Venedigs Damm «Mose» ist heute schon eine Ruine

Salzwasser in der Krypta des Markusdoms: Der Damm «Mose» sollte das schon seit drei Jahren verhindern. Warum nur funktioniert er nicht?

Rekordhochwasser in Venedig: Das Wasser stieg auf 187 cm über dem Meeresspiegel – der höchste Wert seit der verheerenden Überschwemmung im Jahr 1966. Video: Tamedia

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Nach der grossen Überschwemmung in Venedig werden die Schäden begutachtet und die Schuldigen gesucht. Das eine ist einfacher und womöglich auch sinnvoller als das andere. Exemplarisch für die Schäden steht, was das Wasser mit dem Markusdom gemacht hat: Der Boden mit den Mosaiken wurde überspült, in der Krypta stand das Wasser mehr als einen Meter hoch. Selbstverständlich muss der Mosaikboden wieder restauriert werden, Stück für Stück. Manches wird sich nicht mehr reparieren lassen.

Viel schlimmer aber sind die Schäden, die das Salzwasser den Mauern und Pfeilern zufügte. Mit den tragenden Teilen dieses Baus verhalte es sich wie bei Strahlenschäden, erklärt Mario Piana, der für alle Restaurationsarbeiten verantwortliche Architekt der Kirche, der italienischen Presse: Zuerst sehe ein Betroffener noch ganz gewöhnlich aus. Dann begännen Haare und Zähne auszufallen. Denn das Salzwasser dringt in die Ziegel wie in den Mörtel ein, aus denen Mauern und Pfeiler gefügt sind, es bleibt darin und zerstört langsam, aber sicher, die Festigkeit des Materials. Irgendwann sind diese Bauelemente nicht mehr in der Lage, die Lasten zu tragen, die auf ihnen ruhen.

Die Zerstörung Venedigs gehört zum Alltag dieser Stadt

Der Markusdom ist nur das prominenteste Gebäude Venedigs. Was ihm widerfährt, vollzieht sich in der ganzen Stadt, die in der Nacht von Montag auf Dienstag zu mehr als vier Fünfteln überschwemmt war. Dieselbe zerstörerische Kraft richtet sich gegen die Ca' Pesaro, gegen den Palazzo Gritti, gegen die ehemaligen Arbeiterwohnungen am Arsenale. Sie richtet sich gegen alles, was auf den alten Eichenpfählen im Schlick der Lagune steht.

Dieses Hochwasser war deswegen viel mehr als nur eine der vielen kleineren und mittleren Überschwemmungen, die Venedig in jedem Winter heimsuchen, und die, jede für sich, auch schon zerstörerisch genug sind. Es war keine Übertreibung, als der Dombaumeister am Morgen nach der Katastrophe erklärte, man sei von der Apokalypse nur einen Atemzug entfernt.

Bildstrecke: Hochwasser in Venedig

Wobei hinzuzufügen wäre, dass die Zerstörung Venedigs in einem solchen Mass zum Alltag dieser Stadt gehört, dass es eines ausserordentlichen Ereignisses bedarf, um sie überhaupt ins Bewusstsein zu rücken. Denn beschädigt werden die Ziegel, aus denen im Grunde die ganze Stadt besteht, auch durch die hohen Wellen, die der motorbetriebene Bootsverkehr schlägt (sowie durch die dazugehörigen Vibrationen), durch die Tausenden und Abertausenden Wasserbusse, Lastkähne, Taxiboote, die Stunde um Stunde, Tag für Tag die Stadt durchqueren, um von der grössten allen Plagen, den Kreuzfahrtschiffen, gar nicht erst anzufangen.

Die Frage nach den Schuldigen hat, diesseits aller Moral, einen rationalen Kern. Denn es gibt ja nicht nur einen Plan, sondern auch ein Bauwerk, mit dem Venedig vor extremem Hochwasser geschützt werden könnte: Zu mehr als neunzig Prozent soll der hydraulische Damm namens «Mose» (Modulo Sperimentale Elettromeccanico), der vor den drei Zugängen zur inneren Lagune errichtet wird, schon fertiggestellt sein. Allerdings: Er ist nicht vollendet, er ist nicht betriebsfähig, und diesem Umstand gilt nun der Zorn der Einwohner wie der italienischen Öffentlichkeit.

53 Jahre für den Bau eines Damms

Denn mit den Planungen für dieses Bauwerk wurde im Jahr 1966 begonnen, bald nachdem die bislang höchste Flut überhaupt die Stadt heimgesucht hatte. Entworfen wurde es in den Achtzigern, die ersten Arbeiten wurden im Jahr 2003 ausgeführt, und spätestens im Jahr 2016 hätte es in Betrieb gehen sollen. Daraus wurde nichts, vor allem, weil der Damm einer regionalen Elite aus Politikern und Geschäftsleuten zur persönlichen Bereicherung diente.

