Schlimme Vorwürfe gegen den WWF

Die Tierschützer sollen in Asien und Afrika mit brutalen Paramilitärs kooperiert haben. Die Schweizer Sektion zeigt sich «zutiefst bestürzt». Was über den Fall bekannt ist.

520'000 Franken erhielt WWF Schweiz 2018 aus öffentlichen Mitteln: Rhinozeros und Angestellter eines Nationalparks in Nepal. Foto: Gilles Martin

520'000 Franken erhielt WWF Schweiz 2018 aus öffentlichen Mitteln: Rhinozeros und Angestellter eines Nationalparks in Nepal. Foto: Gilles Martin

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«Oft bekommen wir das Gefühl, zum Thema Umweltschutz gebe es nur Negatives zu berichten. Was stimmt, ist, dass die Dringlichkeit, unseren Planeten zu schützen, noch nie grösser war. Doch jenseits der Schlagzeilen gibt es immer mehr Beispiele positiver Entwicklungen.» So beginnt Thomas Vellacott, Geschäftsleiter von WWF Schweiz, sein Editorial im Jahresbericht 2018. Er nennt die Vergrösserung eines Nationalparks in Kolumbien und den Kauf von Fischereilizenzen am Great Barrier Reef in Australien als positive Beispiele. Und schreibt: «Solche Nachrichten stimmen mich zuversichtlich – und das ist unerlässlich, wenn wir immer mehr Menschen überzeugen wollen, sich für unseren Planeten zu engagieren.»

Was Vellacott beim Schreiben seiner Zeilen noch nicht wusste: Seine Organisation selbst – der WWF – soll über Jahre kriminelle Wildhüter finanziell und logistisch unterstützt haben, die brutal gegen Wilderer und unbeteiligte Zivilisten vorgegangen seien. Das Onlinemagazin «Buzzfeed» berichtete, der WWF finanziere in Nationalparks in Asien und Afrika paramilitärische Kräfte, rüste sie aus und arbeite direkt mit ihnen zusammen – «und zwar Kräfte, denen vorgeworfen wird, zahlreiche Menschen geschlagen, gefoltert, sexuell angegriffen und ermordet zu haben». Dem Bericht zufolge ereigneten sich die Vorfälle unter anderem in Nepal, Indien und Kamerun.

Das Onlinemagazin hat nach eigenen Angaben zwölf Monate lang in sechs Ländern recherchiert und dabei mehr als 100 Interviews geführt. Es hat zudem Tausende Seiten Dokumente erhalten – darunter vertrauliche Memos, interne Budgets und E-Mail-Diskussionen über den Kauf von Waffen.

Unabhängige Prüfung

Die internationale Naturschutzorganisation teilte mit, sie nehme die Anschuldigungen ernst und habe eine unabhängige Prüfung in Auftrag gegeben. Auch WWF Deutschland hat reagiert. Die deutsche Sektion hat einen unabhängigen Menschenrechtsbeauftragten engagiert, der bis im April einen ersten Zwischenbericht zu den Vorwürfen vorlegen will.

Grund für den grossen Druck ist die politische Dimension des Skandals in Deutschland: Laut Recherchen von «Buzzfeed» soll es in einem vom deutschen Entwicklungsministerium geförderten WWF-Projekt im Kongo zu Folter, Massenvergewaltigungen und Mord gekommen sein. Gestern hat das deutsche Umweltministerium eigene Abklärungen angekündigt. «Wir werden die Vorwürfe prüfen», sagte eine Sprecherin der Deutschen Presse-Agentur.

Auch für die Schweiz steht die Frage im Raum, ob Spendengelder oder öffentliche Mittel in die kritisierten Projekte geflossen sind. Ein stattlicher Anteil des 45-Millionen-Franken-Budgets von WWF Schweiz fliesst über eigene Projekte oder über das Netzwerk von WWF International ins Ausland. Die Organisation finanziert sich grösstenteils aus Spenden – rund 40 Millionen pro Jahr.

Zu den institutionellen Unterstützern gehört das Bundesamt für Umwelt. Es teilt mit, dass es keine Projekte unterstütze, auf welche die Beschreibung von «Buzzfeed» passe. Die zum Aussendepartement (EDA) gehörige Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza) finanziert aktuell nur ein Projekt mit Involvierung des WWF. Es betreffe die Förderung von nachhaltiger Rattanproduktion in Laos, teilt das EDA mit. «Sollte sich nach einer sorgfältigen Analyse der Situation ergeben, dass die Menschenrechte auch im von der Deza unterstützten Projekt in Laos missachtet würden, wären sofortige Massnahmen unumgänglich.» Weitere Beiträge erhält der WWF Schweiz unter anderem vom Lotteriefonds des Kantons Zürich sowie der Stadt Zürich. 2018 hat WWF Schweiz öffentliche Mittel von rund 520000 Franken eingenommen.

