Zum Hauptinhalt springen

Aletsch: Hier droht ein gigantischer Bergsturz

Weil der Aletschgletscher schmilzt, rutscht die Moosfluh laufend ab. Würde sie auf einmal abbrechen, käme es zu einem gigantischen Bergsturz.

Felsabbruch: Der Moosfluh-Hang an der Flanke des Aletschgletschers rutscht rasant ab.
Felsabbruch: Der Moosfluh-Hang an der Flanke des Aletschgletschers rutscht rasant ab.
Dominic Steinmann, Keystone

Der gigantische Bergsturz am Piz Cengalo oberhalb von Bondo ist vor allem auf die starke Gletscherschmelze am Fuss des Berges zurückzuführen. Dadurch verlor der Fels eine Stütze und wurde instabiler – eine Gefahr, die im Schweizer Gebirge allgegenwärtig ist. Der Klimawandel führt nicht nur zu Entgletscherungen, sondern auch zum Auftauen des Permafrosts, der das Gestein auf über 2500 Metern vielerorts zusammenhält.

In den letzten Jahren wurde eine kontinuierliche Erhöhung der Temperatur im Permafrost festgestellt. Steigt sie über minus 1,5 Grad, ist das Eis mit dem Fels nicht mehr gut gekittet und die Stabilisierung geht verloren. Wenn die Gesteinsstruktur nicht massiv genug ist, bröckeln Felsen ab, die vor allem eine Gefahr für Bergsteiger und Wanderer im Hochgebirge sind.

«Bei der Moosfluh sind mindestens 150 Millionen Kubikmeter Fels in Bewegung.»

Bundesamt für Umwelt

Wegen der auftauenden Böden und der schmelzenden Gletscher könnten in Zukunft noch mehr grosse Murgänge und Felsstürze niedergehen wie in Bondo. Wo genau, ist schwierig vorauszusagen, weil viele Faktoren eine Rolle spielen. Forscher vermeiden es auf Anfrage jedenfalls, bestimmte Berge oder Gebiete als Risikozonen zu benennen.

Welche Auswirkungen die Klimaerwärmung auf das Gebirge in der Schweiz hat, zeigt sich aber besonders krass beim Aletschgletscher oberhalb der Walliser Riederalp. Weil er schmilzt, wurde die Bergflanke Moosfluh instabil und rutscht nun kontinuierlich ab. Mindestens 150 Millionen Kubikmeter Fels sind laut dem Bundesamt für Umwelt (Bafu) in Bewegung – zum Vergleich: Bei Bondo donnerten 4 Millionen Kubikmeter ins Tal und richteten grosse Zerstörung an.

Der Rückgang des Aletschgletschers ist nicht mehr aufzuhalten. Seit 1850 verkleinerte sich seine Fläche um fast 19 Prozent. Allein in den vergangenen 40 Jahren schmolzen rund 1,3 Kilometer ab. Der grösste Gletscher der Alpen wird nicht nur kürzer, sondern er verliert auch an Höhe und Masse.

Starker Rückgang: In 160 Jahren schmolz der Aletschgletscher um fast 19 Prozent. (TA-Grafik/lm)
Starker Rückgang: In 160 Jahren schmolz der Aletschgletscher um fast 19 Prozent. (TA-Grafik/lm)

Nach dem Rückzug des Gletschers fehlt das Gewicht, das auf den Moosfluh-Hang eingewirkt hatte. Jetzt rutscht der Untergrund gemäss Berechnungen des Bafu bis zu einer Tiefe von 100 bis 150 Meter. Und er rutscht vor allem schnell: Noch Mitte Oktober bewegten sich Teile der Moosfluh mit bis zu 80 Zentimetern pro Tag talwärts. Derzeit sind es noch etwa 12 Zentimeter pro Tag. «Nirgends sonst in den Alpen verzeichnen wir so grosse Rutschgeschwindigkeiten, in dieser Dimension ist es gewaltig», sagte Hugo Raetzo vom Bafu im vergangenen Monat der Nachrichtenagentur SDA.

