In Schweden geht die «Flugscham» um

Immer mehr Schweden folgen dem Beispiel Greta Thunbergs und verzichten auf das Fliegen. Dafür haben sie sogar ein Wort.

Der Greta-Thunberg-Effekt wirkt sich auf das Flugverhalten der Schweden aus. Die Aktivistin reist mit dem Zug ans WEF. Bild: 20 Minuten

Der Greta-Thunberg-Effekt wirkt sich auf das Flugverhalten der Schweden aus. Die Aktivistin reist mit dem Zug ans WEF. Bild: 20 Minuten

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Greta Thunberg machte es vor: Sie fuhr mit dem Zug von Stockholm zum Weltwirtschaftsforum nach Davos und zum Klimagipfel nach Kattowitz. Für den umweltbewussten Verzicht aufs Fliegen gibt es im Schwedischen sogar ein Wort: «Flygskam» – «Flugscham».

Prominenter Vertreter der Bewegung ist der ehemalige Biathlet und Olympiasieger Björn Ferry. Er kündigte im vergangenen Jahr an, nur noch im Zug als Kommentator zu Sportveranstaltungen zu fahren. Auch beim Film wächst das Umweltbewusstsein. 250 Mitarbeiter der Branche unterzeichneten einen Aufruf in der grössten schwedischen Tageszeitung «Dagens Nyheter», wonach Produzenten Dreharbeiten im Ausland beschränken sollen.

Ein schwedischer Instagram-Account stellt seit Dezember Prominente an den Onlinepranger, die für Fernreisen werben. Der Account hat inzwischen mehr als 60'000 Follower.

Der Account «Flygskam» verbreitet auch scherzhafte Posts und stellt die Frage: «Wie gelangen wir Schweden im Winter an die Sonne?»

«Der Flygskam-Trend hat mich sicher beeinflusst», sagt die Politik-Studentin Viktoria Hellstrom. Vergangenes Jahr fuhr die 27-Jährige mit dem Zug von Stockholm nach Italien, um nicht zweimal innerhalb weniger Wochen zu fliegen. Ihre Freunde, die sie dort traf, reisten jedoch wie gewohnt mit dem Flieger an.

Vom Saulus zum Paulus

Bislang gehörten die Schweden zu den Vielfliegern. Das liegt zum einen an der Lage des Landes weit im Norden Europas – vom nordschwedischen Kiruna bis zur südfranzösischen Côte d’Azur sind es 4000 Kilometer. Aber auch am Wohlstand und dem breiten Angebot an Billigflügen.

Die Emissionen durch Flüge pro Kopf waren zwischen 1990 und 2017 fünfmal so hoch wie im weltweiten Durchschnitt, wie die Technische Hochschule Chalmers berechnete. Der Ausstoss klimaschädlicher Abgase durch Auslandsflüge ab Schweden stieg seit 1990 um 61 Prozent.

Landung in Stockholm: Schweden verspüren vermehrt Schuldgefühle beim Fliegen. (Archivbild) Bild: Johan Nilsson/Scanpix/Reuters

Auf der anderen Seite bekommt Schweden die Folgen des Klimawandels offenbar besonders deutlich zu spüren: Das Meteorologische Institut des Landes erklärte vergangene Woche, dass die Temperatur in Schweden doppelt so schnell ansteige wie im globalen Schnitt.

Männer zeigen weniger Einsicht

Im März veröffentlichte die World Wildlife Foundation eine Umfrage, in der fast 20 Prozent der befragten Schweden angaben, der Umwelt zuliebe schon einmal den Zug statt das Flugzeug genommen zu haben. Vor allem Frauen und junge Menschen reisen demnach umweltbewusst. Um den Trend zu unterstützen, will die Regierung bis Ende 2022 wieder Nachtzüge in die wichtigsten europäischen Städte einsetzen.

Im Winter verzeichnete die Schwedische Bahn SJ einen Anstieg der Geschäftsreisen um 21 Prozent. Die Zahl der Inlandsflüge ging im vergangenen Jahr laut Daten der Verkehrsbehörde vom September um 3,2 Prozent zurück.

Die schwedische Psychologin Frida Hylander ist überzeugt, das «Flygskam» nur ein Faktor für den Trend ist. Die neue Flugsteuer, die vor einem Jahr eingeführt wurde, könnte genauso gut ein Grund sein. Oder die Pleite der regionalen Fluggesellschaft Nextjet, deretwegen viele Routen monatelang nicht mehr angeboten wurden.

In den sozialen Netzwerken greift das Thema auch ausserhalb Schwedens um sich.

(oli/sda)

Erstellt: 12.04.2019, 10:37 Uhr

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