Keine Show, alles echt

Malvina Abakarova zeigte mit ihrem Partner Atemberaubendes. Nach einem falschen Handgriff stürzte die Luftakrobatin des Circus Knie ab.

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Dass sie noch lebt, ist grosses Glück. Am Montag stürzte Malvina Abakarova während der Abendvorstellung in Luzern aus vier Metern Höhe ab. Es war nach 22 Uhr, das Luftakrobatik-Duo «Desire of Flight» ist die letzte Nummer im Programm. Abakarova fiel und brach sich beide Handgelenke, renkte sich einen Ellenbogen aus. Die Ambulanz brachte sie ins Spital, laut dem Circus Knie war die Artistin aber stets bei Bewusstsein. Die Vorstellung wurde abgebrochen, einige Zuschauer mussten betreut werden. Der Horror, mit dem jeder Luftakrobat spielt, war eingetroffen.

Malvina Abakarova ist Zirkusartistin in dritter Generation. Schon mit 13 Jahren sei sie auf der Bühne gestanden, sagte sie der weissrussischen Fotografin Valeria Mitelman, die ein Buch über Zirkusleute herausgegeben hat. Auf den Bildern ist Malvina mit ihrem Mann am Rauchen, steht sie mit Lockenwicklern vor dem Spiegel, eine schöne Frau, vom Leben leicht vernarbt. Ihren Mann Valerij hat sie vor 17 Jahren am deutschen Zirkus Flick Flack kennen gelernt. Er war Turner im sowjetischen Kader, bevor er in die Manege wechselte. Der Zirkus, sagt er, halte ihn schön fit.

Geboren sind beide in der Sowjetunion, doch schon seit Jahren sind sie unterwegs. In Europa, China und diesen Sommer in der Schweiz mit dem Circus Knie, wie schon 2015.

Wer sich so bedingungslos auf den anderen verlässt, der wird die Möglichkeit eines Unfalls vorbesprochen haben.

Das Thema ihres Duos ist die Liebe. Die zwei tanzen sich an, flirten, fallen übereinander her, verstossen sich wieder – jeden Abend, vor Publikum, im Scheinwerferlicht. Abakarova und ihr Mann (beide 48 Jahre alt) sind Eheartisten. Ihre Hauptrequisiten dabei sind Bänder aus Stoff und Leder, sogenannte Strapaten. Damit stellen sie in der Luft Atemberaubendes an: Manchmal hängt sie kopfüber, ungesichert, nur seine Hand umklammert ihr Fussgelenk. Dann lässt sie sich wirklich fallen aus der Höhe, er fängt sie am Boden auf. Sie trägt den kurzen Zirkusrock, er ein weisses Muskelmannkostüm. Am Zirkusfestival in Monte Carlo gewann das Duo 2014 den Goldenen Clown.

Die Angst vor dem Absturz

Der Circus Knie gibt einen «fehlerhaft ausgeführten Handgriff» als Ursache für das Unglück an. Wer genau wo losgelassen hat, das wissen nur die Artisten, wenn überhaupt. Möge es sie nicht lange plagen: Wer so eng zusammenarbeitet, sich so bedingungslos auf den anderen verlässt, der wird die Möglichkeit eines Unfalls vorbesprochen haben. Es gehe Abakarova den Umständen entsprechend gut, lässt der Circus Knie wissen. Für den Rest der bis November dauernden Tournee aber wird sie ausfallen.

Die Angst vor dem Absturz muss furchtbar sein – für den Akrobaten selbst, den Partner in der Luft und für die Kinder am Boden. Die Schriftstellerin Aglaja Veteranyi hat vor ihrem Tod ein ganzes Buch über diese Angst geschrieben. Abakarova hat einen Sohn mit Valerij, der noch zur Schule geht – und aus erster Ehe eine Tochter, 1990 auf einer US-Tour geboren. Sie ist ebenfalls Akrobatin geworden.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.07.2017, 19:45 Uhr

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