«Zutiefst bestürzt»

WWF Schweiz zeigt sich «zutiefst bestürzt» über die «schwerwiegenden Vorwürfe». Ob sich diese auf das Spendenverhalten auswirken werden, könne man nicht einschätzen, sagt Sprecherin Corina Gyssler. «Wir müssen sehen, was die Zukunft bringt.» Eine eigene Prüfung der Vorwürfe als Ergänzung zur Prüfung durch WWF International, wie das die deutsche Sektion angekündigt hat, plane man nicht, sagt Gyssler. Man sei nicht direkt vor Ort in die kritisierten Projekte involviert. «Verstösse sind deshalb bei WWF-Schweiz-Mitarbeitenden nicht bekannt.» Noch nicht beantworten könne man hingegen die Frage, ob allenfalls Schweizer Spendengelder direkt oder indirekt in die Projekte geflossen seien.

Laut Recherchen von «Buzz­feed» ist die nun eingeleitete Prüfung wegen des Verdachts schwerster Menschenrechtsverletzungen nicht die erste dieser Art. WWF sei schon vor Jahren gewarnt worden, dass seine Mitarbeiter «eine Mitschuld an gewaltsamen Angriffen auf einheimische Dörfer» tragen sollen. Hochrangige Führungskräfte im Hauptsitz des WWF in Gland VD hätten 2015 einen Bericht in Auftrag gegeben. Er sollte untersuchen, inwiefern der WWF in Gewalt gegen indigene Völker in Kamerun verwickelt war.

Im Bericht sei von Menschenrechtsverletzungen und gewalttätigen Übergriffen durch Umweltschützer sowie von «beängstigenden» und «gewaltsamen» nächtlichen Razzien in Dörfern die Rede – unterstützt durch Mitarbeiter des WWF. Die Täter seien nicht bestraft worden, auch wenn es «Beweise und Zeugenaussagen der Opfer» gegeben habe. Und: Der WWF habe den Park in Kamerun und die dortigen Ranger danach weiter unterstützt. Der Autor des Berichts sagte gegenüber «Buzzfeed», WWF anerkenne die Ergebnisse deshalb nicht öffentlich, «weil sie den WWF belasten würden».

Gründliche Untersuchung steht aus

Beat Kälin, Präsident des WWF Zürich, hat am Dienstagabend von den Vorwürfen erfahren. Falls die Berichte zutreffen, so sei dies sehr gravierend, sagt er. «Insbesondere dann, wenn die Probleme schon früher bekannt waren. Das wäre ein absolutes No-go.» Aber zunächst müsse jetzt abgeklärt werden, was Sache ist. «Ich verlange, dass der WWF diese Vorwürfe rasch und gründlich untersucht.»

Die Mitglieder seiner Sektion hätten bisher nicht reagiert, sagt Kälin weiter. Die Frage stehe aber im Raum, ob auch Gelder aus dem WWF Zürich in die Projekte geflossen seien. «Unsere Mitglieder haben ein Recht, dies zu erfahren.» Kälin will die Vorwürfe daher rasch in die offiziellen Gremien tragen. Heute Abend will er sie bei einer Sitzung des WWF Zürich ansprechen, am Samstag dann bei einem Treffen von WWF Schweiz.

Erstellt: 07.03.2019, 08:07 Uhr

Wer der WWF ist und was er macht

Der World Wide Fund for Nature (WWF) ist eine der grössten Naturschutzorganisationen der Welt. Seit seiner Gründung im Jahr 1961 hat die Stiftung mit Sitz in Gland VD nach eigenen Angaben über 13000 Projekte in über 100 Ländern umgesetzt. Mehr als fünf Millionen Menschen haben den WWF dabei unterstützt. In der Schweiz zählt man derzeit rund 270000 Mitglieder. Die Schweizer Sektion spielt im globalen WWF-Netzwerk eine führende Rolle. Sie gehöre zu den grössten Geldgebern für internationale Programme und entwickle die Natur- und Umweltschutzarbeit mit fachlichem Wissen weiter, heisst es auf der Website von WWF Schweiz. Die Naturschutzorganisation, die weltweit mehr als 6000 Mitarbeiter beschäftigt, finanziert sich grösstenteils über Spenden. Sie ist in mehr als 80 Ländern mit eigenen Büros vertreten. (sir)

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