Peinlich, peinlich

Dem Waffenkonstrukteur Michail Kalaschnikow wurde ein Denkmal gebaut – nur hat sich da leider ein unpatriotischer Fehler eingeschlichen.

Denkmal mit Denkfehler: Die Michail-Kalaschnikow-Statue in Moskau. Foto: Pavel Golvkin (AP, Keystone)

Denkmal mit Denkfehler: Die Michail-Kalaschnikow-Statue in Moskau. Foto: Pavel Golvkin (AP, Keystone)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Worauf man heute stolz ist, das kann morgen schon sehr unangenehm sein. Ein echtes «Markenzeichen der russischen Kultur» sei die Kalaschnikow, rühmte Kulturminister Wladimir Medinski das Gewehr, als Anfang der Woche auf dem Moskauer Gartenring ein Denkmal für seinen Erfinder Michail Kalaschnikow enthüllt wurde. Eine Militärkapelle spielte, ein Pope der orthodoxen Kirche besprengte die Statue des Waffenkonstrukteurs feierlich mit Weihwasser.

Tatsächlich gehört die Kalaschnikow zu den wenigen Marken aus den Tagen der Sowjetunion, die in der ganzen Welt bekannt sind wie Coca-Cola. Doch offenbar ist die 1947 als Awtomat Kalaschnikowa entwickelte und kurz AK-47 genannte Waffe wohl doch nicht bekannt genug – jedenfalls nicht in allen Details. Das Denkmal stand keine drei Tage, da entdeckten Waffen­kenner, dass unter den diversen AK-Modellen, die zu Füssen des Konstrukteurs auf der acht Meter grossen Skulptur in Bronze gegossen sind, auch eine schematische Zeichnung des Sturm­gewehrs 44 ist, mit dem – ausgerechnet – die Wehrmacht in den Krieg gegen die Sowjetunion gezogen war. Entwickelt hatte es der deutsche Waffenkonstrukteur Hugo Schmeisser bereits 1943, also vier Jahre vor Kalaschnikow.

Nicht das erste Mal gepatzt

Nachdem sich der Fehler schnell über das Internet verbreitet hatte, rückten am Freitag Arbeiter mit dem Metallschneider an und flexten die falsche Waffe vom Denkmal. Der Bildhauer Salawat Scherbakow räumte ein, es habe sich wohl «ein Fehler eingeschlichen». Das könne aber immer passieren. Der 62-Jährige hat in den vergangenen Jahren eine Menge patriotischer Denkmäler angefertigt. Am auffälligsten ist eine gewaltige Statue für den Grossfürsten Wladimir, der im Jahr 988 das Christentum angenommen und zur Staatsreligion für die Kiewer Rus gemacht hatte, jenen Staat, den sowohl Ukrainer als auch Russen als Vorläufer betrachten.

Vielleicht liegt es an der grossen Nachfrage nach Scherbakows patriotisch-monumentalem Stil, dass dem Bildhauer nicht zum ersten Mal ein Flüchtigkeitsfehler unterlaufen ist. 2014 wurde vor dem Weissrussischen Bahnhof sein Denkmal mit dem Titel «Abschied der Slawin» enthüllt. Von dort waren während des Grossen Vaterländischen Krieges die Soldaten an die Front gefahren. Das Lied mit dem gleichen Titel ist eines der bekanntesten aus dieser Zeit. Auf dem Denkmal aber entdeckten Experten bald einen Karabiner vom Modell Mauser 98. Die deutsche Flinte wurde umgehend abgesägt.

Unter allen Heldendenkmälern, die auf Bestellung der russischen Führung in jüngster Zeit in grosser Zahl errichtet werden, ist die Kalaschnikow-Statue gleichwohl eine Ausnahme. Die meisten anderen Monumente gelten Fürsten und Zaren und bisweilen auch dem sowjetischen Diktator Josef Stalin – alle seit Jahrzehnten, wenn nicht sogar seit Jahrhunderten tot. Michail Timofejewitsch Kalaschnikow indes ist erst vor wenigen Jahren, im Dezember 2013 im Alter von 94 Jahren, gestorben.

Schon in der Sowjetunion war er ein Nationalheld. Zu seinem 90. Geburtstag hatte Kalaschnikow die höchste Auszeichnung des Landes erhalten: den Stern des Helden Russlands. Seine Waffe wird heute noch von Armeen in mehr als 50 Ländern benutzt. Als Symbol für den Freiheitskampf ziert sie die Flagge der Republik Moçambique und die der Hizbollah-Miliz im Libanon. Weltweit wurden unterdessen mehr als 100 Millionen Exemplare produziert. Weil die Mechanik nicht besonders kompliziert ist, sind die meisten davon allerdings Raubkopien, Russland schätzt ihren Anteil heute auf gut 90 Prozent. Soldaten und Guerillakämpfer schätzen gleichermassen ihre hohe Zuverlässigkeit selbst bei Regen und Dreck. Weil sie zudem noch kinderleicht zu bedienen ist, drücken Warlords insbesondere Kindersoldaten oft diese Waffe in die Hand.

Das Gute an der Sache

Russlands Kulturminister Wladimir Medinski indes versuchte, dem Fehler noch etwas Positives abzugewinnen: Immerhin kenne jetzt jeder den Unterschied zwischen einer Kalaschnikow und einem Schmeisser-Sturmgewehr, erklärte er. Zudem habe der Fall noch einmal vor Augen geführt, dass man sich nicht auf das Internet verlassen dürfe. Wahrscheinlich habe einer der Assistenten des Bildhauers eine falsche Skizze kopiert. «Nichtsdestotrotz sind wir ein Land mit grossen Talenten», sagte der Minister.

Um aus einer technischen Zeichnung den Unterschied zwischen einem frühen Kalaschnikow-Modell und einem deutschen Sturmgewehr zu erkennen, dafür müsse man schliesslich ein grosser Experte sein.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.09.2017, 20:16 Uhr

Artikel zum Thema

Die Angst vor Russlands grünen Männchen

Ein gemeinsames Übungsmanöver mit Weissrussland versetzt die ganze Region in Unruhe: Was, wenn die russischen Soldaten bleiben? Mehr...

Russland und USA planen gemeinsame Mondstation

Die Internationale Raumstation ISS soll als Sprungbrett für das Projekt «Deep Space Gateway» dienen. Eine russische Raumfahrtagentur hilft nun bei der Realisation. Mehr...

Astronauten-Trio startet in Richtung ISS

Internationale Raumstation Video Das Team bereitet sich auf einen viermonatigen Aufenthalt an Bord der Internationalen Raumstation vor. Die Reise dahin dauert länger als normal. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Die Welt in Bildern

Festival vereint die verschiedenen Kulturen des Landes: Eine Frau singt und tanzt bei einem Strassenfest in Südafrika in einem traditionellen Kleid. (14. Dezember 2018)
(Bild: Rajesh JANTILAL) Mehr...