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«Er ist von den Strapazen der Gefangenschaft gezeichnet»

In wenigen Tagen wird Lorenzo V. zu seiner Familie in die Ostschweiz zurückkehren – nach drei Jahren als Geisel der Terrorgruppe Abu Sayyaf. Die aktuellsten News zur spektakulären Selbstbefreiung.

Trat heute Morgen kurz nach der Ankunft in Kloten vor die Medien: Entführungsopfer Lorenzo V. (12. Dezember 2014)
Trat heute Morgen kurz nach der Ankunft in Kloten vor die Medien: Entführungsopfer Lorenzo V. (12. Dezember 2014)
Thomas Knellwolf
Fragen an das Entführungsopfer durften die Pressevertreter nicht stellen. (12. Dezember 2014)
Fragen an das Entführungsopfer durften die Pressevertreter nicht stellen. (12. Dezember 2014)
Anja Metzger
Während viele ihrer Anführer früh in Kämpfen getötet wurden, wurde die Gruppierung zunehmend extremistisch und kriminell: Ein mutmassliches Mitglied von Abu Sayyaf wird abgeführt. (25. Februar 2010)
Während viele ihrer Anführer früh in Kämpfen getötet wurden, wurde die Gruppierung zunehmend extremistisch und kriminell: Ein mutmassliches Mitglied von Abu Sayyaf wird abgeführt. (25. Februar 2010)
Erik de Castro, Reuters
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Die Szenen könnten aus einem Hollywoodfilm stammen. Die Flucht von Lorenzo V. aus den Fängen von Abu Sayyaf lässt einen schaudern. Der 49-Jährige nutzt offenbar die Gunst der Stunde, als das philippinische Militär am Samstagmorgen das Feuer auf das Camp der Terrorbande auf der Insel Jolo eröffnet. Er entreisst seinem Bewacher die Machete und stösst ihm das Messer in den Nacken. Stunden später wird er von der Armee im Dschungel aufgegriffen – mit einer Schnittwunde am Kopf, die er sich bei der Befreiungsaktion zugezogen hatte.

Nun wird der Ostschweizer in einem Spital in Manila behandelt. In den nächsten Tagen soll er zu seiner Familie nach Grub SG zurückkehren. Dort wird er bereits sehnsüchtig erwartet. «Ich freue mich sehr, dass er wieder zurückkommt», sagt seine Frau gegenüber Redaktion Tamedia. Sie habe kurz nach der Flucht mit ihrem Mann telefoniert. Auch die drei Kinder freuen sich auf ihren Vater: «Die Kinder haben schon etwas vorbereitet. Endlich haben sie ihren Papi zurück», sagt die 43-Jährige dem «Blick». Wann genau es zum grossen Wiedersehen mit der Familie kommt, ist noch unklar. Wegen des Taifuns Hagupit könnte es zu Einschränkungen im Flugverkehr kommen.

«Von den Strapazen gezeichnet»

Wie Lorenzo V. nach den drei Jahren Geiselhaft und der dramatischen Flucht in sein altes Leben zurückkehrt, ist ungewiss. «Er ist von den Strapazen der Gefangenschaft gezeichnet, aber es geht ihm den Umständen entsprechend gut», sagt Ivo Sieber, der Schweizer Botschafter auf den Philippinen der NZZ. Sieber empfing Lorenzo V. bei seiner Ankunft in Manila.

Psychotraumatologin Gisela Perren-Klingler rät der Familie «so normal wie möglich mit Lorenzo V. umzugehen.» Familie und Freunde müssten ihm dabei behiflich sein, sich wieder hier zurechtzufinden, sagt sie gegenüber dem «Blick». Die Expertin glaubt daran, dass der Ostschweizer wieder ein glückliches Leben führen kann. «Natürlich prägen drei Jahre Geiselhaft einen Menschen, und doch kann jemand, der vorher gesund war, so etwas überstehen und ins Leben zurückfinden», sagt sie.

Auch der Psychologe Erhard Grieder ist dieser Ansicht. «Nach jahrelanger Unterdrückung wird Lorenzo V. nach seiner eigenen Befreiung wohl ein Gefühl von Stärke und Genugtuung durchfliessen», sagt er «20 Minuten». Fraglich ist, wie der St. Galler Tierpräparator damit umgeht, dass er seinen Bewacher mit einem Messer getötet hat. «Es werden ihn bestimmt Schuldgefühle plagen», sagt Grieder. Die Vernunft werde ihm aber sagen, dass das, was er getan hat, richtig war. Ein schlechtes Gewissen werde er vielleicht auch haben, weil er seinen niederländischen Kollegen zurücklassen musste.

Zu schwach für die Flucht

Ewald H. befindet sich weiterhin in den Händen von Abu Sayyaf. Mit ihm war der Schweizer am 1. Februar 2012 auf der Insel Tawi-Tawi unterwegs, um Naturaufnahmen zu machen, als sie von muslimischen Rebellen entführt wurden. «Ich habe ihn gefragt, ob er mitkommen wolle, aber er wollte nicht», sagte Lorenzo V. in einem seiner ersten Interviews in Freiheit. Der 54-Jährige war zu schwach für die Flucht.

Wie die Terrorbande nach der Flucht von Lorenzo V. vorgeht und was mit H. passiert, ist offen. Abu Sayyaf ist auf die Erpressung von Lösegeldern spezialisiert. Die Forderungen belaufen sich in der Regel auf mehrere Millionen Dollar. Zum Geschäft gehört, dass Verbrecher oder Mitglieder anderer Rebellgruppen Geiseln an Abu Sayyaf verkaufen. Auf diesem Weg sollen auch Lorenzo V. und Ewald H. zur Terrorbande gelangt sein. Die Gruppe zählt mehrere Hundert Mitglieder und ist seit circa zwanzig Jahren auf dem Sulu-Archipel aktiv.

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