Fabrice A. dürfte nie mehr freikommen

Das Genfer Strafgericht erspart Adelines Mörder eine lebenslange Verwahrung. Faktisch nimmt seine Gefährlichkeit aber nicht ab. Er wird weggesperrt bleiben.

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Die Forderung von Adelines Eltern war unmissverständlich. Und sie klang prima facie logisch. «Wen, wenn nicht ihn, sollte man lebenslang verwahren?» fragte Esther M. letzte Woche und blickte über den kahlrasierten Hinterkopf des Mörders ihrer Tochter hinauf zum Gericht. Beim Publikum im Gerichtssaal war zustimmendes Nicken auszumachen. Doch die sieben Richter vermochte Esther M. nicht zu überzeugen.

Zwar verurteilten sie Fabrice A. am Mittwoch Abend für Mord, sexuelle Nötigung und Freiheitsberaubung zu einer lebenslangen Haftstrafe, bei der er frühestens nach 15 Jahren frei kommen könnte, ordneten für die Zeit danach aber bloss eine «ordentliche» und keine «lebenslange» Verwahrung an. Für Fabrice A. bedeutet dies: Er bleibt nicht automatisch bis an sein Lebensende weggesperrt, sondern wird weiter therapiert und in regelmässigen Abständen von Psychiatern begutachtet.

Vorsichtige Psychiater

Das Verdikt ist nachvollziehbar. Keines der beiden Psychiaterteams wagte vor Gericht die Aussage, der Angeklagte sei ein Leben lang untherapierbar. Die Psychiater sagten: Heute sei er hochgefährlich und bleibe es trotz Hormontherapien oder der Einnahme von Neuroleptika. Also bleibe auch das Risiko für eine Wiederholungstat extrem hoch. Gleichzeitig bedachten die Experten: Mit neu entwickelten Therapieformen sei vielleicht in einigen Jahren einiges anders.

Selbst Adelines Eltern hatten sich in den letzten Tagen auf eine «ordentliche Verwahrung» vorbereitet. Ihre Anwälte werden ihnen klar gemacht haben: Die Chance, dass der Mörder ihrer Tochter je freikommen wird, ist minim. Nur wenn ein Experte eines Tages attestiert, dass von Fabrice A. für die Gesellschaft keine Gefahr mehr ausgeht, kann ein Gericht dessen Verwahrung beenden und ihn aus dem Gefängnis entlassen.

Mit der Vorgeschichte des Mannes ist dies kaum denkbar. Fabrice A. wurde 2002 für zwei Vergewaltigungen bereits zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt, wobei er die Frauen stets mit einem Messer bedrohte. Adeline M. war sein drittes Opfer, wobei Fabrice A. sie im September 2013 an einen Baum fesselte und ihr die Kehle durchschnitt.

Staatsanwalt provoziert das Urteil

Genfs Generalstaatsanwalt Olivier Jornot dürfte mit dem Verdikt zufrieden sein. Er provozierte es. Zwar hatte er für eine lebenslange Verwahrung plädiert, – aber nur weil er musste, um die Erwartung der Öffentlichkeit nicht zu enttäuschen. In Wahrheit glaubte er nicht wirklich, dass das Gericht ihm folgen und eine lebenslange Verwahrung aussprechen würde.

Nur so ist Jornots verwinkelte und gewundene Rhetorik zu verstehen, mit der er sein vier Stunden dauerndes Plädoyer und seinen Strafantrag vortrug. Er argumentierte wie ein Politiker, nicht wie ein Jurist, und konnte sich selbst einen Seitenhieb gegen das Schweizer Stimmvolk nicht verkneifen. Das Volk habe 2004 die lebenslange Verwahrung dem Strafrecht wie «un gadget magique» («ein magisches Spielzeug») zugefügt, so Jornot. Noch sieht der Generalstaatsanwalt in der Massnahme ein Spielzeug. Der 2004 beschlossene Strafartikel scheint langsam aber sicher eine Ansammlung toter Buchstaben zu sein.

Erstellt: 24.05.2017, 19:02 Uhr

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