Jetzt sollen noch etwas mehr als zweihundert Millionen Euro zur Fertigstellung fehlen, woraufhin die Anlage dann im Dezember 2021 ihre Funktion erfüllen könnte. Doch auch wenn jetzt überall nach einem entsprechenden Beschluss gerufen wird: Es gibt ihn noch nicht. Stattdessen wurde mit überraschender Geschwindigkeit eine Kommissarin eingesetzt, die im Auftrag der italienischen Regierung die Fertigstellung des Baus überwachen soll.

Seit Jahrzehnten habe es in der Stadt keinen Politiker mehr gegeben, der tatsächlich einen tragfähigen Beschluss zur Erhaltung der Stadt getroffen hätte , sagt Marco de Michelis, der als Bauhistoriker an der Universität für Architektur in Venedig lehrte. In der Folge sei Venedig zum Gegenstand einer unendlichen Vielfalt privater ökonomischer Interessen geworden. Begonnen habe diese Entwicklung mit Massimo Cacciari, von 1993 bis 2000 und dann wieder von 2005 bis 2010 Bürgermeister der Stadt, der gegen den Bau des Damms gewesen sei, aber nichts zu dessen Verhinderung getan habe. Und jetzt?

Blick auf den unfertigen Damm «Mose», der Venedig vor Überschwemmungen schützen soll. (14. November 2019) Foto: Simone Padovani/Getty Images

Die hydraulische Anlage, meint Marco de Michelis, sei längst eine Technik von vorgestern, also veraltet. Und für die sieben Milliarden Euro, eine absurd hohe Summe, die der Bau koste, habe man in Deutschland die ICE-Strecke von Nürnberg nach Leipzig bauen können. Aber es bleibe keine andere Wahl, als den Damm so schnell wie möglich in Betrieb zu nehmen, koste es, was es wolle. In den zehn oder zwanzig Jahren, während derer die Anlage dann funktioniere, könne man sich etwas Neues und Besseres ausdenken.

Und Luigi Brugnaro, der amtierende Bürgermeister? Er empfiehlt den Bürgern der Stadt, die Schäden an ihrem jeweiligen Eigentum zu dokumentieren, um spätere Ansprüche auf Schadenersatz belegen zu können. Mit dieser Gesinnung regiert er die Stadt seit vier Jahren, ohne dass eine Opposition ihm widerspräche, aber stets auf den ökonomischen Vorteil bedacht und mit wenig Verständnis für die kulturhistorische oder auch nur ästhetische Einzigartigkeit Venedigs. Deswegen gehören die Hilflosigkeit gegenüber dem Hochwasser und die fortschreitende Entvölkerung der Stadt zusammen.

Das stetige Ausweiten der Schifffahrtskanäle hat katastophalere Folgen als der Anstieg des Meeresspiegels selbst. Der mobile Damm «Mose» wurde schon seit den Sechzigerjahren geplant. Bild: Corbis/Getty Images

Verlassen wird die Stadt, weil der Bäcker und der Fischhändler verschwinden, weil für die Einwohner kein Durchkommen durch die Reisegruppen mehr ist, weil es keine öffentlichen Plätze mehr gibt, wenn jeder Ort der Schaulust anheimgegeben wird, kurz: verlassen wird sie, indem eine touristische Infrastruktur an die Stelle des feinen Gewebes tritt, das der bürgerliche Alltag braucht, um sich zu erhalten. Derselbe Geschäftssinn bewirkte zuerst, dass der Plan zur Errichtung des Damms gefasst und gebilligt wurde, und danach schaffte er es, dass aus dem Bau die Ruine wurde, die er heute schon ist.

Bürgermeister ist bereit, Venedig aufzugeben

Wenn der Bürgermeister Venedigs nun davon spricht, es sei der Klimawandel, der für die Katastrophe verantwortlich sei, sucht er eine Instanz haftbar zu machen, die nicht zu belangen wäre. Ein langsam ansteigender Meeresspiegel allerdings dürfte nicht einen Bruchteil der Folgen für die Lagune zeitigen, die etwa durch das Ausgraben und Ausweiten der Schifffahrtskanäle entstanden sind: Wenn der Wind aus Südosten weht, wird immer mehr Wasser immer schneller in die Lagune gedrückt. In der Folge steigen nicht nur die Pegel. Vielmehr braucht die Flut immer länger, um abzufliessen, weil ja immer mehr Wasser nachgedrückt wird.

Zugleich gibt der Bürgermeister zu erkennen, dass er längerfristig bereit ist, Venedig aufzugeben: Wer vermöchte, als einzelner Politiker oder als einzelne Stadt, etwas gegen den Klimawandel zu unternehmen?

So billig sollte man Luigi Brugnaro nicht davonkommen lassen. Venedig ist nicht nur eine italienische Einrichtung, die der Neugier von dreissig Millionen Besuchern pro Jahr gewidmet wäre. Die Stadt ist zugleich ein einzigartiges Denkmal für eine Verbindung von Kirche und Republik, von Christentum und Vernunft, in der vor tausend Jahren die Grundlagen für eine Denkungsart gelegt wurde, die heute die ganze Welt beherrscht. Und als wäre das alles nicht schon erstaunlich genug, so ist Venedig auch von einer fast unwirklich erscheinenden Schönheit.

Erstellt: 15.11.2019, 14:03 Uhr

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