Niemand half ihr

Ein Mädchen wird vom Vater misshandelt und stirbt. Nun ist auch die Mutter in Untersuchungshaft – wegen unterlassener Hilfeleistung.

«Der Fall ist in seiner Grausamkeit einzigartig»: 2017 hat das Berner Inselspital rund 330 Fälle von Kindesmisshandlungen erfahren. Symbolbild: iStock

«Der Fall ist in seiner Grausamkeit einzigartig»: 2017 hat das Berner Inselspital rund 330 Fälle von Kindesmisshandlungen erfahren. Symbolbild: iStock

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Um ins Gefängnis zu kommen, muss man nicht aktiv eine Straftat begehen. Man kann auch dort landen, wenn man sie nicht verhindert hat. So passiert bei der Mutter eines eritreischen Mädchens, das letzten Februar im Inselspital verstorben ist. Der Vater aus Eritrea misshandelte das Mädchen schwer. Weil die Mutter weder eingeschritten ist noch Hilfe geholt hat, bleibt sie bis auf weiteres in Untersuchungshaft.

Gegen die Verlängerung der Untersuchungshaft wehrte sich die Mutter vor dem bernischen Obergericht – ohne Erfolg. Auch das Obergericht stellt sich auf den Standpunkt, dass die Mutter dem Kind hätte helfen müssen.

Täglich geschlagen

Im Entscheid des bernischen Obergerichts wird nun das Ausmass der Misshandlung deutlich. Das Mädchen erlitt eine Tortur, die sich über zweieinhalb Monate hinwegzog. Der Oberarzt im Inselspital stellte nach dem Tod fest, dass der ganze Körper des Mädchens übersät war mit mehreren alten und neuen Hämatomen. Zusätzlich hat man in der Untersuchung einen frischen Nasenbeinbruch festgestellt. Daraufhin nahm man beide Elternteile fest.

Beim Verhör gab die Mutter preis, dass der Lebenspartner die Tochter mit der Faust geschlagen habe, weil sie langsam gegessen habe. Der Druck des Vaters führte beim Mädchen dazu, dass es oft erbrechen musste. «Er hat sie jedes Mal geschlagen, wenn sie erbrochen hat, das ist praktisch täglich vorgekommen», sagte die Mutter aus. Weiter habe der Vater sie zwischen die Beine gekniffen und mit einem Teigroller geschlagen. Ob es aber die schweren Misshandlungen waren, die beim Kind zum Tod geführt haben, ist noch nicht gesichert. Dazu steht noch ein Gutachten aus.

Bei der Schwere der Verletzungen stellt sich die Frage, wieso niemand die Gewalt gestoppt oder zumindest gemeldet hat.

Zu einer Anklage des Vaters dürfte es laut Generalstaatsanwaltschaft frühestens im November kommen. Es gilt die Unschuldsvermutung. Ungeachtet dessen stellt sich bei der Schwere der Verletzungen die Frage, wieso niemand die Gewalt gestoppt oder zumindest gemeldet hat. Es ist schwer vorstellbar, dass Verletzungen über so einen langen Zeitraum unbemerkt bleiben.

Dem war auch nicht so. Sehr wohl bemerkt hat es unter anderem die Nachbarin, welche die Mutter einmal auf das blaue Auge ihrer Tochter ansprach. Daraufhin habe die Mutter aber nichts von den Misshandlungen erzählt. Fraglich ist auch die Rolle der Lehrerin. Das Kind besuchte den Intensivkurs in Deutsch, der über 20 Lektionen pro Woche umfasst. Zwar hat auch die Lehrerin Verletzungen festgestellt. Zu einer Meldung kam es jedoch nicht: Laut Generalstaatsanwaltschaft des Kantons Bern hätten Kind und Mutter unter Druck des autoritären Vaters «plausible Ausreden» für die Verletzungen vorgebracht. Als Lehrerin wäre sie ansonsten verpflichtet gewesen, Misshandlungen den Behörden zu melden.

«Grausamer Fall»

Die Polizei habe auch im weiteren Umfeld der Familie ermittelt, teilt die Generalstaatsanwaltschaft weiter mit. «Daraus hat sich aber keine ausserfamiliäre strafrechtliche Verantwortlichkeit ergeben.» Das heisst, die Lehrerin und die Nachbarin müssen nicht mit einer Anklage wegen unterlassener Hilfeleistung rechnen.

Die Stadt Bern äussert sich vorsichtig zum konkreten Fall. Grund sei der Persönlichkeits- und Datenschutz, wie Sven Baumann, Generalsekretär der Direktion für Soziales, Bildung und Sport, mitteilt. Aber: «Der Tod des Mädchens ist tragisch, traurig und beschäftigt auch die Schule und die Verwaltung sehr», so Baumann. «So etwas darf in der Stadt Bern nicht passieren.» Baumann weist darauf hin, dass in der Stadt Bern auch für Menschen, welche die deutsche Sprache nicht sprechen, ein umfassendes Hilfsangebot bestehe.

«Die Ausreden der Eltern können teilweise sehr kreativ und glaubhaft sein.»Charlotte Christener, Präsidentin Kesb Bern

Die Präsidentin der Kesb Bern, Charlotte Christener, zeigt Verständnis für die Lehrerin. «Die Ausreden der Eltern können teilweise sehr kreativ und glaubhaft sein», sagt Christener. Sie stelle fest, dass die Hemmung allgemein gross sei, eine Gefährdungsmeldung einzureichen. «Das hat wahrscheinlich auch mit dem nicht immer guten Ruf der Kesb zu tun.» Die Schweizer Bevölkerung mische sich zudem nicht gerne in die Angelegenheiten von anderen Familien ein. «So ein Fall zeigt, dass jeder eine Mitverantwortung trägt.»

