«Das Zugpersonal hat sich eingeschlossen»

Neue Details zum versuchten Attentat in einem französischen Zug. Ein französischer Schauspieler richtet schwere Vorwürfe an das Zugpersonal.

Das Drama im Zug: Ein Augenzeuge filmt, wie die US-Soldaten und der Brite den Angreifer stoppen. (Video: Youtube/Ahmed Meguini; 21. August 2015)

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Der nach einem Überfall auf einen Schnellzug zwischen Amsterdam und Paris festgenommene Schütze hat sich offenbar zeitweise auch in Deutschland aufgehalten. Der Verdächtige sei am 10. Mai 2015 in Berlin gewesen, verlautete am Samstag aus französischen Ermittlerkreisen. Von dort aus sei er in die Türkei weitergereist. Bei dem mutmasslichen Täter handelt es sich nach ersten Erkenntnissen um einen 26-jährige Marokkaner, der als radikaler Islamist bekannt war.

Der französische Schauspieler Jean-Hugues Anglade erhebt schwere Vorwürfe gegen das Bahnpersonal. Als an Bord Panik ausgebrochen sei wegen des bewaffneten Angreifers, hätten sich mehrere Mitarbeiter in einem speziellen Abteil verschanzt und die übrigen Passagiere ausgesperrt, sagte der aus dem Kultfilm «Betty Blue» bekannte Schauspieler dem Magazin «Paris Match». «Sie haben das Abteil mit einem speziellen Schlüssel geöffnet und sich eingeschlossen.»

«Der Schütze war wenige Meter von uns entfernt im Waggon Nummer zwölf», berichtete der 60-Jährige. Er habe zusammen mit seinen beiden Kindern und seiner Lebensgefährtin im benachbarten Abteil gesessen, dem hintersten Personenwaggon des Zuges. «Der bewaffnete Mann bewegte sich in unsere Richtung, er war entschlossen. Ich habe gedacht, das ist das Ende, wir müssen alle sterben.»

«Für uns war das unmenschlich»

Mit den anderen Passagieren habe er mit dem Rücken an der Wand zu dem abgeriegelten Abteil gekauert. «Wir haben geschrien, dass uns das Personal hineinlassen solle», sagte Anglade. Doch niemand habe reagiert. «Dieses Verlassensein, diese Hilflosigkeit, diese Einsamkeit – es war schrecklich und unerträglich. Für uns war das unmenschlich.»

Die Geschäftsführerin der Thalys-Gesellschaft, Agnès Ogier, wies die Anschuldigungen zurück. «Einer der Mitarbeiter hat gemerkt, wie er von einem Schuss gestreift wurde.» Er sei weggelaufen und mit fünf oder sechs Reisenden in den Gepäckraum am Ende des Zuges geflohen. Dort habe er den Alarm ausgelöst und anschliessend die Kollegen aus dem anderen Zugteil und den Fahrer informiert. Ein anderer Mitarbeiter habe den Zugführer ausserdem per Telefon alarmiert. In den beiden Zugteilen des Thalys befinden sich jeweils zwei Mitarbeiter der französischen Bahngesellschaft SNCF oder der belgischen SNCB.

«Geschlagen, bis er bewusstlos war»

Zwei US-amerikanische Soldaten und ein Brite haben einen Anschlag in einem französischen Thalys-Zug verhindert, indem sie den Schützen überwältigten. Dabei wurde einer der beiden Soldaten mit einem Messer verletzt.

«Wir haben einen Schuss und berstendes Glas gehört», erzählte der US-Nationalgardist dem französischen Fernsehsender BFMTV. «Ich habe hinter mich geschaut und gesehen, wie ein Mann mit einer Kalaschnikow reinkam.»

Sie hätten sich geduckt und sich dann auf den Täter gestürzt. «Mein Freund ist mit dem Messer verletzt worden, und ich habe die Waffe gepackt», sagte er. «Wir haben ihn gegen den Kopf geschlagen, bis er bewusstlos war.»

Weitere Passagiere halfen den Männern – darunter ein US-Student, der mit den Soldaten unterwegs war. Der Angreifer habe nur gerufen: «Gib mir meine Waffe wieder, gib mir meine Waffe wieder», berichtete der Student. Danach habe der Mann nichts mehr gesagt.

Der Schütze, der nach übereinstimmenden französischen Medienberichten 26 Jahre alt und marokkanischer Herkunft sein soll, verletzte beim Angriff am Freitag nach offiziellen Angaben zwei Menschen schwer. Innenminister Bernard Cazeneuve sagte, die US-Amerikaner und der Brite hätten möglicherweise ein «furchtbares Drama» verhindert.

Der Verdächtige wurde am Bahnhof im nordfranzösischen Arras festgenommen. Er war in Brüssel zugestiegen. Die Anti-Terror-Abteilung der Pariser Staatsanwaltschaft übernahm die Ermittlungen. (woz/fal/afp)

Erstellt: 22.08.2015, 08:38 Uhr

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