Patrouille Suisse und die «Vandalen»-Vergangenheit

Der Tiger-Jet, der gestern knapp einem Absturz entging, gehörte früher zur rebellischen Fliegerstaffel 8.

Ein Flugzeug mit Geschichte: Die F-5 Tiger J-3088 verlor beim Unfall das rechte Höhenleitwerk. (9. Juni 2016)

Ein Flugzeug mit Geschichte: Die F-5 Tiger J-3088 verlor beim Unfall das rechte Höhenleitwerk. (9. Juni 2016) Bild: TA

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Eine kleine Berührung mit grosser Wirkung. Seit 52 Jahren gibt es die Patrouille Suisse, und noch nie hatte sie einen Unfall zu beklagen – bis heute. «Ich bin tief betroffen und gleichzeitig sehr erleichtert», sagte Luftwaffenchef Aldo Schellenberg. Ein Pilot versuche immer, sein Flugzeug zu retten, ergänzte sein Stabsoffizier Pierre de Goumoëns. «Meistens kämpfen die Piloten so lange um ihre Flugzeuge, dass sie zu spät aussteigen. Zum Glück war das hier nicht so.»

Der Unfall geschah um 16.15 Uhr. Zwei Piloten übten ihre Solovorführung, im Hintergrund gruppierte sich der Rest der Staffel neu, ein Routinemanöver, «nicht spektakulär», sagt Schellenberg. Dabei kam es zu einer Berührung zwischen zwei Jets. Der eine Pilot rettete sich per Schleudersitz und erlitt bei seinem Sturz in ein Gewächshaus leichte Verletzungen. Sein Jet landete in einem Teich.

Die erste Tiger der Staffel 8

Warum und wo sich die beiden Kampfflugzeuge berührten, weiss der Luftwaffenchef noch nicht. Sicher ist: Beim zweiten Flieger riss in der Folge das rechte Höhenleitwerk ab. Der Pilot, der erst im letzten Jahr zur Patrouille Suisse gestossen ist und mit 1250 Flugstunden zu den Unerfahreneren gehört, konnte dennoch nach rund 20 Minuten kontrolliert landen. Geflogen ist «Püpi», wie der Pilot auf dem linken Flügel der Sechserformation genannt wird, ein geschichtsträchtiges Flugzeug: die F-5 mit der Immatrikulation J-3088. Es ist die erste Tiger, die in den Neunzigerjahren das Abzeichen der berüchtigten Fliegerstaffel 8 auf dem Vorderrumpf erhielt: einen Sägezahnfisch, der durch eine stehende Acht schwimmt.

Das Logo der Fliegerstaffel 8: Der «Vandalo» (Bild: Wikipedia/Anidaat).

Die «Vandalen-Achter», wie sich die Staffel früher nannte, waren ein rebellischer Haufen, wie das Aviatikmagazin «Cockpit» erzählt: Malten sie zuerst Blümchen statt martialische Raubtiere auf ihre Messerschmitts, stellten sie sich in den Fünfzigerjahren erneut quer: Der Zweite Weltkrieg war vorbei, nun war ein nüchterner Auftritt gefragt. Dem verordneten Verbot von Staffel-Emblemen zum Trotz malten sie den böse blickenden Sägezahnfisch auf den Vorderrumpf, den «Vandalo». Diesen trugen auch die F-5 Tiger, auf die das Geschwader Mitte der Neunzigerjahre umstieg.

Heute trägt die J-3088 das weiss-rote Kleid der Nationalfarben, die rebellische Vergangenheit ist überdeckt vom tadellosen Ruf einer der bekanntesten Kunstflugformationen der Welt. Die Patrouille Suisse ist in der Aviatik, was Roger Federer im Tennis ist: ein Schweizer Exportschlager. Doch die Zukunft ist ungewiss: Vor drei Jahren wollte der ehemalige Verteidigungsminister Ueli Maurer die Staffel einstellen. «Die Patrouille Suisse hat so lange Bestand, wie die F-5 Tiger weiterbetrieben werden», sagte dazu Luftwaffenchef Schellenberg an der Pressekonferenz am Donnerstag. Für die Zeit danach gebe es noch keine klaren Überlegungen. Ob der heutige Unfall Konsequenzen für den Fortbestand der Patrouille Suisse haben wird, wollte Schellenberg ebenfalls nicht sagen.

Ursprünglich sollte die Tiger-Flotte 2018 ausser Betrieb gesetzt werden. Mit dem Scheitern der Gripen-Beschaffung ist aber unklar, wann die F-5 nach über 20 Jahren im Dienst der Schweizer Luftwaffe ausgemustert wird. So oder so: Das Ende der Patrouille Suisse ist mit dem heutigen Absturz etwas näher gerückt. Es wäre auch das Ende des «Vandalen» im weiss-roten Kleid.

Tragische Flugshow-Unfälle (10. Juni 2016, Video: TA/sh).

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 10.06.2016, 09:29 Uhr

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