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Eine Zeugin, die am liebsten verschwinden würde

Mimi Haleyi steht im Zentrum des Prozesses gegen Harvey Weinstein. Im Kreuzverhör muss sie sich für eine E-Mail an Weinstein rechtfertigen, die mit einem liebevollen Gruss endet.

Mimi Haleyi sagte am Montag vor Gericht in New York gegen ihren früheren Chef Harvey Weinstein aus. Foto: Gabriela Bhaskar/Reuters
Mimi Haleyi sagte am Montag vor Gericht in New York gegen ihren früheren Chef Harvey Weinstein aus. Foto: Gabriela Bhaskar/Reuters

Miriam Haleyi, genannt «Mimi», ist eine zier­li­che Frau. 1,65 Meter gross und im Juli 2006 nicht mal 50 Kilo schwer. Bei ihrem Auftritt mehr als 13 Jahre später vor Gericht in Man­hattan trägt sie einen beigefarbenen Blazer, auf moderne Art weit geschnitten, der ihren Kör­per besonders schmal wirken lässt. Als sie über den 10. Juli 2006 er­zählt, jenen Tag, an dem sich Har­vey Wein­stein ihr zum ersten Mal aufge­zwun­­gen haben soll, scheint sie auf ihrem Platz ne­ben der wuch­­­tigen Richterbank fast zu verschwinden.

Mehr als 80 Frau­en werfen dem Ex-Filmmogul schweres sexuelles Fehlverhalten vor – die mittlerweile 42-jährige Haleyi ist eine von zwei Frauen, deren Vorwürfe nun im ersten grossen Prozess der #MeToo-Ära vor der Straf­kammer des New York State Su­pre­me Courts verhandelt werden. Haleyi, in Stock­holm aufgewachsen, in London mit dem Film­geschäft in Berührung gekommen, be­schreibt, wie ihr Weinstein den ersten Job in New York anbot, als Produk­tions­assistentin am Set der amerikanischen TV-Show Project Runway. Zu diesem Zeitpunkt hat sie nach eigener Aussage bereits die unangenehme Seite des jovialen Studiobosses erlebt: einen Mann, der nur widerwillig ein Nein von einer Frau akzeptiert. Beim Filmfest in Cannes im Frühjahr 2006 soll ein berufliches Treffen damit geendet haben, dass Weinstein Haleyi um eine Massage bat – diese lehnte ab.

Aber Haleyi ist verzweifelt: Sie ist mit einem Touristen-Visum in den USA, darf eigentlich gar nicht arbeiten. Also sagt sie zu. Als es dann in Weinsteins Loft im New Yor­ker Stadtteil Soho zum ersten mut­mass­lichen Übergriff kommt, kann die damals 29-Jährige den grossen und schweren Film­mogul nach eigener Schilderung nicht mehr abwehren. In einem verzwei­felten Ver­such, Weinstein ir­gend­wie Einhalt zu gebieten, habe sie ihm ge­sagt, dass sie ihre Pe­rio­de habe und einen Tam­pon trage, berichtet Haleyi unter Tränen im Zeugen­stand. Weinstein habe ihr nicht geglaubt und nur gesagt: «Wo soll das sein?»

«Er hatte mich überzeugt, mich wieder mit ihm zu treffen»

Trotz des mutmasslichen Übergriffs habe sie versucht, weiter ein professionelles Verhältnis zu Weinstein zu pflegen und sich schliesslich auf ein weiteres Treffen mit ihm eingelassen, dieses Mal in einem Hotel im New Yorker Stadtteil Tribeca. Bei dieser Gelegenheit soll Weinstein sie laut Anklage vergewaltigt haben. Aus Scham habe sie auch von diesem Übergriff niemandem etwas erzählt, sagt Haleyi. Ob sie sich selbst die Schuld gegeben habe, will Staatsanwältin Meghan Hast von der Zeugin wissen. «Für dieses Mal, ja», sagt Haleyi. «Er hatte mich überzeugt, mich wieder mit ihm zu treffen, nur um wieder das Gleiche zu tun.»

