Juwelendiebe rauben ein Stück Weltkulturerbe

Aus Dresdens berühmten «Grünen Gewölbe» wurden drei der grossartigsten Schmuckgarnituren Europas gestohlen. Ein Video zeigt, wie die Diebe vorgegangen sind.

Der dreiste Raub in Dresden: Die Polizei veröffentlicht Aufnahmen aus Überwachungskamera. (Video: Polizei Dresden)

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Einen Anschlag auf das kulturelle Erbe Sachsens nannte es Michael Kretschmer. Nichts weniger. Die Kunstsammlung im «Grünen Gewölbe» sei ein Teil der sächsischen Identität, erklärte der Ministerpräsident. Man könne dieses Land nicht verstehen ohne diese Sammlung, die über Jahrhunderte entstanden sei. Deswegen seien auch nicht allein die Sächsischen Kunstsammlungen bestohlen worden, «sondern die Sachsen insgesamt». Marion Ackermann, Direktorin der Sammlungen, meinte: «Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, wie schockiert wir sind. Auch von der Brutalität des Einbruchs.»

Bilder: Einbruch in Dresdens Schatzkammer

Kurz vor fünf Uhr morgens waren zwei Täter ins Residenzschloss und ins «Grüne Gewölbe» eingedrungen, indem sie ein schmiedeeisernes Gitter zerstört und mehrere Fenster eingeschlagen hatten. Im sogenannten Juwelenzimmer zertrümmerten sie mit einer Axt eine High-Tech-Vitrine, raubten daraus gegen 100 Schmuckstücke und verliessen auf demselben Weg wieder das Haus. Als die Polizei fünf Minuten nach dem Alarm eintraf, waren die Räuber bereits weg. Kurze Zeit später brannte in Dresden ein Auto lichterloh, wahrscheinlich das erste Fluchtgefährt.

Auf Video live zu sehen

Zwei unbewaffnete Wachleute des Museums sahen den Einbrechern über Video live zu, wie diese den Schmuck stahlen. Gemäss den internen Weisungen durften sie nicht selbst eingreifen, sondern mussten die Polizei rufen. Direktorin Ackermann nannte die Sicherheitsvorkehrungen im «Grünen Gewölbe» «an der Grenze dessen, was technisch und menschenmöglich ist». Ihr Vorgänger hatte die Sicherheit mit «Fort Knox» verglichen, «nur unsichtbar».

Obwohl starke Sicherheitskräfte sofort alle Dresdner Autobahnauffahrten sperrten und eine Grossfahndung auslösten, gelang den Räubern die Flucht. Verstärkte Kontrollen an der Grenze zu Polen und Tschechien ergaben ebenso wenig Resultate wie Ermittlungen im Milieu krimineller Clans in Berlin.

Der Edelsteinschmuck im «Grünen Gewölbe» gilt als der umfangreichste Juwelenschatz Europas. Zum Glück für das Museum raubten die Diebe nur den Inhalt von einer der vier Juwelen-Vitrinen. Drei von insgesamt zehn Garnituren werden vermisst. Die Schmuckensembles stammen alle aus dem 18. Jahrhundert, bestehen aus insgesamt 95 Ketten, Reifen, Diademen, Ringen, Broschen, Spangen und sind mit Brillanten, Diamanten, Saphiren, Rubinen und Perlen besetzt.

«Unschätzbar im Wert»

Bei den gestohlenen Stücken handele es sich «um eine Art Weltkulturerbe», sagte Dirk Syndram, Direktor des «Grünen Gewölbes». «Es gibt nirgendwo in Europa Juwelengarnituren, die in dieser Form, Qualität und Quantität als königliche Ensembles erhalten geblieben sind.» Ackermann wie Syndram weigerten sich, den finanziellen Wert des Diebesguts zu beziffern.

Für solche weltweit bekannten Schmuckstücke gebe es keinen Markt, deswegen seien sie unschätzbar und unverkäuflich. «In jedem Fall steht der reine Materialwert in keinem Vergleich zum kulturellen und kunsthistorischen Wert», so Ackermann. Natürlich fürchte man, dass die Räuber die Ensembles aufbrechen, die Steine neu schleifen und so zu Geld machen könnten. «Das wäre dann ein Totalverlust.»

Marcus Becker, Kunsthistoriker der Berliner Humboldt-Universität, nannte die gestohlenen Juwelen «einzigartig». In der Werbung gälten Diamanten zwar als «ewig». Historisch gesehen, unterliege aber auch Schmuck Moden und sei höchst vergänglich: «Steine werden umgeschliffen oder neu gefasst, Metalle eingeschmolzen und neu verwendet.» Deswegen sei es so bedeutsam, dass die Garnituren im «Grünen Gewölbe» heute noch genauso aussähen wie bei ihrer Herstellung um 1700.

August der Starke (1670-1733) herrschte damals in Sachsen als Kurfürst, ab 1697 zudem als König von Polen und Litauen. Als einer der mächtigsten Monarchen jener Zeit rivalisierte er mit dem französischen «Sonnenkönig» Ludwig XIV. In Konkurrenz zu Versailles baute er Dresden zum barocken «Elbflorenz» aus und wetteiferte um die prachtvollsten Hoffeste und Kostüme. Schmuck spielte dabei eine wichtige Rolle, zur fürstlichen Repräsentation wie zur Prachtentfaltung vor höfischem Publikum. August der Starke war es auch, der das 1547 als Schatzkammer erbaute «Grüne Gewölbe» zwischen 1723 und 1729 zu einer «Wunderkammer» erweiterte und dem Publikum öffnete. Die neun Räume im Erdgeschoss des Residenzschlosses zählen deswegen heute zu den ältesten Museen der Welt.

Schon einmal geraubt

Beim Bombardement Dresdens 1945 wurden auch drei Räume des «Grünen Gewölbes» zerstört; die gegen 4000 Schmuckstücke waren damals bereits in die Festung Königstein ausgelagert. Am Ende des Zweiten Weltkriegs wurde der sächsische Staatsschatz erst in die Sowjetunion abtransportiert, 1958 aber auf Beschluss der kommunistischen Machthaber an die DDR zurückgegeben. Von 1959 bis 2004 war er im Dresdner «Albertinum» zu sehen. Erst 2006 kehrte er in das sanierte «Grüne Gewölbe» zurück.

Erstellt: 25.11.2019, 18:35 Uhr

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