Jakobsweg verkommt zur Partymeile

Balgereien um Schlafplätze, Abfall und Hipstercafés: Über 280'000 Pilger erreichten letztes Jahr Santiago de Compostela. Die Anwohner verlieren darob ihr Gottvertrauen.

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Wer vor 20 Jahren auf dem Jakobsweg nach Santiago de Compostela pilgerte, konnte sich in Spanien Gastfreundschaft und Anteilnahme gewiss sein: Man wurde von schwarz gekleideten Greisinnen geherzt, weil es Glück bringt, einen Pilger zu umarmen. Bäuerinnen fütterten einen mit Suppe, an Regentagen füllten Kellner die Trinkflasche zum Trost gratis mit Brandy auf. Heute hingegen muss man als Pilger fürchten, mit gereckter Faust empfangen zu werden. In der Stadt Logroño im Nordosten Spaniens macht jetzt eine Einwohnergemeinschaft gegen die Massen auf dem Jakobsweg mobil. «Stop Gentrificación» protestiert dagegen, dass Altstadtquartiere zu Pensionen und Traditionskneipen zu Hipstercafés werden. Die Pilgerroute verkomme zur Partyzone.

Verschlafener Ort der Rast

Damit liegt Logroño im Trend. Mit 80 Millionen Touristen rechnet Spanien dieses Jahr – ein historischer Rekord. Für die immer noch unter den Folgen der Immobilienkrise leidende Wirtschaft ist das eine Labsal, im Tourismus entstehen dringend benötigte Jobs. Doch die Auswüchse nehmen zu: Die Innenstädte von Barcelona, Madrid oder Málaga sind fast reine Airbnb-Zonen, wo Einheimische kaum noch Wohnraum finden. Immer häufiger sieht man Quartierbewohner mit Transparenten:

«Der Tourismus tötet unser Viertel!»Quartierbewohner

Aber Logroño? Das ist ein eher verschlafenes Örtchen in der Region La Rioja, wo der Pilger Rast macht, bevor er sich auf den entbehrungsreichen Marsch durch die glühenden, baumlosen Weiten Kastiliens begibt. Störche nisten auf den Dächern, das Umland ist im Sommer eine Wüstenei, im Winter matschig und neblig. Vor dem Boom des Jakobswegs drohte die Stadt zu veröden, noch in den 90er-Jahren war das Zentrum marode, Läden waren geschlossen, Häuser verfielen.

Ein Pilger in Santiago de Compostela ruht sich aus.

Dann kamen Pilgerbücher von Paulo Coelho und Shirley MacLaine oder Hape Kerkelings «Ich bin dann mal weg», die dem mittelalterlichen Pfad zu weltweiter Popularität verhalfen. Einst halb verlassene Orte haben wirtschaftlich enorm davon profitiert. Trotzdem würden manche Einwohner von Logroño die Pilger inzwischen lieber auf einen Umweg durch die staubige Ebene des Ebro schicken. Der Sinneswandel hat damit zu tun, dass der Jakobsweg am eigenen Erfolg erstickt. Seit den 90er-Jahren hat sich der Pilgeransturm verdreissigfacht, jedes Jahr gibt es Rekorde, 2016 kamen fast 280'000 Wanderer in Santiago an.

Balgerei um Schlafplätze

Zwar loben in Dutzenden Internetforen noch immer viele Pilger die spirituelle Kraft und den persönlichen Gewinn der Selbstüberwindung, fast 800 Kilometer zu Fuss bezwungen zu haben. Doch es häufen sich Klagen über die Balgerei um Schlafplätze, Kommerz, Wanzen in Herbergen und gestresste, zähnefletschende Hofhunde. Der französische Schriftsteller Jean-Christophe Rufin schrieb nach einer Pilgerreise 2015: Es heisse, der Jakobsweg lasse Emotionen aus grauer Vorzeit aufleben. «Ich würde sagen, es dauert ungefähr zwei Stunden, bis man auf dem Boden der Tatsachen zurück ist.» (Süddeutsche Zeitung)

Erstellt: 11.08.2017, 10:59 Uhr

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