Zum Hauptinhalt springen

Einen Tag später kam der Hass

Nach einem wegweisenden Urteil kann ein Teil der Samen nun bestimmen, wer auf ihrem Gebiet jagen darf. Seitdem werden sie angefeindet – und liegen Rentierkadaver in Abfallsäcken.

Freude bei den Samen aus Girjas bei der Urteilsverkündung.Foto: Imago
Freude bei den Samen aus Girjas bei der Urteilsverkündung.Foto: Imago

Am Anfang habe sie pure Freude gespürt, schreibt die Schriftstellerin Elin Anna Labba, die selbst zum Volk der Samen gehört, in einem Essay: Sie erzählt von «alten Männern, die weinten» und «einem kollektiven Lächeln», das sich durch die Gemeinde der Samen verbreitet habe. Und das alles wegen eines Urteils des schwedischen Obersten Gerichtshofes vom 23. Januar, das viele Beobachter als historisch bezeichnen.

Das Gericht hatte den in der Gemeinde Girjas zusammengeschlossenen Samen, viele davon Rentierzüchter, das Recht zurückgegeben, über die Kleinwildjagd und die Fischerei auf ihrem Gebiet selbst zu entscheiden. Ein Ringen von David gegen Goliath sei das gewesen, so Elin Anna Labba. Und diesmal, so sahen es die Betroffenen, hatte David gewonnen, obwohl in diesem Lande Schweden «Goliath alle Gesetze geschrieben hat».

Die Freude blieb nicht allzu lange ungetrübt: «Nicht einmal einen Tag später kam der Hass», schreibt die Schriftstellerin. Hasserfüllte Kommentare und Morddrohungen gegen die Kläger und die Samen im Allgemeinen zirkulierten bald nach dem Urteil in den sozialen Medien. «Ihr egoistischen, widerlichen Arschlöcher», zitierte die Nachrichtenagentur TT eine der anonymen Botschaften: «Ich hoffe, ihr wisst, dass ihr jetzt einen Krieg losgetreten habt.» Strassenschilder in der Sprache der Samen wurden heimlich abmontiert. Kinder der Samen berichteten zu Hause, andere Kinder hätten ihnen in der Schule zugerufen, nun würden ihre Rentiere abgeschossen.

Entsetzen überall in Schweden

Vergangene Woche dann war es so weit. Die ersten Kadaver toter Rentiere wurden gefunden, zum Teil in Mülltüten gestopft, und gut sichtbar liegen gelassen entlang der Europastrasse 10 nördlich des Ortes Gällivare. Offenbar waren die Tiere einen grausamen Tod gestorben. «Eines der Rentiere hatte eine Schusswunde weit unterhalb des Halses», sagte Sara Skum, eine der Frauen der Gemeinde Girjas, der Zeitung Expressen, die als Erste landesweit über die Vorfälle berichtete. Man habe an den Spuren im Schnee gesehen, dass das angeschossene Tier viele Stunden strampelte, bevor es verendete. «Es war noch immer ein wenig warm als wir es fanden, obwohl es minus 15 Grad hatte.»

Die bewusste Misshandlung der Tiere, und die Tatsache, dass ihre toten Körper zur Schau gestellt wurden, löste Entsetzen überall in Schweden aus, vor allem aber in der betroffenen Gemeinde selbst. Der oder die Täter hätten sich ganz offensichtlich «an wehrlosen Tieren vergangen, die wohl uns symbolisieren sollen», sagte Matti Blind-Berg, der Vorsitzende der Samen-Gemeinde. «Jetzt reicht es», schrieb Kulturministerin Amanda Lind in einer Nachricht auf ihrer Facebookseite. Sie nannte die Tat «bestialisch und erbärmlich». Rassismus und Hass gegen die Samen gebe es schon lange in Schweden, schreibt sie: «Mittlerweile ist er allerdings sichtbarer geworden». Sie endet mit dem Satz: «Das gehört nicht in unser Schweden.»

Das Volk der Samen treibt schon seit Tausenden von Jahren seine Rentiere durch das nördliche Skandinavien und die russische Kola-Halbinsel. In Schweden leben wahrscheinlich 20'000 oder mehr von ihnen, nur in Norwegen gibt es heute noch mehr Samen. Das schwedische Königreich begann im 16. Jahrhundert mit der Kolonialisierung der nördlichen Gebiete, bald kam es zu Konflikten zwischen den nomadischen Rentierzüchtern und den Interessen der Mehrheitsgesellschaft, die Bauernland und den Abbau von Bodenschätzen für wichtiger befand. Zu den dunkelsten Kapiteln im Umgang des Staates mit den Samen zählt das frühe 20. Jahrhundert, als die Rassenbiologie auch in Schweden Fuss fasste, die Samen als minderwertiges Volk begriffen wurden und vielerlei Demütigungen erfahren mussten: Es kam zu Zwangsumsiedlungen, Kinder wurden ihren Eltern weggenommen und ihrer Kultur und Sprache beraubt.

Eine Entscheidung mit weitreichenden Folgen

Girjas Sameby, die samische Gemeinde Girjas, liegt am nördlichen Ende von Schweden. Es ist eine von 51 «Sameby», wie die Gemeinden von Samen heissen, die der Rentierzucht nachgehen - im Falle von Girjas umfasst sie ein Gebiet von 5500 Quadratkilometern, mehr als doppelt so gross wie das Saarland. Ein Landreformgesetz des Parlamentes in Stockholm hatte 1993 auch Nicht-Samen das Recht gegeben, in den Samen-Gebieten zu jagen und zu fischen, und die jeweilige Entscheidung darüber den Sameby weggenommen und den lokalen Kreisverwaltungen gegeben. Dagegen hatte die Gemeinde Girjas mehr als ein Jahrzehnt geklagt - und vor fünf Wochen überraschend eindeutig Recht bekommen: «Der Oberste Gerichtshof beschliesst, dass die Gemeinde Sirjas das alleinige Entscheidungsrecht über Kleintierjagd und Fischerei in der Gegend hat», sagte nach dem einstimmigen Beschluss des Gerichtes Sten Andersson, einer der Richter. Das Gericht verwies zur Begründung auf die historisch angestammten Rechte der Samen in dem Territorium.

Es ist eine Entscheidung mit wohl weitreichenden Folgen. Ein «Urteil mit Präzedenzwirkung», nannte es Jennie Nilsson, die Ministerin für den ländlichen Raum. Andere Samen-Gemeinden werden nun dieselben Rechte fordern. Konflikte sind nicht ausgeschlossen: Nicht-Samen fürchten um ihre Jagd- und Fischereigründe, aber auch viele Samen sind keineswegs Mitglieder der Sameby. Åsa Larsson Blind, die Vorsitzende der Vereinigung der schwedischen Samen, hat öffentlich erklärt, es sei nicht das Ziel der Sameby, andere auszuschliessen vom Fischen und Jagen, es gehe vielmehr um «nachhaltige Jagd und Fischerei, die auf die Bedürfnisse der Rentiere Rücksicht nimmt». Wie auch das schwedische Samen-Parlament macht sie das weit verbreitete Unwissen der schwedischen Bürger über die Samen verantwortlich für den nun wieder aufblitzenden Rassismus: Es sei ein Problem der schwedischen Demokratie, «dass die Schulen nichts über unsere Geschichte lehren und die Politiker sich nicht unserer Probleme annehmen.»

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch