Plötzlich war Bauer Kohler im Dorf ein Brandstifter

Im Mai 2018 brannte das Bauernhaus der Familie Kohler nieder. Dann begann die Gerüchteküche zu brodeln.

Heute steht nur noch das Fundament: Kanis Kohler und Michelle Arm vor den Überresten des Bauernhauses. Foto: Nicole Philipp

Heute steht nur noch das Fundament: Kanis Kohler und Michelle Arm vor den Überresten des Bauernhauses. Foto: Nicole Philipp

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Der beissende Geruch ist das Erste, was Kanis Kohler wahrnimmt. Verbranntes Holz, Russ, ein rauer, stechender Gestank, der ihm entgegenschlägt. Als er sich umdreht, sieht er den Rauch. Wie eine dunkle Wolke, die alles umhüllt. Das Haus, in dem er aufgewachsen ist, steht in Flammen.

Anderthalb Jahre später sitzen Kanis Kohler und seine Partnerin Michelle Arm im weissen Baucontainer und erzählen ihre Geschichte. Der Regen prasselt auf das Dach, in der einen Ecke steht ein Kühlschrank, ein paar Teller und Tassen im Regal, draussen ein Grill. Der weisse Container ist heute Kohlers Zuhause auf Zeit. «Auch wenn ich eigentlich nicht mehr auf dem Hof wohne, arbeite ich doch den ganzen Tag hier», erklärt der 32-Jährige, «irgendwo muss ich ja frühstücken, zu Mittag essen.»

Kanis und Michelle sind seit acht Jahren ein Paar. Beide aufgewachsen auf einem Bauernhof, beide bodenständig, beide lachen viel, bieten sofort das Du an. Kennen gelernt haben sie sich an der Schafscheid im bernischen Riffenmatt, ihre Zukunft hatten sie schon geplant: ein eigenes Stöckli auf dem Hof, eine Familie, während Kanis’ Eltern weiter im Bauernhaus wohnen, in dem er aufgewachsen ist.

Heute steht von jenem Gebäude in Riggisberg BE nur noch das Kellergeschoss, eine riesige grüne Blache bildet die Wand zum Stall. Stünde im Keller nicht die Quellpumpe, welche die Kühe mit Wasser versorgt, wäre auch er schon lange abgebaut worden.

Gegen 11 Uhr fängt es am 18. Mai 2018 an zu brennen. Bald steht der ganze Dachstock in Flammen. Fotos: PD

Voller Adrenalin

«Eigentlich war es ein ganz normaler Tag», erzählt Kanis ruhig. Wie immer fährt er am 15. Mai 2018 frühmorgens von seiner Wohnung in Riggisberg zum Hof seiner Eltern, den er ihnen erst vor ein paar Monaten abgekauft hat. Wie immer beginnt er um fünf Uhr mit der Stallarbeit: melken, misten, füttern. Wie immer frühstückt er danach zusammen mit seinen Eltern. Vater Hans schaut anschliessend auf den entfernten Feldern nach dem Rechten, Mutter Therese fährt zur Arbeit. Und wie immer wird das Bauernhaus am Morgen mit dem alten Holzofen geheizt.

Kanis macht sich daran, die «Bschütti» auszutragen. Es ist etwa 11 Uhr, als er das Feuer riecht. «Als Erstes alarmierte ich die Feuerwehr», erzählt er, der selbst in der freiwilligen Feuerwehr Riggisberg tätig ist, «danach rannte ich zu den Tieren.» Die zwei Kühe, die noch im Stall sind, werden hinausgetrieben.

Die Kälbchen, die sich nicht so einfach bewegen lassen, hebt er kurzerhand auf und trägt sie ins Freie. Neun Kälber, jedes über fünfzig Kilogramm schwer. Hilfe bekommt er von seinem Nachbarn, Walter von Niederhäusern, über 60 Jahre alt. «Wir waren so voller Adrenalin, für uns wogen die Kälbchen in diesem Moment nichts.»

