Es ist etwas faul im Lande Tells

Aus dem Fall Ignaz Walker ist ein Justizskandal geworden, wie ihn die Schweiz bisher kaum gekannt hat. Uri wird in den Grundfesten erschüttert.

Urner Justiz­skandal: Ignaz Walker auf dem Weg zum Rathaus in Altdorf.

Urner Justiz­skandal: Ignaz Walker auf dem Weg zum Rathaus in Altdorf. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Gleich hinter dem Telldenkmal in Altdorf wird zurzeit das spannendste Urner Stück seit dem Apfelschuss geboten. Wie bei der Mär von 1291 geht es auch 2015 um Behördenwillkür. Aber der Hauptdarsteller ist kein Wilhelm Tell, sondern ein einstiger Zuhälter. Der Ausgang ist ungewiss.

Im Landratssaal, in dem das kantonale Obergericht seit Montag über Ignaz Walker verhandelt, ist eines gewiss: Vorn sitzen nur Verlierer. Rechts von der Anklagebank wehrt sich ein eher klobiger Mann, der eigentlich ein gebrochener Mann sein müsste. Von links wirft manchmal seine Ex-Frau einen scheuen Blick zu ihm hinüber. Die zierliche Ukrainerin gilt als Opfer eines misslungenen Auftragsmords. Nur: Für den Auftrag gab es nie einen Beweis.

Vor der ehemaligen Tänzerin aus der Ukraine sitzt Oberstaatsanwalt Thomas Imholz. Er verkörpert die grösste Verliererin in der ganzen Tragödie: die Urner Strafverfolgung.

Einen Unbequemen wegsperren

Die neueste Wendung: Vorgestern hat die «Rundschau» des Schweizer Fernsehens enthüllt, dass die Staatsanwaltschaft das Urner Obergericht und das Bundesgericht hintergangen hat. Der frühere Oberstaatsanwalt Bruno Ulmi und sein Nachfolger Thomas Imholz haben Informationen zu einem Kronzeugen für sich behalten. Der Holländer hätte Walker entlasten können.

Was wie eine krude Verschwörungstheorie anmutet, ist durch Dokumente und Aussagen Involvierter belegt. Es ist ein letzter Tiefpunkt in einer Abfolge von Pannen und zum Teil vorsätzlichen Fehlern, wie sie Tagesanzeiger.ch/Newsnet wiederholt aufgezeigt hat. Alles macht den Anschein: Die Urner Ermittler wollten den unbequemen Ignaz Walker wegsperren. Um jeden Preis. Auch um den der Rechtsstaatlichkeit.

Es würde nicht überraschen, wenn in einem letzten Akt der Justiztragödie hinter dem Telldenkmal die obersten Strafverfolger des Kantons wegen Amtsmissbrauchs selber auf der Anklagebank sässen (wobei auch hier die Unschuldsvermutung gilt). Jedenfalls müssen nun die schweren Vorwürfe gegen die beiden Oberstaatsanwälte untersucht werden. Dazu muss die Urner Regierung schnellstens einen unabhängigen Ermittler einsetzen.

Aus Uri kommen darf er nicht. Ein Jurist aus einem Nachbarkanton kommt ebenfalls kaum mehr infrage, denn da hat man bereits einschlägige und schlechte Erfahrungen: Der Luzerner Staatsanwalt André Graf sollte im Auftrag Uris abklären, was es mit einer brisanten Aussage des angeblichen Auftragsschützen Walkers auf sich hat. Der Mann sagte, die Schüsse seien Teil eines Komplotts gewesen, um Walker hinter Gitter zu bringen. André Graf ist speziell dafür eingesetzt worden, dies zu untersuchen. Doch er fällt nur durch Desinteresse auf – was ein weiterer Teil des Justizskandals ist. Statt den zahlreichen Indizien nachzugehen, die für eine Intrige gegen Walker sprechen, hält es Graf nicht für nötig, die Akten zu studieren (oder überhaupt nur anzufordern). Er will es bei zwei unergiebigen Befragungen bewenden lassen.

Nun aber hat die aufrechte Obwaldner Oberstaatsanwältin Esther Omlin den Namen eines weiteren möglichen Verschwörers benannt. Dem Luzerner Graf bietet sich damit eine letzte Chance, seine Was-ich-nicht-weiss-macht-mich-nicht-heiss-Mentalität abzulegen.

Vor allem aber braucht der Urner Justiz­skandal eine profunde politische Aufarbeitung durch eine Untersuchungskommission und durch externe Experten. Nur so kann das Vertrauen in die Strafverfolgung wiederhergestellt werden. Unabhängige Köpfe müssen sich überlegen, wie die kantonalen Laiengerichte reformiert werden könnten. Dies ist nötig, denn die Nichtjuristen sind schon mit einem mittelmässig komplexen Fall wie der Strafsache Walker überfordert.

Späte Gerechtigkeit für Walker

Nicht infrage kommt einer der Sachverständigen für alle Fälle: Hanspeter Uster. Der Zuger Ex-Regierungsrat ist zuletzt als Gutachter durch Harmlosigkeit aufgefallen – gerade im Fall Walker. Er versteckte sich hinter Formalitäten statt schwarz auf weiss festzuhalten, was er hätte festhalten müssen: dass ein Urner Kriminaltechniker, der gegen Walker ermittelte, hoffnungslos befangen war. Der Forensiker hatte in Walkers Striptease-Schuppen gepöbelt, worauf Walker ihn anzeigte. Statt in den Ausstand zu treten, ermittelte der Kriminaltechniker gegen Walker. Und er fand auf wundersame Weise Beweismittel.

Dies war der Auftakt zu der Behördenwillkür, der das Obergericht nun ein Ende setzen kann. Es kann späte Gerechtigkeit für Ignaz Walker schaffen, den es nie zu 15 Jahren Gefängnis hätte verurteilen dürfen. Für Walker, der bereits über 4 Jahre davon absass. Für Walker, dem noch lange Jahre hinter Gitter drohen. Weil etwas faul ist im Lande Tells.

Erstellt: 22.10.2015, 19:39 Uhr

Artikel zum Thema

Verheimlichte Beweismittel und ein toter Drogenboss

Urner Oberstaatsanwälte hintergingen im Fall Ignaz Walker das Gericht. Sie müssen mit einem Strafverfahren rechnen. Mehr...

Widersprüche des «Auftragmord-Opfers»

Wer schoss auf die Frau des Urner Cabaretbetreibers Ignaz Walker? Vor Gericht verstrickte sie sich in Widersprüche. Mehr...

Mordauftrag oder raffinierte Intrige?

Reportage Der Fall Ignaz Walker gehört zu den pannenreichsten Strafverfahren der jüngeren Schweizer Kriminalgeschichte. Nun wird der Fall neu aufgerollt. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Weiterbildung

Lohncheck in Pflegeberufen

Qualifiziertes Pflegepersonal ist rar. Eine Pflegeinitiative setzt sich darum für höhere Löhne ein.

Die Welt in Bildern

Zum Wiehern: Ein Pferd scheint sich in Feldberg im Schwarzwald über die weisse Pracht zu freuen. (18. November 2019)
(Bild: Patrick Seeger) Mehr...