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«Hol mich raus, ich bin schon lange hier drin»

Zehn Jahre lang wurden drei entführte Frauen in einem Haus mitten in Cleveland festgehalten, nun ist ihnen die Flucht gelungen. Die Polizei hat bestätigt, dass eine der drei Frauen eine Tochter bei sich hatte.

Jubelrufe: Vor dem Metrohealth Medical Center in Cleveland, Ohio freuen sich die Menschen über die Befreiung der vermissten Frauen.

Der Fall ruft sofort Erinnerungen an Natascha Kampusch wach: Vor rund zehn Jahren waren sie verschwunden – nun wurden die drei jungen Frauen aus einem Haus in Cleveland befreit. Sie waren teils noch Teenager, als sie letztmals gesehen wurden, nun hat mindestens eine von ihnen ein Kind. Drei Verdächtige, laut Medien der Bewohner des Hauses und seine Brüder, wurden festgenommen. Seine Nachbarn rätseln, wie es ihm gelungen war, die drei jungen Frauen so lange vor ihnen zu verbergen.

Ein Nachbar wurde am Montagnachmittag auf den Fall aufmerksam, als eine der Frauen ihren Arm durch einen Riss in der Tür des Hauses streckte und um Hilfe schrie. «Ich hörte Schreie, und ich sah dieses Mädchen, das wie verrückt versuchte, aus dem Haus zu gelangen», sagte Charles Ramsey dem Lokalsender von ABC. «Da ging ich auf die Veranda und sie sagte mir: ‹Hol mich raus, ich bin schon lange hier drin›». Er habe den unteren Teil der Tür eingetreten, und die Frau sei mit einem kleinen Mädchen ins Freie gekrochen. Bei dem kleinen Mädchen handelte es sich um die Tochter einer der drei Frauen. Fragen zum Vater des Kindes beantwortete die Polizei an einer ersten Pressekonferenz zum Fall nicht.

«Ich werde seit zehn Jahren vermisst»

Nach gelungener Flucht wählte Berry den Polizei-Notruf und flehte um rasche Hilfe, «bevor er zurückkommt». «Ich bin Amanda Berry. Ich wurde entführt. Ich werde seit zehn Jahren vermisst. Ich bin frei. Ich bin jetzt hier», rief sie aufgelöst ins Telefon. Sie berichtete von den weiteren Gefangenen. Wenige Minuten später stürmte die Polizei das Haus und befreite auch Gina DeJesus und Michele Knight. Alle drei seien «anscheinend bei guter Gesundheit», erklärte die Polizei.

Berry gab an, sie sei von A.C. verschleppt worden. Nachbarn beschreiben C. als freundlichen Schulbusfahrer und Musiker. Seine Tochter sei häufig mit ihren Kindern zu Besuch gekommen.

Drei Verdächtige

Die Polizei bestätigte zunächst nur, dass drei Verdächtige im Alter zwischen 50 und 54 Jahren festgenommen wurden. An der Presskonferenz erklärten Polizeivertreter, vorerst noch keine Bilder der Verdächtigen zu veröffentlichen, und baten die Öffentlichkeit um Geduld. Die Befragungen seien für die Frauen schwierig. Weiter gaben die Polizeivertreter an, es gebe bisher keinen Hinweis, dass die Frauen den Mann als Schulbusfahrer gekannt hätten.

Berry war laut FBI 16 Jahre alt, als sie im April 2003 nach der Arbeit in einem Fastfood-Restaurant verschwand. DeJesus verschwand ein Jahr später auf dem Heimweg von der Schule, sie war damals 14. Knight war nach Medienberichten 21 Jahre alt, als sie im August 2002 letztmals gesehen wurde. Ihr «Gefängnis» ist nur wenige Kilometer entfernt.

Mit Verdächtigem gegrillt und Salsa gehört

Nach der dramatischen Befreiung der Frauen versammelten sich hunderte jubelnde Menschen in der normalerweise ruhigen Wohnstrasse. Eine Schulfreundin von DeJesus, Kayla Rogers, sagte der Zeitung «Cleveland Plain Dealer», ihr fehlten die Worte vor Erleichterung: «Normalerweise werden Vermisste nie gefunden.» Der Notarzt Gerald Maloney, der die Frauen untersuchte, sagte, sie seien in guter Verfassung: «Dies ist nicht das Ende, das solche Geschichten normalerweise nehmen, deswegen freuen wir uns sehr für sie.»

Viele Nachbarn dagegen stehen unter Schock. Sie beschreiben C. als freundlichen Schulbusfahrer und Musiker. Seine Tochter sei häufig mit ihren Kindern zu Besuch gekommen. Berrys Befreier Ramsay erzählte Reportern, dass er häufig mit C. Salsa-Musik gehört und mit ihm gegrillt habe. Auch Nachbar Charlie Czorb kann es nicht fassen: «Diese Mädchen waren buchstäblich in unserem Hinterhof eingesperrt.»

Für Berrys Mutter kommt die glückliche Nachricht zu spät. Louwanna Miller sei im März 2006 «an gebrochenem Herzen» gestorben, sagte eine Freundin der Familie CNN. Berrys Cousine Tasheena Mitchell berichtete, sie habe sich im Krankenhaus persönlich von der Befreiung überzeugen müssen. «Sie war meine beste Freundin», sagte die 26-Jährige dem «Plain Dealer». Eine Freundin unterbrach sie: «Sie ist deine beste Freundin. Sie lebt.»

sda/AFP/chk/fko/mw

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