«Er wirkte seltsam weggetreten»

Jahrelang soll eine Familie in den Niederlanden völlig isoliert gelebt haben – und niemand wollte etwas bemerkt haben. Spurensuche im 4'000-Seelen-Ort Ruinerwold.

Viele Rätsel: Die Geschichte um den Bauernhof im niederländischen Ruinerwold beschäftigt die Bevölkerung. (Keystone/Wilbert Bijzitter/18. Oktober 2019)

Viele Rätsel: Die Geschichte um den Bauernhof im niederländischen Ruinerwold beschäftigt die Bevölkerung. (Keystone/Wilbert Bijzitter/18. Oktober 2019)

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Die menschlichen Abgründe verstecken sich inmitten der Idylle. Der Weg zum Hof in Ruinerwold führt vorbei an Windmühlen, vielen Schafen und noch mehr Kühen. Die Häuser im Nordosten der Niederlande sind aus braunem Klinker und tragen opulente Walmdächer, Grachten zerfurchen das flache Land, die Hausboote darauf liegen träge in der Sonne.

Ruinerwold ist eine Kleinstadt wie viele andere in den Niederlanden, ungefähr 4000 Einwohner, man kennt sich. Aber eine der vielen Fragen, die sie sich hier jetzt stellen, ist: wie gut eigentlich? Neun Jahre haben ein Vater und seine sechs mittlerweile erwachsenen Kinder offenbar isoliert auf einem der abgelegenen Bauernhöfe gelebt. Ohne dass es irgendjemandem aufgefallen sein soll.

Anfang der Woche befreite die Polizei die, wie es heisst, völlig verstörten Menschen. Auf dem Hof hausten sie zusammengepfercht in einem Zimmer. «Sie sprachen Niederländisch, aber verstanden haben sie uns trotzdem nicht», sagt Nathalie Schubart, Sprecherin der zuständigen Polizeiinspektion in Assen. Dass die sechs Kinder gegen ihren Willen auf dem Hof festgehalten wurden, steht mittlerweile ausser Frage. «Wir müssen nur noch herausfinden, ob durch physische oder psychische Gewalt», sagt Schubart. Und welche Rolle Josef B. in diesem Fall spielt.

Der Pächter aus Österreich

Josef B. ist ein 58 Jahre alter Österreicher, er ist der Pächter des Bauernhofs. Er soll zwar nicht dort gewohnt haben, aber täglich ein und aus gegangen sein. Gleich nach der Befreiung der Familie nahm die Polizei ihn fest. Rechtswidrige Freiheitsberaubung und Gesundheitsgefährdung der Familie, das ist der Vorwurf der Justiz an ihn, nur: Hat er wirklich mit der Sache zu tun? Und wenn ja, wie? Josef B. schweigt bislang.

Am Donnerstag nahm die Polizei einen zweiten Verdächtigen fest, den 67-jährigen Familienvater, Gerrit Jan van D. Da war er, zusammen mit seinen Kindern, schon an einen geheimen Ort gebracht worden, an dem die Familie zur Ruhe kommen und vom medialen Rummel abgeschirmt werden sollte. Nun gibt es auch gegen ihn Vorwürfe, im Fachjargon: Mithilfe zu Freiheitsberaubung, Misshandlung und Geldwäsche.

Die niederländischen Medien schreiben, van D. habe vor Jahren einen Schlaganfall erlitten, er sei bettlägerig. Bestätigen will die Polizei das nicht.

«Bei der Durchsuchung des Hofes haben wir grosse Mengen an Bargeld gefunden», sagt Nathalie Schubart. Jetzt müsse geklärt werden, wie der Vater an derart grosse Summen gekommen sei. Auch zur Grössenordnung des Vermögens will die Polizeisprecherin nichts sagen.

«Wir alle schämen uns ein wenig»

Und dann gibt es noch eine andere Sache, die womöglich eine Rolle spielt. Es sieht ganz so aus, als sei die Familie Anhängerin eines religiösen Kultes. Der Deutschen Presse-Agentur sagte ein Sprecher der Moon-Sekte, dass der Vater einige Zeit Mitglied gewesen sei. Wann genau, wie lange? Unklar. Auch Josef B. sei Mitglied einer Sekte gewesen, erzählte dessen Bruder österreichischen Medien.

Versteckter Bauernhof: Eine Fotografin hält das Gelände fest. (Keystone/Vincent Jannick)

Wenn man versucht herauszufinden, was in Ruinerwold passiert ist, stösst man bei den Einheimischen auf ratlose Gesichter. Clasine Wouters zum Beispiel, eine Frau in den Sechzigern, sie schüttelt traurig den Kopf. Ihr gehört die Pension «Het Heerenhuys» in der ehemaligen Arztvilla am Ortsrand. In diesen Tagen hat sie viele Gäste, vor allem Reporter, die wegen des seltsamen Falles angereist sind. «Keiner der Nachbarn ahnte etwas», sagt sie, und: «Wir alle schämen uns ein wenig, dass so etwas mitten unter uns passiert ist und niemand den Kindern helfen konnte.»

Ruinerwold ist ein offenes Dorf, den Menschen ist die Gemeinschaft wichtig, sagen sie. An den Fenstern hängen keine Vorhänge, wer abends vorübergeht, sieht die Bewohner der Häuser vor den Fernsehern oder beim Abendessen sitzen. Geheimnisse gibt es hier nicht. Dachten die Ruinerwolder. Sie sei oft in der Nähe des Hofs spazieren gegangen, erzählt Clasine Wouters. Freilich habe man sich gefragt, wer da im Schutz der grossen Bäume zurückgezogen wohne. Aber wer denke denn an so eine Geschichte?

