Ein Leuchtturm zieht um

Rubjerg Knude Fyr ist ein Wahrzeichen der Nordseeküste. Gestern wurde die Touristenattraktion verschoben.

Der 700 Tonnen schwere Turm wurde auf Schienen gesetzt. Foto: Keystone

Der 700 Tonnen schwere Turm wurde auf Schienen gesetzt. Foto: Keystone

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Nein, sagte der Maurermeister Kjeld Pedersen aus dem nahen Lønstrup den Reportern, schlecht geschlafen habe er nicht. «Alle haben ihr Bestes gegeben, ich auch. Wenn er umkippt, dann kippt er halt um. Dann haben wir es wenigstens versucht.»

Anderthalb Jahre hatte er nun geforscht, geklopft und am Ende die entscheidenden Löcher ins Mauerwerk des Fundaments gebohrt: die Löcher, durch die die Streben und Schienen verlegt wurden. «Ich habe viele Häuser gebaut», sagte Pedersen dem dänischen Radio. «Aber wenn das hier klappt, dann werde ich stolz sein wie der Papst.» Da war es 8.47 Uhr.

Nur noch wenige Minuten. Um 9 Uhr sollte es so weit sein. Dann würden sie Rubjerg Knude Fyr in die Höhe heben, den Leuchtturm von der Rubjerg-Erhebung. 120 Jahre alt ist er, ein Koloss von 23 Meter Höhe, vor allem aber 700 Tonnen schwer. Wobei: Gerechnet hatten sie mit 900 Tonnen, er war also ein wenig leichter als vermutet.

 «Er steht mitten in einem Sandkasten, der sich zehn Meter im Jahr bewegt.»Thomas Lomholt, Projektleiter

Dann, um 9.09 Uhr, die ersten Rufe. Maurer Kjeld Pedersen verteilte High fives. Sie hatten ihn angehoben, mit hydraulischen Hebezylindern. Nun bekam er acht spezielle Rollschuhe verpasst und wurde auf die Schienen gesetzt. Um 9.47 Uhr weiterer Jubel: Der erste Meter war geschafft.

Der Leuchtturm von Rubjerg Knude machte sich auf den Weg. Er rollte landeinwärts, den ersten von insgesamt 80 Metern. Weg von der Küste, die er hinabzustürzen drohte. Ausgemacht war das nicht, dass der Umzug ein Erfolg wird, die Umstände waren eher widrig: Der Turm war alt, sein Schwerpunkt lag fast 12 Meter über dem Boden. «Und dann stand er praktisch mitten in einem Sandkasten, ein Sandkasten, der sich auch noch zehn Meter im Jahr bewegt», sagte Projektleiter Thomas Lomholt der Zeitung «Politiken».

Die spektakuläre Rettungsaktion des Leuchtturms Rubjerg Knude Fyr (22. Oktober 2019). Video: shz.de

Gebaut wurde der Leuchtturm 1899, in Betrieb genommen dann von gleich drei Leuchtturmwärter-Familien ein Jahr später. Damals lag er 200 Meter weg von der Küste. Die raue Nordsee aber ist gefrässig: Ihre Wellen lecken an der Küste, nehmen ihr im Moment zwei bis zweieinhalb Meter im Jahr, sodass der Turm bis Dienstag um 9 Uhr nur mehr sechs, sieben Meter vom Abgrund entfernt stand. Und 50, 60 Meter weiter oben tat es all die Jahre der Sand den Wellen gleich und arbeitete sich vor zum Turm, frass nach und nach die Gärten und die Häuser der Leuchtturmwärter. 1968 gaben sie ihn deshalb auf.

Die heute 70-jährige Tochter des letzten Leuchtturmwärters war gekommen, um dem Umzug beizuwohnen, gemeinsam mit Tausenden Schaulustigen. Das dänische Fernsehen übertrug den ganzen Tag per Livestream.

Rubjerg Knude Fyr, der jährlich von rund 250'000 Touristen besucht wird, steht auf der höchsten Erhebung der als Lønstrup Klint bekannten Steilküste. Nach «Politiken» ist er «Wächter über eine dramatische Landschaft». Auch deshalb gibt die Regierung 5 Millionen dänische Kronen aus, umgerechnet 740'000 Franken, um ihn zu retten.

Leuchtturm als Tattoo

Pedersens Tochter Ditte Zakarias berichtete dem Sender DR, sie habe in der Nacht Albträume gehabt, in denen sie den Turm rückwärts ins Wasser stürzen sah. Sie liebe ihn seit ihrer Kindheit, sagte sie – und zeigte ihren Arm: Rubjerg Knude Fyr ist dort als Tattoo verewigt. «Den Leuchtturm nicht mehr sehen zu können, das wäre unerträglich.»

Nach knapp sechs Stunden, schneller als erwartet, erreichte der Leuchtturm seinen neuen Standort. Und dort darf er sich jetzt ausruhen, 30 oder 40 Jahre lang. Dann hat ihn die Nordsee wieder eingeholt.

Erstellt: 22.10.2019, 21:41 Uhr

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