Die Produktionsassistentin berichtet wie schon in der Woche zuvor Sopranos-Schau­spielerin Annabella Sciorra vom Bestreben, das Geschehene zu verdrängen, weiterzuarbeiten und sich mit dem mutmasslichen Peiniger irgendwie zu arrangieren, den jahrzehntelang auch sein Status in Hollywood schützte. «Ich hatte das Gefühl, dass er mich nicht mehr mochte», sagt Haleyi an einer Stelle. Während Sciorra ihren Auftritt vor Gericht auch als Chance zu begreifen schien, ihrem mutmasslichen Vergewaltiger endlich auf Augenhöhe zu begegnen, scheint Haleyi während ihrer Aussage am liebsten verschwinden zu wollen.

Sie zieht sich immer weiter hinter die Richterbank und den vor ihr montierten Monitor zurück. Vom Platz des An­ge­klagten aus ist sie irgendwann kaum noch zu se­hen. Und, für sie wohl wichtiger: Auch Mimi Haleyi sieht Harvey Wein­stein nicht mehr.

Als sie sich im Herbst 2017 nach Bekanntwerden der ersten Vorwürfe gegen den einstigen «König Hollywoods» entschliesst, ihre Geschichte ebenfalls öffentlich zu machen, ändert Haleyi vorher noch die Schreibweise ihres Nachnamens: Aus Haleyi wird Haley. Potenzielle Arbeitgeber sollten beim Googeln ihres tatsächlichen Namens nicht sofort auf ihre Verbindungen zum Weinstein-Fall stossen. Vielleicht spürte Haleyi da bereits, wie vereinnahmend ihre neue öffentliche Rolle werden würde.

In einem Verfahren, in dem es kaum forensische Beweise gibt und Aussage gegen Aussage steht, kommt der Glaubwürdigkeit der mutmasslichen Opfer besondere Bedeutung zu – das wissen beide Seiten. Deshalb fragt Staatsanwältin Meghan Hast Mimi Haleyi im Gerichtssaal nach ihrem Gewicht und lässt zum wiederholten Male Fotos an einen Bildschirm werfen, die die körperlichen Unterschiede zwischen dem Angeklagten und seinen mutmasslichen Opfern deutlich machen. Weinstein wirkt auf den Bildern wie ein Bulle in Anzug und Krawatte. Und deshalb setzt Verteidiger Damon Cheronis Haleyi im Kreuzverhör hart zu.

«Das sind doch die Worte, die Sie selbst gewählt haben?»

Seine Fragen kommen in kurzer Abfolge, und sie haben alle ein Ziel: Sie sollen den Juroren die Erinnerungslücken und scheinbaren Widersprüchlichkeiten in Haleyis Geschichte aufzeigen. Bereits in seinem Eröffnungsplädoyer hatte er den Jury-Mitgliedern ans Herz gelegt, in diesem Prozess ihren gesunden Menschenverstand einzusetzen. Am Montag zitiert Cheronis dann aus einer E-Mail, die Haleyi Weinstein zwei Jahre nach der mutmasslichen Begebenheit in dem Hotel in Tribeca schrieb. Sie endet mit den Worten: «Lots of love, Miriam». «Das sind doch die Worte, die Sie selbst gewählt haben?», fragt der Verteidiger die Zeugin. Haleyi bejaht.

Am Freitag noch hatte eine Expertin für Opferverhalten erklärt, dass es für Betroffene von sexueller Gewalt durchaus normal ist, Kontakt zu ihrem Peiniger zu halten. Ihre Aussage sollte deutlich machen, dass der von Cheronis erwähnte gesunde Menschenverstand in Verfahren wie dem Weinstein-Prozess eben gerade kein guter Ratgeber ist. Der Verteidiger blendet diese Warnung am Montag bewusst aus.

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