Die Künzis und ihre Lösung gegen den Plastikmüll

Plastikröhrli zum Trinken? Das muss nicht sein. Von einem Hof im zürcherischen Maschwanden kommt eine Alternative.

Mit viel Handarbeit und Herzblut produziert: Künzis Trinkhalme werden aus Stroh statt Plastik hergestellt. (3. Juli 2019) Foto: Keystone / Alexandra Wey

Mit viel Handarbeit und Herzblut produziert: Künzis Trinkhalme werden aus Stroh statt Plastik hergestellt. (3. Juli 2019) Foto: Keystone / Alexandra Wey

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Es dreht sich nicht alles um Stroh bei den Künzis, aber sehr viel. Getreidedekorationen und Stroh-Trinkhalme machen inzwischen rund ein Drittel des Einkommens aus. Das Geschäft ist damit neben der Milchwirtschaft mit den zwanzig Kühen für den 18 Hektar grossen Hof ein wichtiges Standbein.

Claudia und Ruedi Künzi stehen am Rand ihres 1000 Quadratmeter grossen Getreideackers etwas oberhalb des Dorfes und prüfen Wachstum und Qualität. Im Oktober haben sie, wie immer in den vergangenen Jahrzehnten, neun verschiedene alte Getreidesorten gesät.

Inzwischen reichen die Gerste und der Weizen der Bäuerin bis zu den Schultern. Daneben gedeiht unter anderem auch russischer Roggen - alles schön in Reih und Glied. Glücklicherweise wurde die Saat von Sturm und Hagel verschont. Das verspricht ein gutes Getreidejahr zu werden.

Ab jetzt sind viel Handarbeit und Sorgfalt gefragt. Ende Juni bis Mitte Juli wird von Hand mit der Sichel oder dem Bindenmäher das hochgewachsene Getreide geerntet. Doch aufgepasst: Geknickte Halme eignen sich nur noch als Streu für das Läger der Kühe.

Ein gutes Getreidejahr ist in Aussicht: Der sechzigjährige Landwirt Ruedi Künzi erntet das hochgewachsene Getreide mit Sorgfalt. (3. Juli 2019) Foto: Keystone / Alexandra Wey

«Die alten Getreidesorten haben kleine Ähren und lange Halme», erklärt der sechzigjährige Landwirt. Für Strohdekorationen und Trinkhalme seien sie damit bestens geeignet. Bauern mit traditionellem Getreideanbau setzen hingegen auf neue Sorten mit grossen Ähren, vielen Körnern und niedrigem Wuchs.

Die Künzis nehmen den Umweltschutz sehr ernst. Ihr Betrieb ist dennoch kein Biobetrieb. «Getreide muss schön sein. Wer kauft schon Strohhalme oder Strohkränze mit schwarzen Flecken?», fragen sie rhetorisch. Ohne Behandlung gegen Pilzkrankheiten liessen sich diese Flecken nicht vermeiden. Claudia und Ruedi Künzi sind sich auch bewusst, dass sich mit Stroh-Trinkhalmen der Plastikverbrauch nur leicht reduzieren lässt und weiterreichende Schritte notwendig sind.

«Drei sonnige Tage braucht es für die Ernte», sagt Claudia Künzi. Das frisch geschnittene Getreide trocknet zunächst in ausgebreiteten Garben auf dem Acker, wird regelmässig in der Sonne gewendet und dann in die Scheune eingebracht.

«Getreide muss schön sein. Wer kauft schon Strohhalme oder Strohkränze mit schwarzen Flecken?», fragt Familie Künzi rhetorisch. (3. Juli 2019) Foto: Keystone / Alexandra Wey

Im Strohlädeli vis-à-vis, das gleichzeitig auch Werkstatt ist, rüstet Claudia Künzi dann die Halme. Sie schneidet den obersten Teil mitsamt der Ähre zum Strohflechten ab. Aus den restlichen Halmteilen entstehen Trinkhalme. Die Wachstumsknoten im Getreide, die jeweils herausgeschnitten werden müssen, bestimmen die Länge der Röhrchen.

Jeder Halm wird einzeln begutachtet und geschnitten. Hilfreich ist eine selbst konstruierte Maschine. Mit einer Art Guillotine mit Pedal lässt sich das Stroh in 13 respektive 20 Zentimeter lange Röhrchen schneiden, ohne das es gequetscht wird. Wie die Röhrchen entkeimt werden, bleibt das Betriebsgeheimnis der Künzis.

