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Müssen die Bewohner von Bondo umgesiedelt werden?

Bergsturz-Experte Ueli Gruner über weitere Felsstürze in Bondo, wann die Gefahr vorüber ist und ob er noch im Dorf wohnen würde.

Nach erneuten Felsstürzen gingen am Donnerstagabend weitere Murgänge nieder und verschütteten die Kantonsstrasse. Bondo ist von der Aussenwelt abgeschnitten.
Nach erneuten Felsstürzen gingen am Donnerstagabend weitere Murgänge nieder und verschütteten die Kantonsstrasse. Bondo ist von der Aussenwelt abgeschnitten.
Beat Kälin
Der erneute Murgang hat das ganze Auffangbecken mit Kies, Felsbrocken und Schutt überflutet.
Der erneute Murgang hat das ganze Auffangbecken mit Kies, Felsbrocken und Schutt überflutet.
Beat Kälin
Kapo Graubünden
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Am Piz Cengalo kam es gestern Abend erneut zu mehreren Felsstürzen. Ist die Gefahr nun gebannt oder müssen weitere Bergstürze befürchtet werden?

Je nach Randbedingung, zum Beispiel bei intensiven Regenfällen, sind ein oder zwei weitere grosse Nachfolgestürze möglich. Das ist nicht unüblich nach so einem Grossereignis. Auch in Randa 1991 gab es insgesamt drei solche grossen Stürze in Folge.

Es regnet heute und morgen noch heftig weiter. Was bedeutet das für den Berg?

Mit den Nachbrüchen kommt auch wieder viel zusätzliches Schuttmaterial in die Ablagerungszonen. Es dürften nun sicher mehr als die ermittelten 3 Millionen Kubikmeter sein. Nach neusten Erkenntnissen könnten es insgesamt bald 4,5 Millionen Kubikmeter werden. Das Schuttmaterial kann bei weiteren Murgängen ins Tal geschoben werden.

Wann ist denn die Gefahr für dieses Jahr vorüber?

Aus meiner Erfahrung weiss ich, dass es auch im September bei intensiven Regenfällen nochmals zu Murgangschüben kommen kann, teilweise sogar bis Mitte Oktober. Aus dem Ablagerungsgebiet unterhalb des Piz Cengalo sind deshalb sicher nochmals einige Schübe möglich bis dahin. Man muss nun abwarten, bis Ruhe einkehrt. Im Winter wird die Kälte den Fels zusammenhalten. Aber solange noch Felsinstabilitäten bestehen respektive gemessen werden, wird noch keine Ruhe einkehren. Im Frühling muss die Situation dann neu eingeschätzt werden.

Wäre es dann auch möglich, dass die Einwohner von Bondo umgesiedelt werden müssen?

Das kann ich von aussen her nicht beurteilen. Im Winter wird die Situation stabiler sein, dann kann man das Ausmass genauer sehen. Bondo liegt halt auf einem Schwemmkegel direkt unter dem Kegelhals. Was vom Berg runterkommt, das schiebt sich in Richtung des Dorfes, deshalb wurden seit 2011 auch die entsprechenden Schutzmassnahmen gebaut, mit Alarmsystem und der Kanalisation am Dorf vorbei. In der Schweiz sind vielerorts ebenfalls Dörfer auf Schwemmkegeln gebaut worden. Das ist ein guter Baugrund, und weil es im 20. Jahrhundert wenig Ereignisse gab, dachte man, dass man dort schon bauen könne. Nun braucht es an vielen dieser Orte Schutzmassnahmen und Überwachung.

Würden Sie denn noch in Bondo wohnen?

Das kommt auf die Messungen am Piz Cengalo an und welche Schutzmassnahmen in Bondo getroffen werden. Wenn das Alarmsystem wieder funktioniert und ich sämtliche notwendigen Informationen hätte, würde ich in Bondo wohnen, ja.

Sie vertrauen den Messungen und der Technik.

Ja. Die Schweiz ist darin sehr gut und weltweit vielleicht sogar führend bei der Früherkennung. Ich durfte im Sommer auch die grönländischen Behörden nach einem 75-Millionen-Kubikmeter-Bergsturz bezüglich Früherkennung beraten.

Was kann mit den Messungen überhaupt überwacht werden?

Das kommt auf die Art der Messungen an. Sehr genau – im Millimeterbereich – weiss man es mit der Radarmessung, doch eine solche kostet 10’000 Franken. Im Kanton Bern lasse ich weit über hundert Felsbereiche überwachen, meist periodisch, vereinzelt aber auch permanent mit automatischen Messungen, um zu erkennen, ob sich das Material bewegt. Solche periodischen Radarmessungen machen wir beispielsweise bei der BLS, bei Autobahnen oder auch schon bei der SBB. Die Gefahr von grossen Felsstürzen sind so gut einzuschätzen. Bei Murgängen, die witterungsabhängig sind, ist das schwieriger.

Das heisst, die heftigen Regenfälle werden dem Piz Cengalo in den nächsten Tagen weiter zusetzen?

Ja, ich denke schon. Ich habe die historisch dokumentierten Bergstürze im gesamten Alpenraum, als Abbrüche mit über einer Million Kubikmeter Material, genau analysiert und festgestellt, dass bei über der Hälfte schwere Regenfälle zum Ereignis führten, beispielsweise beim riesen Bergsturz in Goldau im Jahr 1806. Zudem habe ich eine Häufung solcher Bergsturzereignisse im September festgestellt, bei intensivem Regen. Wenn es dann kalt wird, hält das Material zusammen. Gemäss meiner historischen Auswertung sind Bergstürze doch eher ein seltenes Ereignis. Im gesamten Alpenraum tritt ein solcher durchschnittlich nur etwa alle 5 Jahre auf.

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