Am Ende landet man in der Dorfkneipe

Menschen wie Clasine Wouters kommen nun in vielen Reportagen aus Ruinerwold vor, Menschen, die nach Antworten suchen, aber einfach keine finden. Früher oder später landet man bei dieser Suche dann dort, wo Suchende ja immer landen: in der Dorfkneipe. Der Wirt des «De Kastelein» heisst Chris Westerbeek, er ist 27 Jahre alt, Barkeeper und Koch in einer Person. Hier, bei ihm, war auch Jan, der älteste Sohn der Familie. Er wollte Hilfe, so kam die ganze Sache überhaupt erst an die Öffentlichkeit.

Die Dorfbeiz: Der junge Mann wirkte apathisch. (Keystone/Vincent Jannick)

Das Licht in der Beiz ist schummrig, von der Decke hängen Musikinstrumente: eine Tuba, eine Gitarre und ein Schlagzeug. Altmodische Reklametafeln preisen Schnaps an, zum Essen gibt es Riesenburger und Schnitzel. «Er sah ungepflegt aus, wirkte verwirrt», sagt Chris Westerbeek. Natürlich kennt er jeden Gast persönlich. Jeden, der zur Tür reinkommt, begrüsst er mit einem Nicken. Jan, der sei ihm sofort aufgefallen, sagt er, denn, klar, «ein unbekanntes Gesicht». Der junge Mann trank vor zwei Wochen fünf Bier, bezahlte und ging, ohne mit jemandem zu reden. Einen Tag später sah Chris Westerbeek ihn wieder, dieses Mal sass er auf der Terrasse der Bar. Nur kurz, dann verschwand er wieder. Als Jan am vergangenen Sonntag ein drittes Mal auftauchte, sprach Chris Westerbeek ihn an.

Irgendwie apathisch

«Er hat Niederländisch verstanden, aber er hat nicht kapiert, was ich von ihm wollte. Er wirkte seltsam weggetreten», erzählt er. Nicht weggetreten wie ein Betrunkener, denn damit, sagt Chris Westerbeek, kenne er sich als Wirt aus. Nein, anders. Irgendwie apathisch. Seltsamer Gesichtsausdruck. Jan, so erzählt es Westerbeek, habe ihm gesagt, er lebe mit seiner Familie auf einem Hof in der Nähe und könne nicht dorthin zurück. Dann rief Westerbeek die Polizei. Inzwischen weiss man: Es gab vor einigen Monaten Lebenszeichen des 25-jährigen Jan, sofern man Aktivitäten in sozialen Medien als solche werten kann.

Am 20. Mai meldete er sich bei Twitter an. Am 6. Juni gab er auf seinem Facebook-Profil einen neuen Job an: Online-Shop-Manager bei Creconat, das ist der Internet-Auftritt der Holzfirma von Josef B., zudem schrieb er in einem Beitrag über Klimaschutz und Greta Thunberg. Im Juli postete er auf Instagram Fotos von sich: blasse Haut, blonde, lange Haare, Bart. Bis dahin war sein letzter Social-Media-Eintrag einer auf Facebook gewesen. Am 1. August 2010 hatte er geschrieben: «Umzug nach Ruinerwold». Keine 20 Kilometer von Ruinerwold entfernt liegt der Ort Zwartsluis, dort, in der Kerkstraat, liegt der Laden «Natural Homes». Der gehörte früher einmal Gerrit Jan van D., seit Jahren schon ist er verrammelt.

Früher verkaufte die Familie dort Holzspielsachen. Im ersten Stock des Geschäfts sind noch einige Sachen im Schaufenster, ein Schaukelpferd, eine Giesskanne, ein Dreirad. Van D. führte das Geschäft, erzählt man sich hier, bis seine Frau starb, vermutlich 2004 oder 2006, die Angaben darüber variieren. Seither habe der Laden nie wieder aufgemacht. Seit einiger Zeit steht das Gebäude zum Verkauf. Die Miete für das verrammelte Geschäft sei aber all die Jahre pünktlich bezahlt worden, erzählte der Makler in der Lokalzeitung «De Stentor».

Und immer wieder neue Fragen

Das ist ein weiteres Indiz dafür, dass die Familie nicht mittellos war. Am Donnerstagabend tauchte beim TV-Sender RTL Boulevard ein Brief auf, er stammt von Angehörigen der Familie. Sie schreiben darin, der Vater habe in den Achtzigerjahren den Kontakt zu ihnen abgebrochen: «Er hat uns geraten, keinen Versuch zu unternehmen, seinen Wohnort zu finden.» Ausserdem ist von drei weiteren, älteren Kindern die Rede, die geflohen sein sollen. Die Verwandten leben auch in der Gegend, ein paar Kilometer von dem Hof entfernt, auf dem van D. und die Kinder gefunden wurden.

So ist das in dieser Geschichte: Die Suche nach Antworten bringt immer neue Fragen hervor. Warum melden sich die Angehörigen erst jetzt? Wer hat nun wen gefangen gehalten, und warum? Wer hat die Miete für den Laden bezahlt? Warum konnte Jan in die Beiz gehen, warum und wie in sozialen Medien Beiträge erstellen, vorausgesetzt, er war das tatsächlich selbst?

Die Kinder werden jetzt psychologisch betreut. Dass ihr Verschwinden nicht auffiel, das übrigens liege daran, sagt der Bürgermeister Roger de Groot, dass sie nie bei den Behörden gemeldet wurden. Sie haben nie eine Schule besucht.

Erstellt: 18.10.2019, 21:05 Uhr

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