Der Dekobereich mit geflochtenen Strohsternen, Strohfiguren, Gestecken, Mobiles und Getreidegarben läuft ganz gut. Künzis haben unter anderem lange Garben mit Ähren und Stroh für die Filme «Zwingli» und «Schellenursli» geliefert. Die Anfragen erfolgen in der Regel online. Sie bieten auch Kurse im Strohflechten an.

Konzentration bei der Arbeit: Claudia Künzi schneidet die einzelnen Strohhalme zu. (3. Juli 2019) Foto: Keystone / Alexandra Wey

Schwankungen gibt es hingegen bei den Trinkhalmen. «Seit 2005 ist der Verkauf mehr oder weniger im Dornröschenschlaf versunken», stellt Claudia Künzi fest. Dabei hatte es im Sommer 2003 noch so gut ausgesehen. Ein Hotelmanager von den Malediven bestellte in Maschwanden Stroh-Trinkhalme für die Bar des Resorts. Aus ökologischen Gründen wollte der gebürtige Schweizer die Plastikprodukte ersetzen.

«Wir hatten wohl mit dem Anbau und der Ernte von Stroh Erfahrungen, aber Trinkhalme in einer grösseren Menge waren für uns damals absolutes Neuland», sagt Claudia Künzi. Die Sortenwahl, das Schneiden, Reinigen und Verpacken habe viele Tests erfordert.

Die richtige Röhrchendicke hatte schliesslich der russische Roggen. 50'000 Stroh-Trinkhalme wurden bis 2005 in die Malediven geliefert. Als der Tsunami kam, stellten sich andere Probleme als Trinkhalme. Die Kontaktperson vor Ort liess sich pensionieren, und der Auftrag fiel weg.

Ein traditionelles Produkt aus Schweizer Hand: Die Stroh-Trinkhalme sind auch im Ausland gefragt. (3. Juli 2019) Foto: Keystone / Alexandra Wey

Mit der Diskussion um die Reduktion von Plastik hat inzwischen der Verkauf der Trinkhalme wieder angezogen. Kein Hindernis sind dabei die deutlich höheren Preise. Stroh-Trinkhalme kosten im Päckli zu 20 Stück je nach Länge 5 Franken respektive 4.80 Franken. Sie sind damit rund 16-mal teurer als chinesische Plastikhalme.

Kunden setzten die teureren Strohhalme gezielt ein, stellt die Bäuerin fest. «Sie schätzen, dass das Produkt bei uns angebaut wurde und keine langen Transportwege hinter sich hat», sagt sie. Im Detailhandel und in Bars sind die Strohhalme noch nicht erhältlich. Eine Expansion des Geschäfts wäre aber wünschenswert.

Für Stroh-Trinkhalme sprechen gute Gründe: Alternativprodukte wie Glas-, Metall- oder Kartonröhrli benötigen für die Herstellung Rohstoffe und Energie. Sie müssen mehrmals transportiert werden und sind nicht ökologisch abbaubar wie das Stroh. (sda)

Erstellt: 16.07.2019, 16:36 Uhr

Artikel zum Thema

«Ein Plastikverbot wie in der EU ist wirkungsloser Aktionismus»

Der Nationalrat will den Verbrauch von Plastik einschränken. Der Ständerat wählt einen anderen Weg – und bekommt Applaus von einem Umweltfachmann. Mehr...

Jetzt verbietet auch Genf Plastik-Röhrli

Die Stadt verbannt Einweggeschirr bei Veranstaltungen. Erlaubt bleiben natürliche oder wiederverwendbare Produkte. Mehr...

Schweiz erreicht Verschärfung bei Plastik-Pakt

Plastikmüll aus reichen Ländern verschmutzt Strände in Asien. Ein internationales Abkommen soll nun die Lage verbessern – es wird als «historisch» gefeiert. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Blogs

Geldblog Negativzinsen: Was soll das?

Mamablog Ach, diese Instagram-Muttis!

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Die Welt in Bildern

Harter Einsatz: Ein Demonstrant wird in Santiago de Chile vom Strahl eines Wasserwerfers getroffen. Die Protestbewegung fordert unter anderem höhere Untergrenzen für Löhne und Renten, günstigere Medikamente und eine neue Verfassung, die das Grundgesetz aus den Zeiten des Diktators Augusto Pinochet ersetzen soll. (9. Dezember 2019)
(Bild: Fernando Llano) Mehr...