Michelle legt ihre Hand auf seine. Immer, wenn er ins Stocken gerät, übernimmt sie das Wort. Sie war die Erste, die er anrief, nachdem die Tiere gerettet waren. «An dieses Telefon kann ich mich noch gut erinnern», so die 31-Jährige, «obwohl du nichts gesagt hast, war es im Hintergrund wahnsinnig laut. Und irgendwann meintest du dann: Das Haus brennt.» Es ist kurz vor Mittag, als Michelle an jenem Tag aus dem Büro der Landi Thierachern, ihrem Arbeitsort, stürmt und zu ihrem Freund auf den Hof fährt.

«Es waren unglaublich viele Menschen, alle rannten umher. Und doch wusste jeder, was er zu tun hatte.» Michelle Arm

Fliegende Treicheln

Ein letztes Mal rennen Kanis und sein Vater in ihr brennendes Zuhause. Der Sohn schnappt sich die Familienfotos, trägt die Alben zusammen mit den Ordnern der Buchhaltung nach draussen. Der Vater greift seine geliebten Treicheln und wirft sie aus dem Fenster. Wie lange die beiden im beissenden Rauch waren, kann der junge Landwirt nicht mehr sagen. «Es ging alles wahnsinnig schnell.» Später wird sich sein Körper bemerkbar machen, Kopfschmerzen und Schwindel. Die Sanitäter diagnostizieren eine leichte Rauchvergiftung.

Wieder draussen, treffen Kohlers auf die herbeieilenden Feuerwehrleute. Riggisberg, Rüeggisberg, Belp, Bern, alle sind zum Grossbrand aufgeboten worden, insgesamt 116 Personen. Sofort beginnen sie damit, die Transportleitungen für das Wasser zu legen, insgesamt 2,7 Kilometer. «Das ist enorm viel», ordnet Fritz Rohrbach, Kommandant der Feuerwehr Riggisberg, ein. Rohrbach wohnt nur wenige Hundert Meter von Kohlers entfernt. Er war der erste Feuerwehrmann vor Ort und übernahm die Einsatzleitung.

«Es waren unglaublich viele Menschen, alle rannten umher, und doch wusste jeder, was er zu tun hatte», schildert Michelle Arm. Bereits um 11.36 Uhr, 23 Minuten nachdem die Feuerwehr alarmiert wurde, floss das erste Wasser.

«Die Polizisten stellten Fragen, wollten alles wissen. Und gleichzeitig brannte nur wenige Meter weiter unser Haus ab.» Kanis Kohler

Eine gefühlte Ewigkeit

Vom Löschvorgang bekommt die Bauernfamilie kaum etwas mit. Sie werden zu den Nachbarn gebracht, Vater, Sohn und auch die Mutter, die mittlerweile eingetroffen ist, sitzen in der Küche, hinaus dürfen sie nicht. Sie werden voneinander getrennt befragt. Ein Standardprozedere, das für Kanis kaum surrealer sein könnte: «Die Polizisten stellten Fragen, wollten alles wissen. Und gleichzeitig brannte nur wenige Meter weiter unser Haus ab.»

Etwa eine halbe Stunde dauert das Gespräch, eine gefühlte Ewigkeit. In Gedanken ist der Landwirt bei seinen Kühen: Die Rinder brauchen einen Ort, an dem sie bleiben können. Sie müssen noch gefüttert und gemolken werden, bevor der Tag um ist.

Erst als eine Lösung für die Tiere gefunden ist, kommt Kohler etwas zur Ruhe. In der Nähe von Riggisberg gibt es einen leeren Stall, den sie nutzen dürfen. Befreundete Bauern eilen mit Transportern heran, während die Feuerwehrleute mit dem Löschen beschäftigt sind, verladen sie die Tiere und bringen sie fort. Der neue Stall eignet sich nur bedingt, dennoch ist Kanis beruhigt. Den Kühen geht es gut.

Eine schlaflose Nacht

Stunden später kehren Kanis und Michelle auf den Hof zurück, der Grossteil der Feuerwehr ist bereits abgerückt. Die Nachlöscharbeiten sind im Gange, eine aufwendige Angelegenheit: Das Stroh im Dachstock hat sich in einen riesigen Haufen Glut verwandelt, Kralle für Kralle wird es mit dem Kran hinuntergehoben, jede Ladung gründlich gelöscht.

