Rebellische Kindergärtler stören den Unterricht

Verhaltensauffällige Kinder bringen die Kindergärtnerinnen an ihre Grenzen. Der Kanton Zürich hat deshalb eine Arbeitsgruppe mit dem Problem betraut.

Die Verhaltensprobleme häufen sich: Garderobe in einem Schweizer Kindergarten. (25. September 2014)

Die Verhaltensprobleme häufen sich: Garderobe in einem Schweizer Kindergarten. (25. September 2014) Bild: Keystone

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Die Präsidentin des Verbands Kindergarten Zürich (VKZ) spricht von einer «beträchtlichen Zunahme der Verhaltensauffälligkeiten» bei Kindern auf ihrer Stufe. Das Spektrum reiche vom absolut schweigsamen bis hin zum ständig aggressiven Kind, sagt Brigitte Fleuti. Sie schätzt den Anteil der verhaltensauffälligen Kinder auf zwischen 20 und 80 Prozent. «Der Unterricht kann mitunter massiven Störungen ausgesetzt sein», so Fleuti zur «NZZ am Sonntag».

Dabei handelt es sich nicht nur um ein Zürcher Problem: «Es gibt immer mehr Kinder mit Verhaltensauffälligkeiten bereits im Kindergarten», sagt auch Beatrice Kronenberg, Direktorin des Schweizer Zentrums für Heil- und Sonderpädagogik der Zeitung.

Nicht nur der Kindergarten ist betroffen

Dafür gebe es zahlreiche Gründe. Teils mangle es an der Erziehung. «Diesen Kindern fehlt dann die Erfahrung, sich in eine Gruppe einzuordnen, zu warten, nicht immer im Mittelpunkt zu stehen», sagt sie. Sie führt dies auch auf den häufigen Einsatz elektronischer Medien zurück, um die Kinder zu beschäftigen. Einen Einfluss könne auch falsche Ernährung haben. Ausserdem würden vermehrt genetische Störungen auftreten.

Ruth Fritschi, Zuständige für Kindergarten und Eingangsstufen beim Schweizer Lehrerverband, sieht das Problem nicht nur bei den Kleinsten im Schulsystem: «Es gibt generell eine Zunahme von verhaltensauffälligen Kindern. Das betrifft alle Schulstufen», sagt sie zur «NZZ am Sonntag». Den Grund sieht sie in der gesellschaftlichen Entwicklung und dem Einfluss anderer Kulturen.

Steigende Repetitionsquoten

Gesicherte Zahlen für die Schweiz gibt es bislang nicht. Das Bundesamt für Statistik ist aktuell erst daran, entsprechende Auswertungen vorzunehmen. Die Repetitionsquoten sprechen jedoch für sich: Während diese auf allen Schulstufen rückläufig sind, steigt sie bei den Kindern im Kindergarten weiter an.

Von 2001 bis 2014 stieg der Anteil der Buben, die ein drittes Kindergartenjahr anhängen mussten, von 1,6 auf 2,9 Prozent. Bei den Mädchen hat er sich nach einem ersten Anstieg wieder bei 1,5 Prozent eingependelt.

Fachpersonen bewerten Problem unterschiedlich

Der Kanton Zürich hat auf die Klagen aus den Kindergärten reagiert und eine Arbeitsgruppe eingesetzt, die mit Kindergärtnerinnen, Schulpsychologen und weiteren Experten gesprochen hat. Dabei zeigte sich, dass das Problem unterschiedlich wahrgenommen wird.

Während die Fachpersonen aus dem Vorschulbereich eine klare Zunahme beobachten, sehen es die Schulpsychologischen Dienste (SPD) weniger dramatisch. Urs Meier, Verantwortlicher für Sonderpädagogisches auf dem Zürcher Volksschulamt, spricht von einer «leichten Zunahme» der Fälle.

Broschüre und Weiterbildungen sollen helfen

Der Kanton Zürich will das Problem der Zürcher Kindergärten deshalb nicht separat weiterverfolgen, sondern auf allen Schulstufen handeln. Das Volksschulamt hat eine Broschüre zum Umgang mit Verhaltensauffälligkeiten und eine über den Einsatz von Schulassistenzen im Rahmen des Unterrichts herausgegeben. Zudem werden Weiterbildungen zum Thema angeboten.

Den Zürcher Kindergärtnerinnen genügt diese Lösung nicht. Brigitte Fleuti vom VKZ fordert eine Reduktion der Klassengrössen, vermehrt Halbklassenunterricht, zusätzliche Stellenprozente für den Notfall und die Möglichkeit von Time-outs für besonders schwierige Fälle. (pat)

Erstellt: 22.02.2016, 07:37 Uhr

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