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Hat der KGB Albert Camus ermorden lassen?

Eine neue Recherche verstärkt den Verdacht, der französische Schriftsteller sei einem Attentat zum Opfer gefallen.

Starb 46-jährig: Albert Camus im Theater Antoine in Paris während einer Probe seines Stückes «Les Possédés» 1959. Foto: Daniel Fallot (Getty)
Starb 46-jährig: Albert Camus im Theater Antoine in Paris während einer Probe seines Stückes «Les Possédés» 1959. Foto: Daniel Fallot (Getty)

Der Fahrer jagt seinen Sportwagen mit 180 Stundenkilometern über eine winterlich nasse Landstrasse. Ein Hinterreifen platzt, der Wagen schleudert von der Strasse, kollidiert frontal mit einem Baum. Der Beifahrer ist sofort tot, der Fahrer stirbt sechs Tage später. Die beiden Mitfahrer im Fond überleben beinahe unverletzt.

Das passierte am Nachmittag des 4. Januar 1960, in der Nähe des burgundischen Dorfes Villeblevin. Der Beifahrer hiess Albert Camus: Schriftsteller und Philosoph, Nobelpreis­träger der Literatur, Autor von «Der Fremde», «Die Pest», «Der Mythos des Sisyphos». Camus war 46 Jahre alt.

Am Steuer sass Michel Gallimard. Der Neffe des bekannten Verlegers Gaston Gallimard liebte das schnelle Autofahren. Schon darum zweifelte niemand daran, dass die beiden Opfer eines Temporauschs waren.

Verdacht auf präparierte Reifen

Aber nun behauptet der italienische Autor Giovanni Catelli, Albert Camus sei in Wahrheit vom damaligen sowjetischen Geheimdienst KGB mithilfe französischer Geheimagenten getötet worden. Man habe das Auto so präpariert, dass der Reifen bei hoher Geschwindigkeit platzen würde. Catelli begründet seinen Verdacht mit den Aussagen eines tschechischen Autors, der seine Information wiederum von einem ranghohen, seiner Ansicht nach sehr glaubwürdigen sowjetischen Funktionär erfahren haben wollte.

Die Faktenlage ist also mager, was Catelli mit weiteren Recherchen und Interviews zu korrigieren versucht. Er hat sie zu einem Buch gebündelt, das in diesen Tagen erscheint. Die Faktenlage ist immer noch dürr, aber man ist fasziniert vom Verdacht. Dass sowohl die Sowjetunion wie Frankreich ein Motiv hatten, Albert Camus zu beseitigen, lässt sich nachweisen.

Was stimmt: Albert Camus hatte viele Gegner. Die Rechte misstraute seinem humanitären Pazifismus, linke Autoren wie Jean-Paul Sartre warfen ihm den Verrat linker Ideale vor.

Anders als viele Schriftstellerkollegen verurteilte Camus, zusammen mit Autoren wie George Orwell, Arthur Koestler, Max Frisch und anderen das Sowjetsystem öffentlich und systematisch. Camus sympathisierte mit dem ungarischen Aufstand von 1956 und bekannte sich auch zum russischen Schriftsteller Boris Pasternak, den das Sowjetregime bedrohte und bedrängte.

Diese dauernde Kritik durch den weltberühmten Literaturnobelpreisträger ärgerte die Sowjets und störte die Franzosen, die wichtige Geschäfte mit den Russen vorhatten. Das würde erklären, warum der französische Geheimdienst an dem mutmasslichen Attentat beteiligt war. So sieht es mindestens Giovanni Catelli. Man hat grosse Mühe, ihm zu glauben.

Der Fremde

Was stimmt: Albert Camus hatte viele Gegner. Die Rechte misstraute seinem humanitären Pazifismus, linke Autoren wie Jean-Paul Sartre warfen ihm den Verrat linker Ideale vor. Auch beim Krieg um die Unabhängigkeit, den Algerien bis 1962 gegen die Kolonialmacht Frankreich führte, brachte der Schriftsteller, ein gebürtiger Algerier, beide Seiten gegen sich auf. Er plädierte für eine bürgerliche Gleichstellung der Algerier, das passte vielen Franzosen nicht. Zugleich bestand er auf einem französischen Algerien, was wiederum seine algerischen Landsleute erzürnte.

So blieb der Unerschrockene, wie seine Tochter Catherine Camus einmal sagte, sein Leben lang ein Fremder.

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