Um 23.15 Uhr verlässt das letzte Einsatzfahrzeug den Hof, nach Mitternacht fährt dann auch die Familie nach Hause. Die Eltern übernachten bei ihrer Tochter in Rüeggisberg, Kanis und Michelle fahren in ihre Wohnung nach Riggisberg. Ihre Kleider stinken nach Rauch. «Du hast mich gefragt, ob ich etwas essen möchte», erinnert sich Kanis, «Hunger hatte aber keiner von uns.» Es ist eine kurze Nacht: Deutlich früher als sonst stehen die beiden wieder bei den Kühen.

Der Tag danach: Überall liegen Trümmer und nasses Stroh.

Eine gemischte Zeit

Als sie später in die Eichmatt fahren, offenbart ihnen das Tageslicht das wahre Ausmass des Schadens. Dunkle Balken, Strohreste überall, ein Anblick, als hätte ein Riese das Dach des Hauses heruntergerissen. «Ich weiss noch, wie der Kachelofen dastand und so aussah, als wäre nichts passiert», schildert Michelle. «Ich glaube, erst da hast du realisiert, dass wirklich alles weg ist.» Später wird sich herausstellen, dass der Holzofen Grund für den Brand war. Der Kamin hatte ein Leck.

Drei Tage später darf die Familie die Trümmer betreten. Überall liegt nasses Stroh, die Balken und Möbel sind schwarz, der beissende Geruch des Feuers setzt sich auf Haut und Kleidern fest. Zu gebrauchen ist nichts mehr. Was nicht verbrannt ist, wurde vom Löschwasser durchtränkt. Kleidung, Möbel, Wertsachen – alles werden sich Kohlers neu beschaffen müssen.

Immerhin den Stall konnte die Feuerwehr retten. Eine Woche nach dem Brand dürfen die Kühe wieder zurück. Kanis führt seine Arbeit auf dem Hof weiter, auch wenn Strom und Wasser noch fehlen. Die Hände wäscht er im Brunnen, das Geschäft erledigt er im Toilettenhäuschen.

Die Gemeinde schaltet sich ein, sammelt Spenden, um der Familie über den Berg zu helfen, ein «schöner Betrag» kommt zusammen. Gleichzeitig brodelt die Gerüchteküche. Die Polizei habe Kanis verhaftet, er habe das Feuer selbst gelegt, um sich ein rosiges Leben zu gönnen.

«Wie die Leute auf so etwas kommen, ist mir schleierhaft», sagt Michelle und ballt die Hände zu Fäusten, «dabei haben wir an jenem Tag auch ein Stück unserer Zukunft verloren.» Das Geld, das durch die Spenden der und die Versicherung zusammenkommt, reiche längst nicht aus, um den ganzen Verlust zu decken. Das Paar hat einen Kredit aufgenommen. «Die Schulden werden uns noch lange begleiten», meint Kanis und seufzt.

Der Neuanfang

Der Regen hat mittlerweile aufgehört. Durch die leicht geöffnete Tür des Stalls erspäht man eine Kuh, die mit dem Schwanz nach einer Fliege schlägt. Etwas abseits, gleich neben dem Obstbaum, stehen vier hohe Bauprofile. Statt alles wieder hinzurichten, wie es war, wollen Kohler und Arm ein separates Wohnhaus bauen, mit genügend Platz für die ganze Familie und einem grösseren Stall.

Das Pärchen steht auf dem Hof. Es soll ein Neuanfang werden, ohne Feuer, ohne Gestank. Kanis legt seine Hand um Michelle, sie atmet tief ein. Es riecht nach Bauernhof, nach nassem Gras, nach Regen.

Erstellt: 24.08.2019, 18:48 Uhr

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Weiterbildung

Banken umwerben Frauen

Weltweit steigt das Privatvermögen von Frauen. Banken zeigen, wie dieses gewinnbringend anzulegen ist.

Kommentare

Blogs

Never Mind the Markets Die Inflation wird überschätzt

Mamablog Freiwillige Kinder vor!

Werbung

Weiterbildung

Ausbildung & Weiterbildung Finden Sie die passende Weiterbildung Technischer Kaufmann, Deutsch lernen, Coaching Ausbildung, Präsentationstechnik, Persönlichkeitsentwicklung

Die Welt in Bildern

In allen Farben: Die Saint Mary's Kathedrale in Sydney erstrahlt in ihrem Weihnachtskleid. (9. Dezember 2019)
(Bild: Steven Saphore) Mehr...