fünf Jahren haben sich die Logiernächte indischer Touristen im Oberengadin mehr als verdoppelt. Das dürfte nicht zuletzt daran liegen, dass St. Moritz schon im Sommer 2017 Schauplatz einer indischen Vermählung war – damals stand das halbe Dorf Spalier, als die Kutsche bis vor das Badrutt’s Palace fuhr. Hochzeitsfeste in Europa liegen bei der indischen Oberklasse im Trend, und die aus Bollywoodfilmen bekannte Schweizer Bergkulisse übt eine besondere Anziehung aus.

Ärger über Lastwagen

Zu Beginn der St. Moritzer Party des Jahres ist im Haus Daniela noch immer keine Ruhe eingekehrt. Urs Jordi schlägt sich mit erbosten Mietern und frus­trierten Eigentümern herum. Auf die Inder hegt er keinen Groll: «Sie ­waren sehr korrekt in den Verhandlungen.» Jordi ist mittlerweile wieder im Unterland. Dass der Platz rund um sein Haus in St. Moritz-Bad einer Grossbaustelle gleicht, bekommt er nur aus der Distanz mit.

Ein Dutzend Sattelschlepper haben in den vergangenen Tagen unablässig Material aus Grossbritannien und Irland herangekarrt. Die riesigen Trucks blockierten die engen Strassen und sorgten für Staus. Die meisten Bewohner und Feriengäste von St. Moritz-Bad geben sich dennoch pragmatisch. Wer das Geld habe, könne halt bestimmen, sagt ein älteres Ehepaar. Und eine Frau aus Zürich findet die Halle an sich nicht so schlimm, nur die vielen Lastwagen stören sie: «Es hat ja hier schon eine Luft wie in der Grossstadt.»

Klar verstehe er, dass es nicht angenehm sei, in den Winterferien vom Balkon auf die Eventhalle zu schauen, sagt Gemeindepräsident Jenny. Aber das Fest sei nun einmal «von übergeordnetem Interesse».

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Jenny weiss, dass sein St. Moritz solche Events braucht, weil sich sein Dorf im Kampf um die reichen Gäste aus aller Welt nicht nur auf die gloriose ­Vergangenheit abstützen darf. St. Moritz sei «der höchstgelegene Spielplatz Europas», sagt der Gemeindepräsident. Sein Anspruch ist, «dass hier alle mitspielen dürfen».

Darum hat Jenny beim Bräutigam in letzter Minute erwirken können, dass die Chilbi fürs Volk geöffnet wird. Montagabend dürfen rund 250 Leute aus St. Moritz ins indische Winter-Wunderland. Und etwas mitspielen.

Erstellt: 22.02.2019, 18:58 Uhr

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