«Pistorius vermied den Blickkontakt mit der Mutter des Opfers»

Paralympics-Star Oscar Pistorius steht in Pretoria vor Gericht, weil er seine Freundin erschossen hat. Korrespondent Johannes Dieterich schildert seine Eindrücke aus dem Gerichtssaal.

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Der Mordprozess gegen Paralympics-Star Oscar Pistorius hat begonnen. Wie hat der Angeklagte vor Gericht gewirkt?
Bemerkenswert ist zunächst, dass Oscar Pistorius und June Steenkamp, die Mutter des Opfers Reeva Steenkamp, bis zum heutigen Tag einander nie gesehen hatten. Vor dem Prozessauftakt sagte June Steenkamp, dass sie sich vorstellen könne, Pistorius zu verzeihen. Sie wolle Pistorius aber vorher in die Augen blicken. Als Pistorius in den Gerichtssaal kam und zur Anklagebank schritt, wandte er sich allerdings ab. Die Mutter von Reeva Steenkamp konnte ihm also nicht in die Augen blicken. Pistorius trägt einen grauen Anzug und eine schwarze Krawatte, und er hat eine Kurzhaarfrisur. Während der Verhandlung schaute er sich kaum um, gelegentlich machte er sich Notizen. Pistorius wirkte sehr ruhig und unscheinbar.

Hat sich Pistorius zum Auftakt des Prozesses selber verteidigt? Oder überliess er dies seinem Verteidiger?
Pistorius antwortete nur auf die Frage der Richterin, wie er denn plädiere. Er sagte, dass er auf nicht schuldig plädiere – und zwar in allen vier Anklagepunkten. Angeklagt ist Pistorius nicht nur wegen Mordes an Reeva Steenkamp, sondern auch wegen Tragens und Nutzens verbotener Waffen und wegen unerlaubten Besitzes von Munition. Zwei Anklagepunkte haben allerdings nichts mit der Tötung seiner Freundin zu tun. Pistorius soll in zwei früheren Fällen Schüsse mit einer Pistole abgegeben haben, einmal aus einem fahrenden Auto und einmal in einem Restaurant. Ausführlich zu Wort kam heute Vormittag der Verteidiger von Pistorius. Er präsentierte die bereits bekannte Version, wonach Pistorius auf einen Einbrecher geschossen haben will.

Der Prozess gegen den südafrikanischen Paralympics-Star ist auch ein Medienspektakel. Wie präsentiert sich die Lage im und vor dem Gericht in Pretoria?
Im Gerichtssaal sitzen über 80 Journalisten aus aller Welt. Der Prozess wird teilweise live im Fernsehen übertragen, zugelassen waren beim Prozessbeginn lediglich zwei Fotografen. Alle anderen Fotografen sowie die vielen Kameramänner befinden sich vor dem Gerichtsgebäude. Pistorius sitzt alleine an einer langen Anklagebank, hinter ihm ist seine Verteidigung. In der ersten Zuschauerreihe sitzen, voneinander getrennt, die Angehörigen von Opfer und Täter: einerseits die Mutter, eine Schwester und eine Tante von Reeva Steenkamp, andererseits der Bruder, die Schwester sowie ein Onkel und eine Tante von Oscar Pistorius.

Heute Vormittag hat die Anklage ihre erste Zeugin präsentiert. Wie stark hat sie den Angeklagten belastet?
Die Frau aus der Nachbarschaft von Pistorius sagte, dass sie in der Nacht auf den 14. Februar 2013 Schreie gehört habe, die immer lauter geworden seien. Zuerst habe eine Frau geschrien, dann auch ein Mann. Die Zeugin berichtete von vier Schüssen. Nach dem ersten Schuss habe sie eine Pause wahrgenommen, bevor drei weitere Schüsse, kurz nacheinander, zu hören gewesen seien. Nach Ansicht der Staatsanwaltschaft gab es zwischen Pistorius und seiner Freundin einen Streit, der dann zum Tötungsdelikt führte. In den drei Prozesswochen werden insgesamt 107 Zeugen auftreten.

Hat sich die südafrikanische Öffentlichkeit aufgrund der umfassenden Vorberichterstattung bereits eine Meinung zum Fall Pistorius gemacht?
Die öffentliche Meinung ist ziemlich gespalten. Es herrscht aber die Meinung vor, dass Pistorius offensichtlich ein Problem habe, seine Wut zu kontrollieren. Es wird auch betont, dass sich Pistorius in den letzten Jahren verändert habe und immer arroganter geworden sei. Der Erfolg und der Ruhm seien ihm in den Kopf gestiegen. Grosse Teile der Bevölkerung sind wohl der Ansicht, dass Pistorius seine Freundin vorsätzlich getötet habe.

Erstellt: 03.03.2014, 15:45 Uhr

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Johannes Dieterich ist Korrespondent von Tagesanzeiger.ch/Newsnet in Johannesburg.

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