Spuren eines Abbruchs: Die Rutschung des Moosfluh-Hangs. (Bild: Dominic Steinmann/Keystone)
Spuren eines Abbruchs: Die Rutschung des Moosfluh-Hangs. (Bild: Dominic Steinmann/Keystone)

Es handelt sich um die schweizweit grössten Felsverschiebungen. Die Rutschung erstreckt sich über eine Fläche von zwei Quadratkilometern, was rund 250 Fussballfeldern entspricht. Das instabile kristalline Gestein besteht aus Gneisen und Graniten, die zum Aarmassiv gehören. Oberhalb der Gletscherzunge entstanden riesige Spalten im kristallinen Fels. Die grösste Spalte erstreckt sich auf einer Länge von rund 300 Metern, die Öffnung beträgt bis zu 20 Meter.

Folgen der Rutschung: Im Fels entstanden riesige Spalten. (Bild: Hugo Raetzo/Bafu)
Folgen der Rutschung: Im Fels entstanden riesige Spalten. (Bild: Hugo Raetzo/Bafu)

Aktuell stürzen Steine und Felsblöcke von der Front auf den Aletschgletscher. Auch im oberen Rutschgebiet kommt es zu spontanen Abbrüchen. Fachleute rechnen mit weiteren kleinen oder auch grösseren Felsstürzen. Würde der Hang auf einmal abbrechen, käme es zu einem riesigen Bergsturz, der noch viel grösser wäre als jener von Bondo. Glücklicherweise würde ein Bergsturz in das vom Aletschgletscher geformte Tal stürzen und das Dorf Riederalp nicht direkt gefährden.

«Die Moosfluh ist der am besten überwachte Hang der Schweiz.»

Peter Schwitter, Naturgefahrenbeobachter des Kantons Wallis

Doch im Rutschgebiet ist die Gefahr für Personen gross. Wegen Rutschungen, Steinschlägen und Felsstürzen wurden seit September 2016 insgesamt 6 Kilometer Wanderwege gesperrt. Die neue Gondelbahn auf die Moosfluh, erst Ende 2015 in Betrieb genommen, musste kürzlich mit zwei hydraulischen Stützen ergänzt werden. Gemäss Berechnungen wird die Bergstation während 25 Jahren11 Meter in der Horizontale und 9 Meter in die Tiefe wandern.

Warnhinweis: Ein gesperrter Wanderweg im Gebiet zwischen der Moosfluh und dem Aletschgletscher. (Bild: Dominic Steinmann/Keystone)
Warnhinweis: Ein gesperrter Wanderweg im Gebiet zwischen der Moosfluh und dem Aletschgletscher. (Bild: Dominic Steinmann/Keystone)

Bereits heute messen ein Radarsystem via Satellit aus dem All, ein weiteres System mit GPS sowie eines mit hochauflösenden Bildern der ETH Zürich die Bewegung beim Aletschgletscher. «Die Moosfluh ist der am besten überwachte Hang der Schweiz», sagte Peter Schwitter, Naturgefahrenbeobachter des Kantons Wallis, zur SDA. Trotzdem konnten die Geologen bisher nicht nachvollziehen, wo und wann genau die Felsabbrüche im Hang stattfinden.

Das Rutschgebiet wird deshalb vom Bafu seit kurzem auch mit neuartigen Messsensoren überwacht. In gebohrte Löcher platzierte es sogenannte Geofone – Geräte, die Erschütterungen im Fels messen können. Insgesamt zwölf brachte das Bafu rund um die Hangrutschung an. «Das Ziel ist, dass wir einige Tage im Voraus erkennen, wenn sich Fels- oder Bergstürze abzeichnen», sagte Geologe Raetzo. Denn der Hang bei der Moosfluh wird sich noch über Jahre weiterbewegen.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch