Grossmutter retourniert geklauten Sand

Der sardische Zoll stellte diesen Sommer zehn Tonnen Sand, Muscheln und Steine bei Touristen sicher.

Begehrte Souvenirs: Die «Reiskörner» von Is Arutas. Foto: Getty Images

Begehrte Souvenirs: Die «Reiskörner» von Is Arutas. Foto: Getty Images

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Plündern ist ein harsches Wort, es haftet ihm ein mittelalterlicher Mief an. Doch wie, bitte schön, soll man es sonst nennen? Die sardischen Flughäfen in Cagliari, Alghero und Olbia berichten, dass sie im Sommer 2019, der allmählich auch auf der Insel zu Ende geht, zehn Tonnen Sand, Muscheln und Steine beschlagnahmt und wieder an die Strände gekarrt haben. Touristen wollten sie aus dem Land schmuggeln, versteckt im Koffer. Als liesse sich mit dem Andenken etwas Leichtigkeit rüberretten in den grauen Alltag, die Nostalgie stillen, die Wartezeit bis zu den nächsten Ferien. «Predoni!», Plünderer des Paradieses.

Die Zeitung «Corriere della Sera» erfuhr im Detail, welche Strände am stärksten von dem wachsenden Phänomen betroffen sind. Der Sand in Villasimius im Süden der Insel, nicht weit von Cagliari, ist so herrlich weiss und «fein wie Babypuder», dass davon insgesamt 800 Kilogramm im Gepäck der Fluggäste gefunden wurden. Kleine, auch mal grössere Dosen. Am Golf von Chia, ebenfalls im Süden, leuchtet der Sand irgendwie gülden: 400 Kilo. Ach, und an den Stränden Is Arutas und Mari Ermi in der Provinz Oristano im Westen der Insel liegen Sandkörner so gross und schön, dass man sie für Reiskörner halten könnte: 300 Kilogramm davon wären beinahe weggekommen.

Zahlen von den Fähren gibt es keine. Die wären wohl noch viel imposanter – gar zehnmal höher, meinen die Experten. Auf den Fähren von und nach Sardinien wird das Gepäck eben kaum mal kontrolliert. Und da die meisten Gäste mit ihren Autos auf die Schiffe nach Genua und Savona, nach Civitavecchia und Barcelona gehen, muss man annehmen, dass sie ihre Kofferräume wacker beladen. Es ist ein Jammer. Als reichte es nicht, dass der Klimawandel die Meere ansteigen lässt und die Strände wegfrisst: Die Menschen verüben auch im Kleinen Raubbau an ihrer eigenen Traumwelt.

Sie füllte den ganzen Sand und alle Muscheln in viele kleine Plastiksäcke ab und schickte sie mit der Post zurück auf die Insel. Vierzig Jahre danach.

2017 haben die Sarden ein regionales Gesetz erlassen, es droht mit hohen Geldstrafen. Wer erwischt wird, zahlt umgerechnet zwischen 550 und 3300 Franken, je nach Menge. Im Koffer eines französischen Feriengasts fanden die Zollbeamten neulich neben Sand auch den Totenschädel eines Delfins. Umgerechnet 11'000 Franken bezahlte er dafür. Seine Rechtfertigung, in Frankreich sei das erlaubt, kümmerte die Grenzbeamten nicht. Vielleicht ist das insgesamt das grösste Problem: Viele Touristen wissen wohl gar nicht, dass sie Sand und Muscheln nicht mitnehmen dürfen. Es gibt da zwar mittlerweile allenthalben Hinweise, aber die reichen nicht aus, um den Klau zu stoppen.

Ein paar Lichtblicke gibt es dann doch. Auf Facebook berichtet die Vereinigung «Sardegna rubata e depredata», «Beraubtes und geplündertes Sardinien», regelmässig auch von Plünderern, die Reue spüren und den Sand zurückbringen. Eine Mailänderin erzählte dem «Corriere», dass sie schon lange ein schlechtes Gewissen gehabt habe, jetzt, da sie Grossmutter sei und die Probleme der Umwelt ernst nehme für die Enkel. Vor vierzig Jahren, sagte sie, als die Strände noch halb leer gewesen seien, sei das Sammeln von Muscheln und Sand ein Spiel gewesen. «Nun weint mir das Herz, wenn ich nach Sardinien fahre und sehe, wie gewisse Strände zugerichtet sind.» Und so füllte sie den ganzen Sand und alle Muscheln, die sie in ihrer Wohnung in Mailand aufbewahrt hatte, in viele kleine Plastiksäcke und schickte sie mit der Post zurück auf die Insel. Vierzig Jahre danach.

Erstellt: 20.10.2019, 21:03 Uhr

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