Einen vergleichbaren Fall hat Christener in ihrer Tätigkeit noch nicht erlebt. «Der Fall ist in seiner Grausamkeit einzigartig.» So betreffen die meisten Gefährdungsmeldungen bei den Kesb zerstrittene Eltern oder vernachlässigte Kinder. Auch das wird aber zu Misshandlungen von Kindern gezählt. Die Begründungen des Obergerichts findet Christener hart, aber folgerichtig. «Auch wer nicht zuschlägt, sondern nur zuschaut, macht sich unter Umständen strafbar.» Für die Mutter selbst sei es aber sicher schwer gewesen, sich an die Behörden zu wenden. «Sie hat ja die bestehenden Institutionen nicht gekannt.» (Der Bund)

Erstellt: 14.08.2018, 14:22 Uhr

Christian Wüthrich ist leitender Arzt in der Kinder- und Jugendpsychiatrie und Leiter der Kinderschutzgruppe Inselspital Bern. (Bild: Valérie Chételat)

«Das Kind hätte man retten können»

Herr Wüthrich, was sind die Gründe dafür, dass Eltern ihre Kinder verprügeln?
Wir sehen vielfach, dass Eltern aus Überforderung zuschlagen. Wenn ein Kind nicht isst oder schläft, wie es soll, oder andere Verhaltensauffälligkeiten zeigt, können Eltern an ihre Grenzen kommen. Sie glauben dann, die
Situation nur noch mit Gewalt unter Kontrolle zu bekommen. Aber Gewalt ist nie eine Lösung.

Die Berner Kinderschutzgruppe war in den oben genannten Fall involviert. Ist so etwas selten?
Das war eine absolute Ausnahme. Wir haben erlebt, dass Säuglinge an einem Schütteltrauma starben. Aber in 22 Jahren habe ich nie erlebt, dass ein älteres Kind solche Verletzungen aufwies.

Seit 22 Jahren sind Sie Leiter der Berner Kinderschutzgruppe. Packt Sie heute manchmal noch die Wut, wenn Sie mit solchen Fällen konfrontiert sind?
Ja, wenn ich wie in diesem Fall sehe, dass ein Elternteil nichts unternommen hat. Dieses Kind hätte man retten können. Eine Frau kann ins Frauenhaus fliehen, wenn sie Angst vor ihrem Partner hat, oder die Polizei einschalten. Ich muss Elternteilen oft sagen, dass sie sich strafbar machen, wenn sie ihr Kind nicht vor Schlägen ihres Partners schützen.

Das Mädchen erlebte in diesem Fall monatelang Gewalt zu Hause, die erlittenen Schläge hinterliessen deutliche Spuren. Wie kommt es, dass Lehrer, Nachbarn oder Grosseltern in einem solchen Fall nicht einschreiten?

Manche Leute haben Angst davor, sich einzumischen, weil sie glauben, dass sie zum Beispiel mit einer Intervention etwas lostreten und dann vielleicht selber unter Gewalt leiden müssen. Manchmal ist es fehlende Zivilcourage. Aber jede Person hat die Möglichkeit, bei der Kesb eine Gefährdungsmeldung zu machen. Wir wissen auch von Kindern, die beispielsweise nach Schlägen nicht in die Schule geschickt wurden, bis die Verletzungen nicht mehr sichtbar waren.

An wen können sich Lehrer wenden, wenn sie den Verdacht hegen, dass ein Kind zu Hause Gewalt erfährt?

Unsere Kinderschutzgruppe führt jährlich 180 Telefonberatungen, darunter auch mit Lehrern, die sich melden. Wir raten ihnen, sich bei Verdacht auf Misshandlung mit der Schulleitung abzusprechen und die Eltern damit zu konfrontieren.

Die Berner Kinderschutzgruppe behandelte im letzten Jahr 327 Fälle von vermuteter Kindsmisshandlung. Wie oft hat sich die Vermutung bestätigt?
In einem Viertel der Fälle wurde der Verdacht nicht bestätigt.

Und wie oft kommt es im Jahr vor, dass Sie die Polizei rufen?
Wir versuchen, wenn möglich die Polizei nicht zu alarmieren. 2017 taten wir es trotzdem zweimal. Oft raten wir Eltern oder einem Elternteil zur Strafanzeige.

Die Kinderschutzgruppe

Die Schweizer Kinderkliniken haben 2017 rund 1730 Fälle von Kindsmisshandlung registriert. Im Berner Inselspital arbeitet eine spezielle Kinderschutzgruppe. Sie hat letztes Jahr rund 330 Fälle von vermuteten oder gesicherten Kindsmisshandlungen registriert. Für Ärzte, Behörden, Lehrer und Fachstellen bietet die Kinderschutzgruppe Telefonberatungen an. In komplexen Situationen führt die Kinderschutzgruppe Helferberatungen durch.

Sie steht auch in engem Kontakt zu Ärzten. Bei Verletzungen von Kindern, die nicht zu den Beschreibungen der Eltern passen, sucht die Gruppe das Gespräch mit ihnen. Bei Verdacht auf Misshandlung kann die Kinderschutzgruppe auch eine Erstbefragung der Kinder mit Videoaufnahme durchführen. Wenn die Eltern nicht kooperieren, leiten die Ärzte den Fall in Form einer Gefährdungsmeldung an die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb) weiter.

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