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Fall Jean-Louis B.: Was alles schief ging

Im Juni war der 65-jährige Sexualstraftäter Jean-Louis B. in Neuenburg bei einem Spaziergang entkommen. Nun liegt der Untersuchungsbericht vor. Das zuständige Sicherheitspersonal kommt dabei schlecht weg.

Für die Verwahrung von hochgefährlichen Straftätern wenig geeignet: Strafanstalt Bellevue.
Für die Verwahrung von hochgefährlichen Straftätern wenig geeignet: Strafanstalt Bellevue.
Keystone
Stehen Red und Antwort (von links): André Duvillard, Neuenburger Polizeikommandant, Justizvorsteher Jean Studer und Valérie Gianoli, Chefin der Neuenburger Gefängnisverwaltung.
Stehen Red und Antwort (von links): André Duvillard, Neuenburger Polizeikommandant, Justizvorsteher Jean Studer und Valérie Gianoli, Chefin der Neuenburger Gefängnisverwaltung.
Keystone
Der 64-jährige wurde der Kantonspolizei Waadt übergeben und wieder in Sicherheitverwahrung gebracht.
Der 64-jährige wurde der Kantonspolizei Waadt übergeben und wieder in Sicherheitverwahrung gebracht.
Keystone
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Die Flucht eines gefährlichen Sexual-Mörders aus einem Neuenburger Gefängnis in diesem Sommer war die Konsequenz aus einer Reihe von Fehlleistungen und Missverständnissen zwischen den Neuenburger und den Berner Behörden. Der Kanton Neuenburg will nun Lehren aus der Affäre ziehen.

Der ehemalige Bundesrichter Claude Rouiller legte am Freitag einen Bericht zum Fall des im Sommer entwichenen Sexualstraftäters aus der Strafanstalt «Bellevue» in Gorgier NE vor. Er kommt zum Schluss, dass Fehler auf der Ebene der Information, der Organisation und der Zusammenarbeit der Berner und der Neuenburger Behörden die Flucht des als gefährlich eingestuften und verwahrten Mannes ermöglichten.

Mängel in beiden Kantonen

Mängel gab es sowohl auf Berner als auch auf Neuenburger Seite, wie Rouiller sagte. «Sie sind ziemlich vergleichbar.» Der Kanton Bern habe aber eine wichtige Rolle gespielt, denn er sei für die Einweisung des entwichenen Straftäters in die Anstalt «Bellevue» sowie für den Vollzug verantwortlich gewesen.

Einer Weisung der Abteilung Straf- und Massnahmenvollzug des Kantons Bern folgend wurde der Verwahrte anfänglich von weiblichem Personal ferngehalten. Diese Sicherheitsmassnahme wurde später jedoch aufgehoben.

Die Direktion des Gefängnisses setzte vielmehr eine Frau als Bezugsperson ein, was gegen die Weisung verstiess und sich laut Rouiller später als fataler Fehler erwies. Der Insasse habe sich nämlich in die Wärterin verliebt, die ihn auf dem Ausgang begleitete. Dies könnte den Mann angestachelt haben.

Keine Sicherheitsvorkehrungen getroffen

Laut Rouiller waren die beiden Wärter, darunter die weibliche Bezugsperson, unbewaffnet und trafen keinerlei Sicherheitsvorkehrungen. Nicht einmal Funkgeräte hatten sie dabei.

Der Verwahrte profitierte von diesen Umständen und ergriff am 27. Juni 2011 in der Region Provence VD am Neuenburger See die Flucht. Dabei bedrohte er seine beiden Begleiter mit einem Stück Glas und verletzte seine weibliche Bezugsperson an der Hand. «Es ist erstaunlich, mit welcher Lockerheit die Ausgänge organisiert wurden,» stellte Rouiller fest.

Ausgänge sistiert

Der Kanton Neuenburg wolle Massnahmen ergreifen, damit es nicht mehr zu einem solchen Fall komme, sagte der Neuenburger Justizdirektor Jean Studer nach Veröffentlichung des Berichts. Seit Ende Juni seien alle Ausgänge der Verwahrten und von als gefährlich geltenden Häftlinge im Kanton vorläufig sistiert.

Personelle Konsequenzen hatte Studer aus der Affäre unmittelbar gezogen. Der Gefängnisdirektor von Gorgier und sein Stellvertreter mussten zurücktreten. Ansetzen will die Regierung zudem bei der Ausbildung der Mitarbeitenden und der Weitergabe von Dossiers.

«Koordination muss verbessert werden»

Staatsrat Studer plädiert zudem für eine Harmonisierung der Begriffe in den drei regionalen Strafvollzugskonkordaten der Schweiz. «Damit eine gute Information unter den Kantonen gewährleistet ist, muss die Koordination verbessert werden», sagte der Vorsteher des Justizdepartements am Freitag vor den Medien.

Zum Glück sei während der viertägigen Flucht des hochgefährlichen Straftäters nichts passiert, so Studer. Sonst wäre er heute vielleicht nicht mehr Justizdirektor. Nach gut vier Tagen stellte sich der Flüchtige der Polizei. Er ist heute in der bernischen Strafanstalt Thorberg inhaftiert.

(SDA)

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