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«Ich kann nicht verstehen, dass der Mann wieder in die Schule geht»

Der U-Bahn-Schläger von Berlin wurde nach seinem brutalen Angriff auf freien Fuss gesetzt. Ein Kriminologe verurteilt dieses Vorgehen scharf und ist empört. Das Opfer konnte inzwischen das Spital verlassen.

Nach der Haftverschonung für einen Berliner U-Bahn-Schläger hält die Debatte über den Umgang mit jugendlichen Gewalttätern an. Der Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen, Christian Pfeiffer, bezeichnete die Haftverschonung für einen 18-jährigen Tatverdächtigen als «ein falsches Signal nach aussen». Nach Angaben des Vaters des mutmasslichen Täters will dieser sich bei dem Opfer entschuldigen.

Pfeiffer sagte im ARD-«Morgenmagazin», «ich kann nicht nachvollziehen, dass der junge Mann heute wieder ganz normal in die Schule geht, als ob nichts wäre». Es wirke so, als ob der Staat schwach sei. Mit dem Vorwurf des versuchten Totschlags wäre Pfeiffer zufolge eine Fluchtgefahr problemlos zu begründen gewesen.

Kriminologe beschuldigt Sarrazin

Zugleich bekräftigte der Kriminologe seine Ablehnung eines sogenannten Warnschuss-Arrests. Wer Abschreckung wolle, brauche eine starke Polizei, sagte er. Eine solche habe die Stadt Berlin «leider nicht». Die Aufklärungsquote bei Gewalttaten liege dort bei nur 60 Prozent.

Nach dem Überfall auf einen 29-Jährigen auf dem U-Bahnhof Friedrichstrasse hatten sich am Osterwochenende beide Tatverdächtige gestellt und die Tat gestanden. Gegen den 18-jährigen mutmasslichen Haupttäter erging Haftbefehl, er kam aber unter Auflagen auf freien Fuss. Gegen ihn wird wegen versuchten Totschlags ermittelt. Der Gymnasiast gab an, betrunken gewesen zu sein. Er soll das Opfer verprügelt und bis zur Bewusstlosigkeit getreten haben.

Gegen seinen gleichaltrigen mutmasslichen Komplizen wird wegen gefährlicher Körperverletzung ermittelt. Das Opfer konnte das Krankenhaus mittlerweile wieder verlassen.

Vater des Täters: Sohn bereut zutiefst

Der Vater des Hauptverdächtigen sagte «Bild»-Zeitung (Mittwochausgabe), niemand hätte gedacht, «dass unser Sohn zu so etwas fähig ist». Er bereue zutiefst, was er gemacht habe. Er wolle sich unbedingt bei dem Opfer persönlich entschuldigen. Es tue ihm «wahnsinnig leid».

Dem Blatt soll der Tatverdächtige aus guten Familienverhältnissen stammen und früher ein ehrgeiziger Ruderer gewesen sein. Später sei er eingeknickt, habe mehrfach die Schule wechseln müssen und den Sport aufgegeben. Auch soll er angefangen haben, Drogen zu nehmen.

Nach Einschätzung der Sozialpädagogin Rebecca Friedmann werde niemand von heute auf morgen zum Gewalttäter. Es gebe immer erhebliche biografische oder psychosoziale Belastungen im Hintergrund, sagte sie dem «Tagesspiegel» (Mittwochausgabe). In den meisten Fällen liege die Ursache von Gewalt in der frühesten Kindheit. Alkohol enthemme, aber das eigentliche Handlungsmotiv habe damit nichts zu tun.

Als Motiv hatte der angehende Abiturient angegeben, «in einer aggressiven Stimmung gewesen zu sein und nach Streit gesucht zu haben». Auch sei er betrunken gewesen.

Ursachen für Gewaltausbrüche vielfältig

Berlins Polizeipräsident Dieter Glietsch warnte vor voreiligen Schlüssen. Die erschreckende Brutalität eines jungen Mannes aus «geordneten Verhältnissen» mache deutlich, dass die Ursachen solcher Gewaltausbrüche vielfältig seien. Wann, wo und aus welch nichtigem Anlass solche Taten begangen würden, sei von Zufällen abhängig.

Den Opfern von Gewalttaten sei keineswegs damit am besten gedient, dass der Täter «sofort hinter Gittern verschwindet», gab der Polizeichef zu bedenken. Den Opfern helfe es vielmehr, wenn der Täter durch «dem Einzelfall gerecht werdende Reaktion» von der Fortsetzung einer kriminellen Karriere abgehalten werde.

dapd/bru

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